Pressemitteilung

Wissenschaftlicher Informatik-Nachwuchs: Prekäre Bedingungen gefährden IT-Standort Deutschland

In einer Stellungnahme zur „Lage und Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses“ warnt der Beirat des Wissenschaftlichen Nachwuchses (GI-WiN) der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) vor massiven strukturellen und finanziellen Defiziten im akademischen Mittelbau und schlägt acht konkrete Maßnahmen vor.

Berlin 24. Juni 2019 – Mit der Stellungnahme zur „Lage und Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses“ weist der Beirat des Wissenschaftlichen Nachwuchses in der Gesellschaft für Informatik (GI-WiN) auf die prekäre Lage vieler Nachwuchstalente im akademischen Mittelbau hin. Zunehmende finanzielle und strukturelle Defizite in der deutschen Hochschullandschaft würden die Informatik-Forschung vieler Promovierenden und Postdoktoranden zu einem Kraftakt machen, so Dr. Jens-Martin Loebel, Dr. Kerstin Lenk, Dr. Mario Gleirscher und Prof. Dr. Simon Nestler, die die Stellungnahme gemeinsam verfasst haben.

Dr. Kerstin Lenk, stellvertretende Sprecherin des Beirats sieht in dieser Vernachlässigung des wissenschaftlichen Mittelbaus durch die Politik eine massive Gefahr für den Wissenschafts- und Innovationsstandort Deutschland: „Die vielen Promovierenden und Postdoktoranden sind das Rückgrat der deutschen Informatikforschung. Doch prekäre Beschäftigungsverhältnisse, unzureichende Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder mangelndes Qualitätsmanagement machen den Hochschulstandort Deutschland für viele herausragende IT-Talente zunehmend unattraktiv. Wenn wir bei wegweisenden Zukunftsthemen wie Künstlicher Intelligenz, autonomen Fahren oder Data Science international konkurrenzfähig bleiben wollen, dann müssen wir die Verhältnisse unter denen der wissenschaftliche Nachwuchs heute arbeitet nachhaltig aufwerten.“

Um die Abwanderung herausragender IT-Talente (Brain Drain) an deutschen Hochschulen mittelfristig zu verlangsamen und langfristig zu stoppen schlägt der Beirat insgesamt acht konkrete Maßnahmen vor: Hierzu zählen

  • 1. die Trennung von Betreuung und Begutachtung sowie die externe unabhängige Begutachtung von Dissertationen,
  • 2. der flächendeckende Einsatz von Promotionskomitees mit unabhängigen Mitgliedern und der Dokumentation deren Arbeit zur Qualitätssicherung,
  • 3. die klare Definition der Rolle von Betreuern sowie die Unterstützung von Promovierenden/Postdoktoranden bei der zukünftigen beruflichen Orientierung und den Schutz der körperlichen und psychischen Gesundheit,
  • 4. die Beseitigung von negativen Einflüssen der vertraglichen Rahmenbedingungen auf das Betreuungsverhältnis,
  • 5. den Nachweis pädagogischer Weiterbildungen in der Betreuung vor Antritt einer Tenure-Track-Stelle und/oder einer Professur.

Der Beirat fordert darüber hinaus administrative und organisatorische Maßnahmen zur Strukturierung und Schaffung weiterer Karrierewege für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Hierzu zählen

  • 6. die Abschaffung des WissZeitVG (Gesetz über befristete Arbeitsverträge in der Wissenschaft),
  • 7. die Schaffung von Dienstvereinbarungen, nach Vorbild der Viadrina. Dazu gehören u.a., dass Erstverträge mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs über mindestens drei Jahre geschlossen werden. Die Arbeitszeit muss mindestens 50% betragen, wobei angestellte Promovierende und Postdoktoranden mindestens 40 % der Arbeitszeit für ihre eigenen Qualifikationsarbeiten zur Verfügung haben müssen. Familienpolitische Komponenten wie die Verlängerung des Arbeitsverhältnisses um zwei Jahre je Kind müssen berücksichtigt werden.
  • 8. die Schaffung von unbefristeten Positionen in oder nach der Postdoktoranden-Phase zum Beispiel in der Lehre oder reine Forschungsstellen nach dem Vorbild des angelsächsischen Systems.

Die Stellungnahme zur „Lage und Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses“ finden Sie hier zum Download: https://mb.gi.de/arbeitspapier-zukunft/.

Über die Gesellschaft für Informatik e.V.

Die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) ist mit rund 20.000 persönlichen und 250 korporativen Mitgliedern die größte und wichtigste Fachgesellschaft für Informatik im deutschsprachigen Raum und vertritt seit 1969 die Interessen der Informatikerinnen und Informatiker in Wissenschaft, Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung, Gesellschaft und Politik. Mit 14 Fachbereichen, über 30 aktiven Regionalgruppen und unzähligen Fachgruppen ist die GI Plattform und Sprachrohr für alle Disziplinen in der Informatik. Die Mitglieder binden sich an die Ethischen Leitlinien für Informatikerinnen und Informatiker der GI. Weitere Informationen finden Sie unter www.gi.de.

Pressekontakt:
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Dr. Kerstin Lenk, stv. Sprecherin des GI-Beirats für den wissenschaftlichen Nachwuchs