Meldung

Offener Brief an alle GI-Mitglieder

Liebe Mitglieder der GI,

vor einem Jahr wurde vielen von uns bewusst, was wir vorher schon hätten wissen können, aber nicht für möglich hielten: dass Geheimdienste die Möglichkeit haben und vermutlich auch nutzen, flächendeckend unsere Kommunikation und auch sonstige Aktivitäten im Internet zu überwachen.

Heute, ein Jahr später, ist die Aufregung in Deutschland wieder etwas abgeklungen. Selbst nach Bekanntwerden konkreter, mitunter auch spektakulärer Überwachungsaktionen ebbte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nach einer kurzen Welle der Empörung  schnell wieder ab.

Immerhin gab es weltweit zahlreiche Kampagnen, Appelle und offene Briefe - von Schriftstellern, Akademikern und IT-Firmen - mit mehr oder weniger stark akzentuierten politischen Forderungen. Gemeinsamer Tenor ist die Einforderung eines globalen Rechts auf Privatheit und die Aufforderung zu einer stärkeren Kontrolle der Geheimdienste.

Was aber hat die Gesellschaft für Informatik - was haben wir - getan? Mit unseren ethischen Grundsätzen ist eine flächendeckende, verdachtsunabhängige Überwachung der Kommunikation nicht vereinbar. Sie führt zu einem gläsernen Menschen und verletzt das Grundrecht des Einzelnen auf Privatheit, das eine wichtige Voraussetzung für Gedanken- und Meinungsfreiheit darstellt.

Deshalb haben wir zunächst versucht, mit einer Liste von Fragen und Antworten die Hintergründe der Spähaffäre zu beleuchten und aufzuklären.

Wir haben uns außerdem intensiv damit befasst, wie man sich als Einzelne oder Einzelner vor Überwachung schützen kann. Dazu haben wir erneut Fragen und Antworten zusammengestellt. Sie haben wieder Gelegenheit, die Antworten zu kommentieren, weitere Fragen zu stellen und die begonnene Diskussion fortzusetzen. Wir als Vorstand möchten aber nicht nur zur Diskussion anregen, sondern Sie heute als verantwortungsbewusste Informatikerinnen und Informatiker in die Pflicht nehmen.

Wir möchten Sie, liebe Mitglieder, dazu aufrufen, Ihr eigenes Verhalten im Internet zu reflektieren und Ihre Privatsphäre weitgehend zu schützen. Gehen Sie sparsam mit Informationen um, die Sie im Internet preisgeben. Nicht nur Geheimdienste sind „datenhungrig“, auch manche Unternehmen oder Kriminelle interessieren sich für Ihre persönlichen Daten. Doch es gibt sowohl beim E-Mailen wie auch beim Surfen und Suchen zahlreiche Möglichkeiten, einen Schutzschild vor Ausspähung - egal von welcher Seite sie ausgeht - zu errichten:

  • Verschlüsseln Sie – wenn möglich - Ihre E-Mail mit einem sicheren Ende-zu-Ende-Verfahren. Weitergehende Informationen über diese Verfahren und Anleitungen zum Einrichten finden Sie unter den Links am Ende der Liste mit den Fragen und Antworten zum Thema E-Mail-Verschlüsselung.
  • Signieren Sie Ihre Emails. Auf diese Weise deklarieren Sie dem Empfänger der Mail gegenüber, dass Sie auch tatsächlich der Sender sind und nicht ein anderer, der Ihre Identität missbraucht. Außerdem kann der Empfänger sicher sein, dass Ihre E-Mail unterwegs nicht manipuliert oder verändert wurde.
  • Nutzen Sie Suchmaschinen, die Suchanfragen und Ergebnisse mit HTTPS sichern und keine IP-Adressen speichern.
  • Nutzen Sie nicht Suchmaschine und E-Mail-Client von einem Hersteller, da sonst die Gefahr besteht, dass exakte Benutzerprofile angelegt werden.
  • Achten Sie darauf, dass Sie persönliche Informationen (wie Kontonummern, Geburtstage etc.) immer nur auf (mit HTTPS) gesicherten Web-Sites eingeben und lesen Sie vorher die Datenschutzbestimmungen, bevor Sie sie als gelesen markieren.
  • Sollten Sie selbst professionell mit IT-Sicherheit befasst sein, sorgen Sie dafür, dass künftig eine Grundsicherung auf einfache, benutzerfreundliche Weise möglich wird.
  • Und nicht zuletzt: Sprechen Sie auch mit Ihren Freunden und Kollegen über dieses Thema. Sensibilisieren Sie als Informatiker die Nicht-Informatiker und weisen Sie auf die Gefahren eines sorglosen Umgangs mit vertraulichen Informationen im Netz hin.

Auch wenn mancher dieser Schritte heute noch einen Komfortverlust mit sich bringt, appellieren wir an Sie, hier mit gutem Beispiel voranzugehen. Denn wenn mehr und mehr Bürger diesen Weg gehen, wird der Bedarf nach einfacheren, sicheren und kompatiblen Lösungen deutlich sichtbar werden und Software-Hersteller wie auch die Politik zum Handeln veranlassen. Dann, so hoffen wir, wird die digitale Signatur ebenso wie der digitale Briefumschlag eines Tages zu einer Selbstverständlichkeit werden und dem Schutz unserer Privatsphäre dienen, ganz so, wie wir es in der physischen Welt gewohnt sind. 

Das Verhalten eines Einzelnen oder auch von vielen Einzelnen ist ein erster Schritt, aber sicher nicht ausreichend, um auch politisch etwas zu bewegen. Deshalb setzen wir uns in unseren einschlägigen Fachgruppen und Arbeitskreisen weiter intensiv mit dem Thema Sicherheit und Vertrauen im Netz auseinander. Wollen Sie mitmachen? Dann melden Sie sich!

Im Namen des GI-Vorstandes:

Peter Liggesmeyer, Christof Leng, Simone Rehm, Andreas Oberweis

Liste mit Fragen und Antworten zum Thema E-Mail-Sicherheit zur Kommentierung