Lexikon

Social Software

Abstract

Ausgehend vom Begriff des Web 2.0 werden die Merkmale und Möglichkeiten sog. Social Software vorgestellt. Der Beitrag erläutert den Begriff und gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Arten. Merkmale und Nutzenpotentiale sowie Beispiele werden vorgestellt.

Rückblick: Der Weg zum „neuen“ Web 2.0

Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts galt das Web als Revolution der Informationstechnologie. Wer erinnert sich noch daran, dass Netscape das Potential bescheinigt wurde, den Marktführer für Betriebssysteme in seiner Marktdominanz ernsthaft zu gefährden? Es kam anders - Microsoft machte den Browser zu einem integralen Bestandteil seiner Betriebssysteme und musste einige Zeit später gerichtlich gezwungen werden, dies wieder zu ändern. Netscapes Browser hingegen, der einmal einen weltweiten Marktanteil von über 90% besaß, spielt heute kaum noch eine Rolle. Mit dem Ende des E-Business-Hype kehrten betriebswirtschaftliche Grundtatbestände in die Internetunternehmen zurück. Wer überleben wollte, musste Umsätze genieren. Wer Umsatz machte, musste auch Gewinne machen. Wer Gewinne machen wollte, musste seinen Kunden einen nachgefragten Mehrwert anbieten. Lange Zeit, und in der kurzweiligen Welt des Internet können das auch schon zwei bis drei Jahre sein, schien das Internet von den klassischen Geschäftsmodellen zurückerobert: Wer Mehrwert will, zahlt. Davon zunächst unbemerkt entwickelte sich ab ca. 2002 der Aufbau eines "neuen" Webs. Das Web wird hier nicht als Vertriebskanal für bezahlpflichtige Inhalte verstanden. Vielmehr stellt es ein Kommunikationsmedium für Gleichgesinnte dar. Menschen mit gleichen oder ähnlichen Interessen knüpfen soziale Netzwerke. Dabei geht es nicht um Bezahldienste, denn die dafür eingesetzten Softwaretools sind weitgehend kostenlos verfügbar. Gleichwohl geht es um Inhalte und Wissen, das untereinander getauscht und miteinander verknüpft wird. Unter anderem diese Idee des Web wird von ihren Protagonisten als Web 2.0 bezeichnet. Eine marketingorientierte Etikettierung, die aber treffend zum Ausdruck bringt, dass das Web eine Metamorphose zum echten Massenmedium durchläuft.

Definition des Begriffs

Als Social Software werden Softwaresysteme bezeichnet, welche die menschliche Kommunikation und Kollaboration unterstützen. Der Begriff etablierte sich ca. 2002 im Zusammenhang mit neuartigen Anwendungen, wie Wikis und Weblogs. Den Sys-temen ist gemein, dass sie den Aufbau und die Pflege sozialer Netzwerke und virtu-eller Gemeinschaften (sog. Communities) unterstützen und weitgehend mittels Selbstorganisation funktionieren [4].

Bemerkenswert an dieser Definition ist ihr Déjà-vu-Effekt: Mit Social Software erlangt der Ansatz des Computer Supported Collaborative Work wieder an Bedeutung [6]. Dass mit Social Software der Ansatz räumlich verteilter Gruppenarbeit in virtuellen Organisationsformen eine Renaissance erlebt, liegt an ihrer Benutzungsfreundlichkeit und Einfachheit.

Der Beitrag kann lediglich blitzlichtartig dieses sich schnell entwickelnde Thema er-hellen. Je nachdem, wie weit oder eng man den Begriff auslegt, lassen sich darunter auch Newsfeeds (RSS), E-Mail und Newsgroups subsumieren. Insbesondere in den (fast schon klassisch zu nennenden) Newsgroups wurden viele wichtige Regeln des sozialen Umgangs in einem Rechnernetz entwickelt und erfolgreich erprobt. Weitere Vorläufer, z.B. Fidonet, leisteten ebenfalls einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zu Social Software.

Forum

Ein Forum ist ein Diskussionsforum auf einer Website (Synonyme: Webforum, Board). Die von einigen Internetnutzern verfochtene Unterscheidung zwischen Forum und Board stellt lediglich eine Marginalie der Darstellungsform dar. Inhaltlich wird in beiden Fällen die gleiche Idee verfolgt. Üblicherweise besitzt ein Forum ein bestimmtes Thema und ist in Unterforen bzw. Unterthemen unterteilt [1]. Es können Diskussionsbeiträge (Postings) hinterlassen werden, die gelesen und beantwortet werden können. Mehrere Beiträge zum selben Thema werden zusammenfassend als Faden (Thread) oder Thema (Topic) bezeichnet.

Beispiele für Foren und Foren-Software
 

Instant Messaging

Instant Messaging (IM) ist ein serverbasierter Dienst, der es ermöglicht, mittels einer Client-Software, dem Instant Messenger, in Echtzeit mit anderen Teilnehmern zu kommunizieren. Diese Form der Kommunikation erfolgt textuell über die Tastatur und wird als „chatten“ (engl. plaudern) bezeichnet. Der Chat ist demgemäß eine textuelle Kommunikation in Echtzeit mit einem oder mehreren Gesprächpartnern. Die Idee des IM besitzt einen Unix-Vorläufer, den sog. talk-Befehl. Neu ist, dass man nunmehr eine IM-Nummer, analog zu einer Telefonnummer, besitzt, über die man direkt kontaktiert werden kann. Weitere nützliche Funktionen sind beispielsweise ein privates Adressbuch mit IM-Nummern sowie die Möglichkeit, den Online-Status (z.B. „abwesend“, „nicht stören“) eines Kommunikationspartners abzufragen.

Die Kommunikation in verteilten Teams zwischen verschiedenen Standorten und Zeitzonen ist mit IM vernünftig organisierbar. Ob ein Kollege in den USA gerade online ist, kann über seinen Status abgefragt und ggf. ein Chat aufgebaut werden. Die Ungewissheit des Wartens auf die Beantwortung einer Mail kann damit in dringenden Fällen umgangen werden. Für Projektteams können entsprechende Adressbücher zentral durch das Projektmanagement erstellt und per Mail an alle Teammitglieder zum Import in den IM-Client versandt werden [10].

Beispiele für IM-Sofware

  • www.jabber.org/network/- frei verfügbare IM-Server, an denen man sich zum chatten (oder „jabben“ – also „schwatzen“) anmelden kann.
  • Für Aufbau und Betrieb eines IM-Servers bietet sich die Opensource-Software Jab-ber (http://www.jabber.org) an.

Wiki

Begriff und Nutzen eines Wiki wurden bereits in [2] vorgestellt. Die jüngsten Probleme bei „Wikipedia“ zeigen die Grenzen von Social Software auf. Der Gedanke, dass eine frei editierbare Enzyklopädie durch viele kompetente Leser einer selbstorganisierten Qualitätssicherung unterliegt, musste in letzter Zeit mehrfach revidiert werden. Auch für virtuelle Gemeinschaften gilt, dass unterschiedliche Sichtweisen zu unterschiedlichen Interpretationen führen können. Diese Problematik führt bei Wikipedia dazu, dass enzyklopädische Beiträge nicht wertneutral sind. Ein Problem, das durch den Aufbau eines Review-Teams gelöst werden soll.

Beispiele für Wikis und Wiki-Software

 

Blog

Ein Blog (Synonym: Weblog; engl. Web + Log) ist eine regelmäßig aktualisierte Webseite, die Informationen beinhaltet, welche in umgekehrter chronologischer Reihenfolge präsentiert werden.

Ein Blog hat üblicherweise die Form eines Tagebuchs oder eines Journals zu einem spezifischen Thema. Blogs werden – im Regelfall - von einem einzelnen Autor, dem sog. Blogger, erstellt. Leser können durch angehängte Kommentarbeiträge einen Artikel des Bloggers kommentieren. Will sich ein Blogger auf Beiträge in einem anderen Blog beziehen, kopiert er in seinen Beitrag die entsprechende Trackback-URL. Dadurch wird automatisch am Ende des referenzierten Beitrags ein Link zum referenzierenden Beitrag generiert. Mittels Trackbacks lässt sich somit automatisch ein Netzwerk von Beiträgen und Kommentaren aufbauen. Die verwendete Software entspricht in ihrer Funktionalität einfachen Contentmanagementsystemen. Die Gesamtheit aller Blogs wird als Blogosphäre bezeichnet.

Die thematische Bandbreite reicht von Tagebüchern über hervorragende fachthematische Blogs bis zu Marketing-Blogs von Unternehmen. Blogs gelten als geeignetes Marketinginstrument zur Zielgruppenansprache. Dabei muss aber berücksichtig werden, dass die Anzahl der Nutzer von Weblogs (noch) nicht so hoch ist wie ihr Bekanntheitsgrad. Der typische Weblog-Besucher ist unter 30 Jahre alt, in der Ausbildung (Universität, Schule, Lehre) oder selbständig tätig und zählt zu den Intensivnutzern des Internet. Er ist deutlich internet- und computeraffiner als der durchschnittliche Internet-Nutzer [5].

Eine weitere Stärke von Blogs lässt sich auch für Wissensmanagement und CRM nutzen [8]: Durch gezielte Förderung der Nutzung von Blogs kann Expertenwissen in einer Institution einfach akkumuliert und zugänglich gemacht werden. Blogs sind außerdem als Frühwarnsysteme zur Erkennung neuer Kundentrends nutzbar.

Beispiele für Blogs und Blog-Software

 

Social Bookmarking

Social Bookmarking-Systeme dienen der Erfassung und Kategorisierung interessanter Links. Diese Sammlung von Bookmarks (Lesezeichen) wird allgemein zugänglich gemacht und mit anderen Benutzern des Tools verlinkt, die den gleichen Bookmark hinterlegt haben. Die eigenen Bookmarks werden auf einer Social Bookmarking-Site veröffentlicht. Die Software hat dabei folgende Aufgaben: Verschlagwortung („tagging“), Annotation sowie Verlinkung mit den Bookmark-Seiten anderer Benutzer des Systems, die das gleiche Lesezeichen gesetzt haben.

Das sog. Tagging wird oftmals als „folksonomy“ bezeichnet, eine Sprachspielerei aus den beiden Begriffen „folk“ und „taxonomy“ [3]. Der Begriff soll zum Ausdruck bringen, dass hier keine Begriffssystematik nach streng wissenschaftlichen Kriterien angestrebt wird. Vielmehr steht es jedem Nutzer frei, sein eigenes Begriffssystem aufzubauen. Interessant sind dabei zwei Eigenschaften:

  1. Bereitstellung einer Verlinkung mit anderen Nutzern des Systems, die den gleichen Bookmark gesetzt haben und
  2. Bereitstellung der von anderen Nutzern verwendeten Tags.

Die daraus resultierende Vernetzung über Tags und Links bietet reichhaltigere Informationsmöglichkeiten als jede Suchmaschine. Einige Systeme heben die am häufigsten verwendeten Tags der Site optisch durch eine größere Schrift dynamisch hervor (sog. tag cloud).

Wie interessant Social Bookmarking-Systeme für das Web 2.0 sind, lässt sich daran ermessen, dass Yahoo Mitte Dezember 2005 eines der erfolgreichsten Systeme (del.icio.us) aufkaufte.

Beispiele und Software

 

Social Networking

Netzwerk-Software ermöglicht den Aufbau von zielgerichteten Beziehungen im Internet. Diese Beziehungen können privat oder geschäftlich orientiert sein. In Deutschland am bekanntesten dürfte das Netzwerk OpenBC sein, das vor allem der Vernetzung für berufliche Zwecke dient. Ein weiteres, aufgrund seiner Themenstellung interessantes System ist 43Things. Hier können sich Internetnutzer mit gleichen Lebenszielen vernetzen. Durch Hinterlegung des eigenen Profils werden die persönlichen Daten für andere Nutzer des Netzwerks zugänglich. Eine weitere interessante Funktion derartiger Systeme ist die Analysemöglichkeit, welche Kontakte die eigenen Kon-takte zu anderen Nutzern des Systems haben. Dennoch haben diese Systems auch noch einige Schwächen [7]:

  • Einfacher als in der Realwelt bekommen Nutzer solcher Systeme ungebetene Anfragen zur Vernetzung, die für sie nicht von Interesse sind. Wie in der Realwelt, so hat man auch in der virtuellen Community das Entscheidungsproblem, den Absender zurückweisen zu müssen, was oft als unhöflich angesehen wird oder die Vernetzung zu akzeptieren und damit sein Profil zu verwässern.
  • Das Problem wird noch verstärkt, wenn das System zwischen zahlenden und nicht-zahlenden Mitgliedern unterscheidet. Nicht-zahlende Mitglieder können einen Kontakt zumeist nur "Ablehnen" oder "Akzeptieren", jedoch keine Nachricht an die betreffende Person übermitteln.

Im Endeffekt besteht die Gefahr, dass den Betreibern kostenpflichtiger Systeme ihre Netzwerke verwässern, weil sie gegen einen Grundgedanken von Social Software verstoßen: Mehrwert entsteht durch eine möglichst große Zahl von Nutzern mit qualitativ guten Kontakten („Metcalfe’s Law“).

Beispiele

 

Ausblick

In einem treffenden Aufsatz aus dem Jahr 1996 hat Alfred Kieser die Moden und Mythen der Managementlehre pointiert gekennzeichnet [9]. Auch „Social Software“ ist ein Begriff, der dieser Gefahr unterliegt. Letztlich muss die Frage gestellt werden: Was bleibt und was ist Nutzen stiftend? Diese Frage lässt sich wohl zurzeit am besten beantworten, wenn man die Chancen von Social Software für das Wissensmanagement betrachtet. Für viele Anforderungen des Wissensmanagement braucht es keine komplexe Wissensmanagementsoftware. Social Software bietet eine einfache Möglichkeit, den Ansatz des Wissensmanagement mit konkreten Inhalten zu füllen. Es ist deshalb damit zu rechnen, dass der Einsatz von Social Software auf absehbare Zeit so selbstverständlich sein wird, wie es heute E-Mail ist.

Literatur

1. Bächle, M.: Virtuelle Communities als Basis für ein erfolgreiches Wissensmanagement. HMD – Praxis der Wirtschaftsinformatik 246, 76–83 (Dezember 2005)

2. Ebersbach, A., Glaser, M.: Wiki. Informatik-Spektrum 28(2), 131–135, (April2005)

3. Hammond, T. et al.: Social Bookmarking Tools (I) – www.dlib.org/dlib/april05/hammond/04hammond.html, abgerufen am 16.12.2005

4. de.wikipedia.org/wiki/Social_software, abgerufen am 01.12.2005

5. www.ecin.de/news/2005/12/05/08981/index.htm, abgerufen am 2005-12-09

6. wwwfgcscw.in.tum.de/index.html, abgerufen am 15.12.2005. (Website der Fachgruppe CSCW in der Gesellschaft für Informatik e.V.)

7. www.roell.net/weblog/archiv/2005/03/03/gaming_the_system_
openbc.shtm, abgerufen am 09.12.2005

8. www-306.ibm.com/e-business/ondemand/us/customerloyalty/blogs/
blogging_flash.shtml

9. Kieser, A.: Moden und Mythen des Organisierens. DBW 56(1), 21–31 (1996)

10. Raven, M.E. et al.: Ease of Instant Messaging: How the Use of IBM Lotus Sametime. Changes Over Time – domino.watson.ibm.com/cambridge/research.nsf/2b4f81291401771785256976004a8d13/
bbfc7e6f13c880c385256c850077e1f2?OpenDocument, abgerufen am 15.12.2005

Autor und Copyright

Prof. Dr. Michael Bächle

Berufsakademie Ravensburg

Studiengang Wirtschaftsinformatik

Marienplatz 2

88212 Ravensburg

E-mail: baechle(at)ba-ravensburg.de

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