Lexikon

Internetpiraterie

Internet-Piraterie ist spätestens seit Napster (1999) ein bekanntes Phänomen. Es betrifft grundsätzlich alle digitalen Kulturprodukte (Software, Games, Musik, Film, E-Books; spartenübergreifend Pornographie; noch kaum Bildende und Darstellende Kunst). Unser Beispiel sind E-Books, das Format, bei dem das Verhältnis Schaden pro Item (bestimmte Bücher sind teuer!) am gravierendsten und dessen Pirateriegeschichte am jüngsten ist. Sie begann im Wesentlichen mit Amazons Kindle im Jahre 2007.

Schon Luther und Cervantes klagten über Urheberrechtsverletzungen und Plagiate ihrer Bücher. Ein halbes Jahrtausend später, im Internetzeitalter, erreichen diese Probleme eine neue Dimension, bekannt unter dem populären Begriff ,,Piraterie“. Das älteste Medium Buch ereilt diese, mit der Einführung des E-Books, merkwürdigerweise erst seit wenigen Jahren. Seither grassiert sie, und kaum eine E-Book-Veröffentlichung wird nicht innerhalb kürzester Zeit piratisiert. Das betrifft regelmäßig vor allem Sach- und Fachbücher, aber zusehends auch andere, zumal (populäre) belletristische Literatur; erstere haben einen größeren ,,must have“-Faktor (Studenten brauchen sie für ihr Studium), während letztere (nur) ,,nice to have“ sind (kriege ich dieses Buch nicht, lese ich halt ein anderes); aber auch auf diese gründen Piraten-Geschäftsmodelle. Insgesamt wandelt sich das Gebiet sehr dynamisch, aber einige Grundformen sind zurzeit konstant, und wer sich als Rechteinhaber wehren möchte oder generell verstehen möchte, was da passiert, sollte sie kennen.

 

Formen von E-Book-Piraterie

E-Book-Piraterie findet überwiegend in diesen Formen statt:

  • Filehoster-Piraterie: Bücher werden in Piratenforen vorgestellt und sind dann über einen Links auf einen Filehoster downloadbar (Uploaded.net und ein paar Hundert weitere und wechselnde). Der Uploader eines entsprechenden Files bekommt (nicht immer) eineVergütung vom Filehoster, wenn der File von einem Besucher abgerufen wird. Hat ein Rechteinhaber einen derartigen File identifiziert, kann er ihn beim Filehoster mittels Notice-and- Takedown-Verfahren abmelden bzw. deaktivieren lassen. Dieses basiert rechtlich auf dem Digital Millennium Copyright Act (DMCA).Da zwischen Piraterieforen und Filehoster häufig Anonymisierungsseiten, Captchas u. ä. geschaltet sind, ist es in der Regel nicht möglich, die Filehoster-Links automatisch, d. h. per Algorithmus aufzufinden, auch wenn das Antipiraterie-Dienstleister gelegentlich behaupten.
  • Peer to Peer, Torrents: Peer to Peer und Torrents sind sehr alte Formen des Tauschens, bei denen der Empfänger eines Files (formal und oft auch faktisch) gleichzeitig zum Uploader wird. Bei Büchern ist diese Form der Piraterie selten, da die Filegröße bei Büchern, verglichen mit Spielen, Filmen und Software, gering ist und zusätzlich die Gefahr einer kostenpflichtigen Abmahnung besteht. Reine  Downloader werden üblicherweise nicht verfolgt.
  • Flatrate-Shops: Gegen einen bestimmten Betrag im Monat erhält der Nutzer freien Zugang zu den gespeicherten Files, um diese zu laden. Die angebotenen Bücher haben zum Teil einen legalen Status, aber vielewerden auch einfach ohne Kenntnis des Copyright-Inhabers angeboten. Umgekehrt kann man sich durch das Uploaden von Files, etwa EBooks, Download-Möglichkeiten verschaffen; so zumindest jahrelang bei Scribd, dem ,,Youtube für Dokumente“, das sich so eine enorm große Reichweite (gemessen an Alexa und Similarweb) verschafft hat; allerdings wurde dort inzwischen eine Mengenbeschränkung auf drei E-Books und ein Hörbuch eingeführt. Gleichwohl hat man dort weiterhin Zugriff auf ,,freie“Dokumente, bei denen es sich oft genug um,,piratierte“ handelt.
  • Das Usenet ist eine der ältesten elektronischen Kommunikationsformen im Internet und existiert seit etwa 1980. Ursprünglich war es als eine Art ,,Schwarzes Brett“ konzipiert, auf dem man Nachrichten hinterlassen konnte. Die Untergruppe BinaryUsenet stellt Benutzern auch heute noch Files zum Download zur Verfügung. Auch die Library Genesis (s.u.) benutzt dieses Medium, um damit  EBooks zu verteilen. Allerdings ist die Bedeutung des Usenets zur Verbreitung von Content eher gering; es ist kompliziert und mit Kosten verbunden.
  • Direkter Datentausch über Festplatten: Eine immer noch verbreitete Form der Verteilung von Files erfolgt offline, bspw. durch den Nerd eines Seminars, über USB-Festplatten oder -Sticks, die z. T. umfassende Bibliotheken enthalten. Diese Form der Verbreitung von Files lässt sich von Rechteinhabern praktisch nicht kontrollieren oder beeinflussen.
  • Als Grey Libraries bezeichnet man E-Book- Sammlungen im Internet, die meist das Copyright der Verlage verletzen und E-Books kostenlos zum Download anbieten. Dazu gehören z. B. Library Genesis und Sci-Hub: Library Genesis und ihre Schwesterseite Sci-Hub sind die aktuell größten Fachbuch- und Artikelsammlungen im Internet und stellen die größten Bedrohungen für E-Book-Geschäftsmodelle, speziell der Wissenschaftsverlage, dar. Anders als bei der oben beschriebenen Filehoster-Piraterie liegen die einzelnen Bücher auf den entsprechenden Domains der Betreiber, sind also nicht ,,ausgelagert“. Detailliertere Informationen zu Library Genesis und Sci-Hub befinden sich im Text weiter unten.
  • Mithin verweisen sogar offizielle wissenschaftliche Bibliotheken auf Library Genesis und Sci-Hub, wie z. B. das Nationale Institut für Mathematik der Ukraine, die Palestine  Polytechnic University, die Bibliothek der Mechanisch-mathematischen Fakultät der Universität Moskau,  das Harare Institute of Technology, die Universität für Management und Technologie von Lahore und weitere offizielle Seiten von Universitäten, häufig aus Schwellenländern. – Dazu kommen noch persönliche Seiten von Wissenschaftlern aus aller Welt, die sich in erster Linie für die Verbreitung ihrer Arbeiten interessieren.

Was tun?

Bill Clinton hat 1998 den Digital Millennium Copyright Act (DMCA) erlassen, der sich weltweit durchgesetzt hat und Unternehmen mit Strafen bedroht, die sich nicht an die Standardprozedur des Notice-and-Takedown-Verfahrens halten:  Hierbei weisen Rechteinhaber Filehoster u. a. Website- Betreiber darauf hin, dass Rechte verletzt werden und um welche Links es geht. Entfernen die Betreiber diese Links, befinden sie sich im ,,safe harbour“. Kommerzielle Filehoster auch außerhalb der USA halten sich üblicherweise an das DMCA, sodass man mit Notice  and Takedown einiges erreichen kann. 

Ist Digital Rights Management (DRM) ein Mittel gegen Piraterie? Hard-DRM als Kopierschutz findet bei E-Books, Videos oder auch Software Anwendung. Hierfür gibt es zahlreiche unterschiedliche Softwarelösungen, etwa von Adobe oder Microsoft. Hard-DRMsoll durch Verschlüsselung verhindern, dass ein File auf einem anderen Gerät als dem des Käufers benutzt werden kann, außer der entsprechende Schlüssel ist darauf installiert. Allerdings finden sich leicht Tools (DRM-Hacks) im Netz, um Hard-DRM auszuschalten, bei E-Books etwa Plug-ins für die gängige Reader-Software Calibre. Musikverlage verzichten inzwischen weitgehend auf DRM in allen Formen (,,Hard-DRM“ und ,,Soft- DRM“), weil sie dessen Sinn- und Zwecklosigkeit erkannt haben, es die Usability einschränkt und somit nur ehrliche Käufer abschreckt. Auf Piraterie hat es keinerlei Einfluss, weil Piraten ,,ihre“ Files ohnehin nur ohne DRM anbieten. Amazon, mit angeblich zweistelligen Wachstumsraten im E-Book-Bereich, verwendet weiterhin Hard-DRM, nach eigenen Angaben erfolgreich, und das wohl deswegen, weil Benutzer von Amazon Kindle in ihrem bequemen Biotop bleiben. Einschränkungen der Usability bemerken sie zunächst nicht – erst nach ein paar Jahren, wenn sie mal auf ein anderes Gerät wechseln wollen, könnten sie feststellen, was Hard-DRM wirklich macht und dass ihre Bibliothek leider nicht mehr zugänglich ist. Man kann vermuten, dass der Ärger, den Hard-DRM verursacht, ein Grund ist, warum potenziell Kaufwillige Files lieber bei Piraten holen; so verkehrt sich die Intention ins Gegenteil. Buchverlage wie etwa 2015 die der Holtzbrinck-Gruppe rühmen sich, von Hard-DRM auf das vermeintlich nettere Soft-DRM (,,Wasserzeichen“) umgestellt zu haben, nur der Sinn dieser Umstellung ist kaum zu erkennen. Soft-DRM ist gleichfalls, wie wir aus einer kleinen Umfrage bei Abmahnanwälten, Rechteinhabern u. a. wissen, wirkungslos, jedenfalls sind weder Abmahnungen noch Prozesse oder Urteile davon ausgegangen.

Die Ersatzrate – wirtschaftliche Folgen der Piraterie

Piraterie ist (auch) ein ökonomisches Thema. Man fragt „Wie groß ist der Schaden?“ – und damit nach der Ersatzrate („substitution rate“). Also: Wie viele Bücher wären verkauft worden, hätte man sie nicht frei herunterladen können? Genereller: Was bringen Anti-Piraterie-Maßnahmen? Was kann man überhaupt erreichen? –Wie erwähnt, muss man zwischen Belletristik („nice to have“) und Fachliteratur („must have“) unterscheiden. Belletristik verhält sich bzgl. der illegalen Verbreitung ähnlich wie Musik oder Film: Die ,,Objekte“ (E-Books) werden wie Musikalben oder Kinokarten an Einzelpersonen verkauft bzw. lizensiert (B2C). Ein Interessent (potenzieller Käufer) kann sich das E-Book in einem Shop kaufen oder kostenlos beschaffen. Im letzteren Fall ist mehr als fraglich, ob der Downloader danach einen Kauf tätigen wird. Den Schaden berechnet man so: 

Umsatzverlust = Anzahl der kostenlos geladenen Bücher ×Preis des Buchs × Ersatzrate 

Der Preis lässt sich exakt bestimmen, die Anzahl der Downloads wenigstens ungefähr abschätzen, aber die Formel beinhaltet eine unbekannte Größe: die Ersatzrate. Gesicherte und verlässliche Werte für die Ersatzrate gibt es nicht. Der Wert liegt irgendwo im Intervall von 0 bis 100%. (In bestimmten Segmenten, etwa bei jungen unbekannten Autoren, mag es auch negative Ersatzraten geben: Piraterie als kostenlose Werbung.) Klar ist, dass keinesfalls jeder Gratiskonsument ein verlorener Käufer ist. In unseren Studien (Gutenberg 3.0, s. abusesearch. com) orientieren wir uns eher am unteren Ende des Intervalls: mindestens 1% (sonst gäbe es kein Problem). Bei Belletristik unterscheidet sich die Nutzung (bezahlter) E-Books nach Ländern und Regionen mithin sehr. In Amerika (Amazon) liegt der Marktanteil schöngeistiger E-Bücher bei über 20 %. In Deutschland wird diese Zahl mit um die 5% angegeben [1]; ein Grund dafür dürften die hier relativ hohen Preise der E-Books sein; sie liegen nahe an den Preisen für gedruckte Bücher. Entsprechend stark geriert sich die deutschsprachige Piraterieszene: Allein ein illegales Portal (boox.to) verbreitete im Jahr 2013 mehr Bücher, als über den legalen Buchhandel in Summe verkauft wurden. Dieser Wert ist noch relativ gering, vergleicht man mit Russland, wo der Anteil ,,piratierter“ Bücher bei 95% liegen soll. Belletristische E-Book-Piraterie ist zumeist national und je nach Sprache organisiert, eine internationale Plattform gibt es hier nicht, obwohl die genannte Library Genesis damit begonnen hat, auch ein Belletristikangebot (aktuell etwa 1,6 Mio.Werke in zahlreichen Sprachen) aufzubauen. 

Anders bei Fachbüchern: Die meisten Artikel oder Fachbücher sind heute in der Lingua franca Englisch verfasst. Die Wissenschaft und die Kooperationen innerhalb der Community sind zumeist international organisiert, die entsprechende Piraterieszene spiegelt das wider und ist, anders als bei Belletristik, zentraler organisiert. Es gibt zwar ,,unabhängige“ Piratenseiten, die auch Fachbücher verbreiten, oder kleinere Seiten, die sich auf bestimmte Themenkomplexe spezialisiert haben und über relevanten Traffic verfügen (die auf IT spezialisierte Seite it-ebooks.info hatte im Mai 2016 3,6 Mio. Visits, bei monatlichen Steigerungsraten von 5 bis 10 %). Eine Aktivität hat es geschafft, den Fachbuch- ,,Markt“ faktisch zu bestimmen: Die oben erwähnte Library Genesis agiert aus Russland und hat (mit Co-Domains) aktuell (Juni 2016) ca. 40 Mio. Unique Visits im Monat, wobei die Wachstumsrate im letzten Jahr im Mittel bei knapp 10% pro Monat liegt. Dieses Angebot funktioniert nach dem Prinzip der historischen Bibliothek von Alexandria und erfasst praktisch jedes Fachbuch. Zurzeit bietet diese Seite mehr als 1,5 Mio. Fachbücher und mehr als 50 Mio. Fachartikel zum kostenlosen Download an – 90% aller relevanten, aktuellen Fachbücher sowie die Mehrheit der Fachjournale. 

Juristische Schritte (etwa des Elsevier Verlags [2]) gegen Library Genesis und Sci-Hub haben bis jetzt keinerlei substanzielle Ergebnisse erbracht, sieht man von einer Umbenennung der Co-Domains ab. Library Genesis/Sci-Hub folgt dem DMCA nicht, und in Russland erscheint eine juristische Verfolgung nahezu unmöglich. Auch hat Putins Internetberater German Klimenko bei seiner Antrittsrede Anfang 2016 erklärt, es sei jetzt nicht die Zeit, Bürgermit Piraterie-Fragen zu ,,terrorisieren“; damit ist Piraterie in Russland quasi legal [3]. Entsprechend fest hat Library Genesis/Sci-Hub sich in akademischen Kreisen etabliert. Geht man davon aus, dass sich die Angebote von Library Genesis/Sci- Hub mehr an Graduierte richten und weniger an Studenten der unteren Semester, so kann man schlussfolgern, dass ein signifikanter Teil der wissenschaftlichen Community dieses Angebot nutzt. Tendenz steigend. 

Fazit

Die Library Genesis und Sci-Hub etablieren sich zusehends als kostenlose Alternative zu den (hochpreisigen) Flatrates großer Wissenschaftsverlage. Das erklärte Ziel von Library Genesis/Sci-Hub ist, das Wissen der Welt in einer Art Open-Access- Version für alle weltweit nutzbar zu machen. Ob diese Form des ,,Open Access“ sich durchsetzt ist eine Zukunftsfrage. Aktuell haben die Wissenschaftsverlage gegen Library Genesis/Sci-Hub wenige realistische Optionen. Nach den juristischen Versuchen des Verlags Elsevier und deren Nicht- Umsetzbarkeit in praxi dürfte der Rechtsweg seitens der Verlage ausgeschöpft sein. Technisch gesehen zeichnen sich auch keine wirksamen Maßnahmen gegen das illegale Kopieren und die Verbreitung von Büchern ab. Wie es Peter Suber vom Berkman Klein Center für Internet und Gesellschaft der Harvard University formulierte: ,,Weder werden Gerichtsverfahren Sci-Hub stoppen, noch zeichnen sich dafür irgendwelche technischen Mittel ab. Jeder sollte über die Tatsache nachdenken, dass das bleiben wird” [4]. 

Eine konsequente Umstellung der Geschäftsmodelle von Wissenschaftsverlagen in Richtung Open Access dürfte die beste, womöglich einzige Möglichkeit sein, der E-Book-Piraterie den Boden zu entziehen. Informative Websites zum Thema Piraterie sind tarnkappe.info im deutschsprachigen Raum und torrentfreak.com im englischsprachigen Raum. 

Literatur

  1. Börsenverein (2016) E-Book-Quartalsbericht: Absatz steigt, Umsatz stagniert.
    www.boersenverein.de/de/portal/Presse/158382,
    letzter Zugriff: 17.5.2016
  2. Ernesto (2016) Elsevier Complaint Shuts Down Sci-Hub Domain Name.
    torrentfreak.com/elsevier-complaint-shuts-down-sci-hub-domain-name-
    160504/, last access: 4.5.2016
  3. Bonik M (2016) Putins Internetpiraten. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Forschung
    und Lehre vom 13.4.2016, S N4
  4. Bohannon J (2016) Who’s downloading pirated papers? Everyone. www.
    sciencemag.org/news/2016/04/whos-downloading-pirated-papers-everyone, last
    access: 28.4.2016

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