Lexikon

Elektronische Abzeichen zur Unterstützung von informalem Lernen

Motivation 

In vielen wissenschaftlich-technischen Disziplinen ist die formale Ausbildung meist unzureichend bzw. zeitlich beschränkt gültig, weil Technologien sich sehr schnell ändern und neues Wissen von Mitarbeitern laufend erworben und adaptiert werden muss. Aber auch in mehr praktischen Domänen ändern sich die benötigten Kompetenzen laufend. Lebenslanges Lernen wird deswegen in der Europäischen Union wie auch in anderen hochentwickelten Regionen häufig gefordert. Informales Lernen, also ein Lernen ohne Curriculum und ohne ein formales Abschlusszertifikat, führt ein Schattendasein in unserer Gesellschaft, weil häufig die Anerkennung dieses Wissens- und Kompetenzerwerbs im Arbeitsumfeld fehlt. Aber auch in der Universität fehlt die Anerkennung, da nur jenes Wissen gefordert wird, das laut Curriculum vorgeschrieben ist. Wenn ein Student oder eine Studentin neben dem Studium arbeitet und dort fachliche und/oder soziale Kompetenzen erwirbt, fließt dies nicht in die Bewertung des Studienerfolgs ein. Die EU und andere Organisationen fordern konsequenterweise eine stärkere Anerkennung von informalem Lernen [3]. 

Deswegen werden neue Methoden zur Anerkennung, Anleitung und Motivation von informalem Lernen gesucht. Elektronische Abzeichen (digital badges) stellen ein Konzept dar, um einerseits Lernerfolge transparent zu machen und andererseits um Benutzer in Virtuellen Gemeinschaften zur Mitarbeit zu motivieren und anzuleiten. Die Virtuelle Gemeinschaft kann eine Lernumgebung sein, in der Lernende sowie Lehrende Benutzer sind. Lernende werden motiviert, bestimmte Lernziele zu erreichen oder sich mit anderen Lernenden auszutauschen und zu messen. Einfach zu erwerbende Abzeichen können Lernzwischenziele sein, die für den Lernenden unterschiedliche Lernpfade eröffnen und sie/ihn zum weiteren Lernen motivieren. Letztendlich stellen Abzeichen auch dar, welche Kompetenzen der Lernende erworben hat und geben damit einem potenziellen Arbeitgeber, soweit der Lernende seine Abzeichen präsentiert, darüber Auskunft was sie/er von dem Bewerber erwarten kann. Lehrende können mittels Abzeichen dazu angeregt werden, zusätzlichen Lernstoff für die Lernumgebung zu erarbeiten oder sich sonst wie in der Umgebung didaktisch zu bewähren. Für beide Benutzergruppen lassen sich fachliche wie auch persönliche Kompetenzen mittels Abzeichen öffentlich sichtbar machen. 

Die Virtuelle Gemeinschaft sollte aber so offen sein, dass auch Kompetenzen (Abzeichen), die in anderen Umgebungen erworben werden, berücksichtigt werden können. Unterschiedliche Organisationen in den USA (MacArthur Foundation, Gates Foundation, Mozilla Foundation, HASTAC) schlagen elektronische Abzeichen als eines der wichtigsten Konzepte für informelles Lernen vor und Organisationen wie die UC Davis, Duke University oder die Carnegie Mellon Robotics Academy setzen Abzeichen bereits in der Weiterbildung ein. Mozilla schlägt eine Infrastruktur vor, die eine Integration in unterschiedliche Lernumgebungen ermöglicht, so dass Abzeichen aus verschiedenen Umgebungen kombiniert werden können [4]. 

 

Digitale Badges

Ein elektronisches Abzeichen (digitale badge) stellt durch ein visuelles Icon auf einer Webseite eine Errungenschaft einer Person dar. Dieses Abzeichen wird durch eine Organisation verliehen und kann auch in einem Profil dieser Person außerhalb der verleihenden Organisation dargestellt werden. Die Errungenschaft kann eine verifizierte Kompetenz, eine Fähigkeit, eine erfüllte Aufgabe oder auch nur ein deklariertes Interesse der Person sein. Das wichtigste Merkmal ist jedoch die Kombination dieses Icons mit einer maschinenlesbaren Beschreibung in der steht, was der Inhaber geleistet hat bzw. welche Kompetenzen attestiert werden, wer das Abzeichen herausgegeben hat und wann es ausgestellt wurde. Ein Betrachter des Abzeichens kann damit bei der ausstellenden Organisation überprüfen, ob das Abzeichen zu Recht vergeben wurde. 

Wir kennen Abzeichen aus der realen Welt vom Militär, Polizei, Tanzsport, Pfadfindern und vielen anderen Organisationen. Sie stellen einerseits eine Zusammengehörigkeit der Mitglieder zu einer Organisation dar und andererseits repräsentieren unterschiedliche Abzeichen innerhalb einer Organisation hierarchische Beziehungen sowie damit verbunden gewisse Fähigkeiten und Vollmachten. 

Elektronische Abzeichen wurden zuerst in Computerspielen verwendet, um Errungenschaften der Spieler zu dokumentieren. Heute verwenden viele soziale Medien elektronische Abzeichen, um die Teilnehmer zu motivieren [2]. Eine oft zitierte Anwendung hierfür ist Foursquare (fourscquare.com), eine Anwendung, bei der Benutzer mit ihren GPS basierten Geräten sich anmelden können, wenn sie bestimmte Gebäude oder Gebäudeteile betreten. Sie können sich auch zu Ereignissen in den Gebäudeteilen anmelden. Die Anmeldung erlaubt, dass man von anderen Freunden gefunden werden kann, die sich in der Nähe angemeldet haben. Für das Anmelden bekommt man Punkte und wer sich innerhalb der letzten 60 Tage am häufigsten in einem Gebäudeteil angemeldet hat, wird ,,Mayor“ dieses Gebäude(teils). Wenn man sich in unterschiedlichen Gebäuden angemeldet hat, kann man dafür Abzeichen bekommen. Prinzipiell kann eine Organisation eigene Abzeichen in Foursquare einführen und diese für Anmeldungen zu ihren Räumen und Ereignissen verwenden. Als Lehrender könnte ich damit einen zusätzlichen Anreiz zum Besuch meiner Vorlesung geben, indem bei häufigen Besuch ein Abzeichen herausgegeben wird. Es ließe sich auch eine Kontrolle ausüben, ob sich Teilnehmer an einem Ort treffen, um gemeinsam Aufgaben zu lösen. Wobei die Teilnehmer sich natürlich gemeinsam verabreden könnten, dass sie keine Aufgaben bei ihrem Treffen machen. 

Halavais [5] gibt eine ausführliche Einführung in die Geschichte und die unterschiedlichsten Ziele von Abzeichen in der realen Welt und in sozialen Medien. 

Abzeichensysteme

Wenn eine Organisation gezielt solche Abzeichen für Mitglieder ausstellt, sprechen wir von einem Abzeichensystem. Eine wichtige Eigenschaft von solchen Systemen ist die Möglichkeit, Abzeichen zu sammeln und zu kumulieren. In Trip Advisor, einem Portal in dem Benutzer Hotels und andere touristische Objekte bewerten, werden die Bewertungen gezählt und Sterne in unterschiedlichen Farben abhängig von der Anzahl verliehen. Stackoverflow, ein Portal zum Wissensaustausch über Computerprobleme, strukturiert Abzeichen stärker. Unterschiedliche Arten der Partizipation werden beurteilt und zu komplexen Abzeichen zusammengesetzt.

Um einem Lernenden kontinuierlich Feedback zu geben und auch implizit einen Lernpfad vorzugeben ist es sinnvoll, viele, einfach zu erwerbende Abzeichen zu verleihen. Wenn ein Lernender aber ein größeres Gebiet abgeschlossen hat und eine definierte Menge von einfachen Abzeichen erworben hat, dann sollte ein höherwertiges Abzeichen das Resultat sein und die einfachen Abzeichen im Prinzip überflüssigwerden. Das höherwertige Abzeichen sollte typischerweise mit Kompetenzen übereinstimmen, die auch in formalen Lernprozessen definiert sind, um eine Abbildung von Abzeichen auf formale Lernergebnisse zu ermöglichen. 

Erste wissenschaftliche Analysen bestätigen, dass das Verhalten von Benutzern in sozialen Medien und im Speziellen in Lernumgebungen durch elektronische Abzeichen positiv beeinflusst wird [7]. Das heißt insbesondere, dass Lernende bereit sind, länger freiwillig ihre Lernziele zu verfolgen. 

Verleihung von Abzeichen

Eine wichtiges Charakteristikum von Abzeichensystemen ist, wie Abzeichen verliehen werden. In einfachen Systemen wie in Trip Advisor kann dies automatisch geschehen, was natürlich auch am einfachsten betrogen werden kann, indem man z. B. inhaltsleere Kommentare abgibt. In anderen Systemen wie z. B. in Spielen existieren komplexere automatisch berechnete Prozeduren. Wikipedia benutzt Abzeichen um verdiente Mitarbeiter zu honorieren. Dabei können einzelne Mitarbeiter anderen (Peers) ein solches Abzeichen zuerkennen, wobei sie eine verbale Begründung geben müssen. Dabei existieren für unterschiedliche Arten der Mitarbeit unterschiedliche Abzeichen. Kriplean et al. [6] haben aufgrund dieser Abzeichen analysiert, welche Arbeiten in Wikis von anderen Teilnehmern honoriert werden. Ein Ergebnis ist, dass es eine Vielzahl von unterschiedlichen Leistungen gibt, die hier honoriert werden, nicht nur das Schreiben/Editieren von Texten. In Lernsystemen kann die Zuerkennung auf automatischen Bewertungen, Peerbewertungen, Expertenbewertungen oder auch einer Kombination dieser Bewertungen beruhen. 

 

Interoperabilität von Abzeichen

 Mozilla hat ein Projekt Open Badges (https:// backpack.openbadges.org) gestartet, um elektronische Abzeichen interoperabel zu gestalten, sodass Benutzer von unterschiedlichen Organisationen Abzeichen bekommen können, die dann miteinander kombiniert werden können. Dafür wurde eine Infrastruktur definiert, die erstens einen Herausgeber (issuer) von Abzeichen dabei unterstützt, die Abzeichen zu generieren. Das Abzeichen wird durch die Zusicherung (assertion) spezifiziert. Die Zusicherung kann verschlüsselt und elektronisch signiert sein, so dass der Empfänger (recipient), die Person, die die Leistung erbracht hat, die Zusicherung nicht selbst verändern kann und eine Überprüfung durch eine dritte Instanz möglich ist. Ist die Zusicherung nicht verschlüsselt, kann der Betrachter bei der ausstellenden Organisation die Gültigkeit der Zusicherung überprüfen. Zweitens kann ein Empfänger eines Abzeichens einen Rucksack (backpack) für seine Abzeichen erzeugen und die enthaltenen Abzeichen auf unterschiedlichen Internet Portalen, die Open Badges unterstützen, präsentieren. Die Identität einer Person wird dabei an eine Email Adresse gebunden. Drittens wird das sogenannte Brennen (baking) eines Abzeichens definiert. Hierbei wird die auf einem Server gehaltene Zusicherung in ein Icon umgewandelt. Dazu kann das PNG- oder SVG- Format genutzt werden, bei denen der Zusicherungstext in den Quellcode des Bildes integriert werden kann. Dritte Personen, die diese Abzeichen sehen (z. B. ein potenzieller Arbeitgeber), können nun eine Überprüfung beim Herausgeber elektronisch veranlassen bzw. wenn das Abzeichen signiert ist, direkt die Validität überprüfen. Ein Herausgeber kann auch die Zuerkennung eines Abzeichens zurücknehmen (revoke). 

Eine Zusicherung kann auf eine Abzeichenklasse (badge class) verweisen, in der mittels Alignment- Attribut auf eine Quelle verwiesen werden kann, die die dokumentierte Fähigkeit oder Kompetenz näher beschreibt. Hier schreiben die Entwickler von open badges, dass man eine Beschreibung wählen soll, die mittels Learning ResourceMetadata Initiative [8] Standard definiert ist. 

Der Austausch der Daten basiert auf einer JSON-Spezifikation. Erste Softwareimplementierungen für diese Infrastruktur wurden von der Open Source Community realisiert (https://github.com/mozilla/openbadges). 

Probleme

Elektronische Abzeichen werden oft eingeführt, um extrinsische Bewertungen wie Noten zu vermeiden und die intrinsische Motivation für Lernen zu fördern. Aber nicht jeder Lerner liebt solche Abzeichen und wird Abzeichen wieder als extrinsisches Signal deuten. Großflächige Analysen zur Motivation von Lernenden wurden noch nicht durchgeführt. Antin und Churchill [1] fordern eine experimentelle Analyse, inwieweit alle Teilnehmer durch solche Abzeichen gleichermaßen motiviert werden und ob alle Abzeichen die gleiche Wertigkeit für die Teilnehmer haben. Wir könnten uns vorstellen, dass die Akzeptanz mit unterschiedlichen Lerntypen korrespondiert. 

Sollten sich Abzeichen erfolgreich in unserer Gesellschaft durchsetzen besteht die Gefahr, dass Abzeichen inflationär verliehen werden. Ähnlich wie bei formaler Ausbildung müsste dann durch Akkreditierungen oder Bewertungen der Reputation der verleihenden Organisation die Wertigkeit der Abzeichen relativiert werden. Durch das Verwenden elektronischer Daten könnten hier aber automatisierte Verfahren zur Anwendung kommen.

Nicht alles Lernen wird elektronisch unterstützt und eine Benutzung von elektronischen Abzeichen in formalen Lernprozessen mit traditionellen Prüfungen stellt einen Medienbruch dar, dessen Aufwand unter Umständen nicht dem Nutzen entspricht. 

Veröffentlichungen über elektronische Abzeichen betonen immer wieder, dass mit den Abzeichen Kompetenzen bzw. Fähigkeiten von Benutzern dargestellt werden sollen [9].Wie diese Kompetenzen dargestellt werden und wie insbesondere eine einheitliche Evaluierung von Kompetenzen über unterschiedliche Herausgeber geschehen kann, wird nirgendwo vertieft. Eine Modellierung mit LRMI reicht hier nicht, da bei LRMI einerseits kein Grad der Ausprägung von Kompetenzen vorgesehen ist und andererseits auch die Abhängigkeiten zwischen Kompetenzen nicht ausreichend dargestellt werden können. So können Abzeichen von unterschiedlichen Herausgebern nicht verglichen werden und damit auch nicht die Kompetenzen kumuliert werden. 

Ganz generell kann der allumfassende Einsatz von elektronischen Abzeichen zu einem verstärkten sozialen Druck auf Mitglieder unserer Gesellschaft führen und zu verstärkter Überwachung führen. Bevor eine breitere Nutzung von elektronischen Abzeichen geplant wird, sollten neben den zusätzlichen Experimenten eine öffentliche Diskussion geführt werden, die vielleicht mit diesem Beitrag initiiert wird.  

Literatur

1. Antin J, Churchill EF (2011) Badges in Social Media: A Social Psychological. CHI
2011, 7–12 May 2011, Perspective, Vancouver, BC, Canada

2. Benen G et al. (2004) Using Social Psychology to Motivate Contributions to Online Communities. In: Proceedings of the ACM Conference on Computer Supported Cooperative Work 2004, Chicago, pp 212–221

3. Björnavåld J (2001) Making Learning Visible: Identification, Assessment and Recognition of Non-Formal Learning in Europe. Eur J Voc Train 22:24–32. http://www.cedefop.europa.eu/etv/Upload/Information_resources/Bookshop/117/22_en_bjornavold.pdf

4. Goligoski E (2012) Motivating the Learner: Mozilla’s Open Badges Program. Access Knowl 4(1):1–8. ojs.stanford.edu/ojs/index.php/a2k/article/view/381/207

5. Halavais AMC (2012) A Genealogy of Badges – Inherited meaning and monstrous moral hybrids. Inf Commun Soc 15(3):354–373

6. Kriplean T, Beschastnikh I, McDonald DW (2008) Articulations of wikiwork: uncovering valued work in wikipedia through barnstars. In: Proceedings of the 2008 ACM Conference on Computer Supported Cooperative Work, pp 47–56

7. Ling K et al. (2005) Using social psychology to motivate contributions to online communities. J Comput Med Commun 10(4). http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/ download?doi=10.1.1.75.301&rep=rep1&type=pdf

8. LRMI (2013) The Content Developer’s Guide to the Learning Resource Metadata Initiative and Learning Registry. Published by the Association of Educational Publishers, March 2013

9. P2PU (2014) Peer 2 Peer University and The Mozilla Foundation. An Open Badge System Framework. A foundational piece on assessment and badges for open, informal and social learning environments, Version: DRAFT 4.0. wiki.mozilla.org/images/f/f3/OpenBadges_--_Working_Badge_Paper.pdf, letzter Zugriff:18.2.2014

 

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Jürgen Dorn

Institut für Softwaretechnik und Interaktive Systeme
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