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Interview

„Wir dürfen Technologien nicht als neutral ansehen”

Claudia Müller-Birn ist Professorin an der Freien Universität Berlin und forscht an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik. Im Interview spricht sie über neue Wege bei Datenspenden, Dark Patterns und veränderte Bedingungen für die Ausbildung von Studierenden.

Frau Müller-Birn, im Digital Autonomy Hub sind Sie mit dem Projekt WerteRadar aktiv. Worum geht es dabei?

Wir wollen die Möglichkeiten zur Gesundheitsdatenspende neu denken: also den Prozess, in dem Patient*innen bei der Aufnahme ins Krankenhaus ihre persönlichen Daten weitergeben. Damit bewegen wir uns in einem aktuell stark diskutierten Spannungsfeld: Hier stehen sich die Forderung nach mehr Daten für die medizinische Forschung auf der einen und der Schutz persönlicher Daten von Patient*innen auf der anderen Seite gegenüber. Wir wollen Patient*innen vermitteln, wie ihre Daten genutzt werden, welchen Mehrwert ihre Datenspende für die Forschung hat und vor allem welche Maßnahmen zum Datenschutz eingesetzt werden. Das tun wir, indem wir den Prozess werteorientiert gestalten.

Wie verstehen Sie Werte in diesem Kontext?

Wir sehen sie als Ziele, die zu erreichen für Menschen wünschens- oder lohnenswert ist. Dazu haben wir ein Konzept für wertebasierte partizipative Workshops entwickelt und bereits erfolgreich durchgeführt. Wir unterstützen Patient*innen dabei, ihre Werte im Kontext einer Gesundheitsdatenspende systematisch offenzulegen und diese dann in fiktionalen Szenarien, die alternative Gestaltungsmöglichkeiten für den Prozess aufzeigen, zu verorten. Beispielsweise wurde in einem solchen Szenario herausgestellt, dass Patient*innen wissen wollen, in welchen Studien ihre Daten verwendet werden. Die im Workshop gesammelten Erkenntnisse überführen wir in konkrete Gestaltungsempfehlungen für eine werteorientierte Datenspende mit unseren Partnern an der Charité und dem Unternehmen HRTBT Medical Solutions GmbH. Durch unseren Fokus auf Werte können wir dazu beitragen, dass Datenspenden zukünftig kontextualisiert umgesetzt werden können und wir Menschen dort abholen, wo sie stehen. Ich hoffe, mit unserer Forschung auch zu einem breiteren Diskurs beizutragen, wie wir Beteiligungs- und Entscheidungsstrukturen generell werteorientiert gestalten sollten.

Wie knüpft das an Ihre sonstigen Forschungsthemen an? Womit beschäftigt sich Ihre Forschungsgruppe „Human-Centered Computing“ aktuell?

In einem anderen Projekt meiner Forschungsgruppe liegt der Fokus auf der datenschutzbewussten Bereitstellung von Bewegungsdaten für eine nachhaltige urbane Mobilität. Wir erforschen hier Schnittstellen, die Nutzenden die verwendeten Anonymisierungsmethoden und das mit der Datenspende verbundene Risiko der Datenweitergabe erklären. Projekte wie dieses machen deutlich, dass Technologien Menschen in ihrer Entscheidungsfindung sinnvoll unterstützen und nicht ihre Schwächen ausnutzen sollten, wie das zum Beispiel durch sogenannte Dark Patterns im Zusammenhang mit Cookie-Bannern passiert. Wir als Technologiegestalter*innen haben hier eine besondere Verantwortung. Mein übergeordnetes Ziel ist es, zu einer ver- antwortungsvollen Entwicklung von werteorientierten, sozialverträglichen und nachhaltigen Technologien beizutragen.

Was sind aus Ihrer Sicht aktuell spannende Entwicklungen im Fachgebiet Mensch-Computer-Interaktion?

In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass wir Technologien nicht als neutrale Dinge ansehen dürfen, die in einem kontextfreien Raum eingesetzt werden. Wir erleben zunehmend, wie aktuelle Anwendungen uns dazu treiben, noch einmal genauer hinzuschauen, wie beispielsweise bei den bereits erwähnten Dark Patterns. Die dabei verwendeten Mechanismen werden schon seit den 1990er-Jahren im Bereich der Kognitions- und Sozialpsychologie intensiv erforscht, aber nun auch in der Breite durch Technologien eingesetzt. Dies ist ein exzellentes Beispiel, dass wir auch unsere akademische Ausbildung neu denken müssen. Bisher habe ich Studierende der Mensch-Computer-Interaktion beispielsweise dahingehend ausgebildet, dass sie die Benutzerfreundlichkeit optimieren sollen, etwa durch die Verwendung eines Primary Buttons, um die Nutzungsführung zu erleichtern. Studierenden wurde vermittelt, dass sie Entscheidungen vordenken dürfen und damit für Nutzende entscheiden. Dieses Denken sollte heute überholt sein, denn wir müssen in unserer Ausbildung stärker auf die Verantwortung der Informatik verweisen. Unser Alltag wird digitaler und der Trend zu mehr Überwachung und weniger Selbstbestimmung muss gestoppt werden. Die Europäische Union hat hier mit dem Digital Service Act und dem Digital Platform Act bereits wichtige Beiträge geleistet.

„Akademische Bildung muss neu gedacht werden,
um stärker auf die Verantwortung der Informatik zu verweisen.”  

Sie arbeiten häufig mit Menschen aus nichttechnischen Kontexten zusammen, zum Beispiel aus den Sozialwissenschaften, der Medizin und der Kunst. Wie wichtig sind solche Kooperationen für die Technologieentwicklung?

In der Tat, meine Arbeit ist sehr stark interdisziplinär ausgerichtet. Ich verstehe mich als Brückenbauerin zwischen den Disziplinen, wenn auch die Herausforderung, eine solche „Brücke“ zu bauen, sehr groß ist. Technologien allein stellen häufig keine Lösung dar. Vielmehr ist es wichtig, diese als soziotechnische Systeme zu begreifen, die in einem bestimmten sozialen Kontext eingebettet sind. Diese Kontexte gilt es zu verstehen und daher ist die interdisziplinäre Arbeit eine zentrale Komponente in meiner Forschungsarbeit. Ich muss nicht in theoretischen abstrakten Modellen arbeiten, sondern kann mich mit konkreten Herausforderungen auseinandersetzen und damit einen Beitrag leisten. Jede Disziplin stellt dabei mit ihrer originären Perspektive eine Bereicherung dar. Ein solcher interdisziplinärer Ansatz ist angesichts der traditionell disziplinären Publikationsorte, Förderprogramme und Forschungsinstitute natürlich schwierig.

Haben Sie an uns als Gesellschaft für Informatik einen Wunsch?

Bitte mehr einmischen! Wir brauchen in Deutschland mehr Digitalkompetenz. Ich bin teilweise erschüttert, wie wenig diese Kompetenz in der Politik, aber auch teilweise in Unternehmen vorhanden ist. Wir brauchen eine starke Gesellschaft für Informatik und eine starke GI-Community, die sich einbringt und Gesellschaft mitgestaltet.

 

Dieses Interview wurde von Elisabeth Schauermann geführt und erschien zuerst in unserem Jahresbericht 2021/22. Er steht hier zum Download bereit.

Wollen Sie mehr von Claudia Müller-Birn hören? Im Webtalk des Digital Autonomy Hub diskutierte sie mit anderen Expert*innen über digitale Selbstbestimmung.

Prof. Dr. Claudia Müller-Birn findet, dass akademische Bildung neu gedacht werden muss, um stärker auf die Verantwortung der Informatik hinzuweisen.