Wie funktioniert digitale Öffentlichkeit? Interview mit Markus Beckedahl und Daphne Auer
Digitale Debatten brauchen Räume – und Menschen, die sie gestalten. Markus Beckedahl, Mitgründer der re:publica, und Daphne Auer vom Common Grounds Forum sprechen darüber, wie digitale Öffentlichkeit gestaltet werden kann, warum junge Stimmen stärker gehört werden müssen und was es braucht, damit aus Gesprächen echte Beteiligung wird.
Ihr setzt euch beide mit der Frage auseinander, wie man Menschen miteinander ins Gespräch bringt und wie nachhaltige Communities entstehen – gerade auch mit Blick auf junge Generationen. Wie kam es dazu, dass ihr euch in diesem Feld engagiert?
Daphne Auer: Die digitale Welt prägt junge Menschen besonders stark und deshalb ist es wichtig, dass wir einbezogen werden und sie aktiv mitgestalten. Oft entsteht jedoch der Eindruck, dass das kaum möglich ist, weil große Player dominieren. Als ich jünger war, habe ich versucht, mich dem zu entziehen und bestimmte Plattformen gar nicht zu nutzen. Aber Entzug ist keine verallgemeinerbare Lösung, weil alle anderen sie nutzen. Wir wollen ja auch die Chancen von Digitalisierung und KI verantwortungsvoll nutzen. Dafür braucht es Engagement, Vernetzung und unterschiedliche Perspektiven. Plattformen wie die der GI, politische Gremien oder die re:publica eröffnen dafür Räume. Das Common Grounds Forum ist für mich deshalb ein Herzensprojekt, weil es mir Selbstwirksamkeit zurückgegeben hat. Junge Menschen unterschätzen oft ihre eigene Expertise – dabei bringen sie wichtige Perspektiven ein.
Markus Beckedahl: Die re:publica haben wir vor fast 20 Jahren gegründet, weil wir damals als Blogger in neuen digitalen Öffentlichkeiten aktiv waren. Wir haben viele Menschen online getroffen und uns vernetzt. Irgendwann entstand das Bedürfnis, diese Menschen auch offline zu sehen, gemeinsam zu reflektieren, was sich da entwickelt, wie diese Welt gestaltet werden kann und voneinander zu lernen. Daraus ist letztlich die re:publica entstanden.
Markus, ihr habt auf der re:publica sehr hochkarätige Politiker*innen zu Gast. Wie schafft ihr es trotzdem, kritisch zu bleiben?
MB: Die Politiker sind nicht von Anfang an gekommen. In den ersten Jahren hatten wir gar keine. Sie kamen erst später, als die Politik gemerkt hat, dass das Internet bleibt und dass bei uns relevante Debatten stattfinden. Das bringt uns in eine komfortable Position: Wir brauchen die Politiker nicht zwingend, wollen aber den gesellschaftlichen Diskurs führen. Wenn sie kommen, müssen sie sich auf Augenhöhe begeben. Manche tun das, andere nicht. Aber wir können kritisch bleiben, ohne uns anpassen zu müssen.
Daphne, du hast ja auch schon mit einigen Politiker*innen gearbeitet – wie siehst du das?
DA: Ich habe den Eindruck, dass Kritik in der Digitalpolitik oft gar nicht so unangebracht ist, weil viele Unsicherheiten bestehen. Es gibt keine klar ausdefinierten parteipolitischen Positionen. Wenn man Ideen einbringt, wird oft offen darauf reagiert. Ich erlebe, dass Politiker*innen Kritik eher als Orientierung nutzen, um sich selbst eine Meinung zu bilden.
MB: Nicht alle Politiker*innen wollen das. Oft weiß man auch nicht, ob Einladungen überhaupt bei ihnen ankommen oder im Apparat hängen bleiben. Ich habe in mehr als 25 Jahre lange erlebt, dass es fast gar keine Ansprechpartner gab. Erst ab etwa 2010 gab es erste ernsthafte Dialoge auf Augenhöhe. Heute ist Digitalpolitik für viele Spitzenpolitiker*innen immer noch kein Kernkompetenzfeld. Deshalb besteht oft Unsicherheit oder Angst, Fehler zu machen.
Was muss passieren, damit ein Gespräch wirklich auf Augenhöhe stattfindet?
MB: Es muss klar sein, dass es kein PR-Termin ist, sondern ein echter Austausch. Es gibt keine vorbereiteten Fragen oder Sprechzettel. Das setzt viele unter Druck. Manche lassen sich darauf ein, andere nicht – und kommen dann auch nicht wieder.
Wie schafft ihr es, eine Community über so viele Jahre lebendig zu halten?
MB: Wir haben uns immer als Community-Konferenz verstanden und wollten eine Veranstaltung schaffen, auf die wir selbst gerne gehen würden. Von Anfang an haben wir auf Beteiligung gesetzt, etwa über den Call for Participation oder durch Helfer*innen. Viele aus dem heutigen Team sind über diesen Weg dazugekommen. Vor allem haben wir Kritik ernst genommen, reflektiert und daraus gelernt. Zuhören, einbinden und Menschen eine Bühne geben – das gehört zur DNA der re:publica.
Daphne, wie erlebst du die re:publica? Fühlst du dich eher repräsentiert oder adressiert?
DA: Eher adressiert – aber auf eine sehr positive Weise. Man spürt einen Aufbruch und merkt, dass man willkommen ist. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass die Gedanken junger Menschen zu den aufgeworfenen Fragestellungen noch mehr Raum bekommen dürfen - auf der Bühne und im Publikum. Ich hatte viele Eindrücke und hätte mir nach den Vorträgen gewünscht, die Gedanken mit den anderen Festivalteilnehmenden weiterzuführen. Es fühlte sich ein wenig an wie ein Klassentreffen derjenigen, die sich schon gut auskennen.
Was würdest du dir wünschen?
DA: Ich habe mich in der Community vom Common Grounds Forum dazu umgehört. Wir würden uns mehr Möglichkeiten wünschen, direkt ins Gespräch zu kommen – etwa kurze Reflexionsrunden mit den Menschen um einen herum. Es wäre auch hilfreich, wenn es zu Sessions eine Art Wissensgrundlage gäbe – etwa Studien oder Artikel, mit denen man sich vorbereiten kann. Langfristig stellen wir uns eine Community vor, die weiterarbeitet, sich austauscht und in Arbeitsgruppen organisiert. Eine weitere Idee wäre, dass Politiker*innen selbst Fragen stellen – etwa an junge Menschen, deren Lebensrealitäten sie nicht kennen.
Markus, was sagst du dazu?
MB: Das sind interessante Gedanken. Die re:publica hat über 500 Sessions – organisatorisch ist es schwierig, zusätzliche Formate wie Reflexionsrunden überall einzubauen. Die Bedürfnisse sind auch unterschiedlich: Manche wollen reflektieren, andere einfach konsumieren oder netzwerken. Wir bieten punktuell Meet-ups an, aber eine große Plattform oder Community im Anschluss scheitert aktuell an Ressourcen. So etwas zu betreiben erfordert viel Aufwand.
Markus, du hast neben deiner Arbeit für die re:publica ja auch noch das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie gegründet. Warum braucht es das?
MB: Die digitale Zivilgesellschaft hat oft die richtigen Themen, schafft es aber zu selten, sie gut zu kommunizieren. Viele Journalist*innen sind Generalisten und unsicher im Umgang mit Digitalthemen. Dadurch werden oft bestehende Narrative reproduziert. Das Zentrum setzt hier an: Wir bauen einen Newsroom auf, der Journalist*innen schnell bei Ereignissen informiert, Zusammenhänge erklärt und alternative Perspektiven aufzeigt. Ziel ist es auch, neue Zielgruppen zu erreichen und die Themen aus der Nerd-Blase herauszuholen.
Daphne, ist das etwas, woran ihr euch orientieren könntet?
DA: Ja, auf jeden Fall. Ich finde es wichtig, dass Institutionen Orientierung geben und zeigen, wie man digitalpolitisch etwas verändern kann. Gerade bei diesen Themen ist es entscheidend, die Menschen mitzunehmen und verständlich zu erklären, worum es geht. Sonst entsteht schnell das Gefühl, dass über sie hinweg entschieden wird oder dass ihre Lebensrealität nicht berücksichtigt wird.
Du selbst bist gerade dabei, eine App zu entwickeln. Was hat es damit auf sich?
DA: Meine App Zumi soll Menschen niedrigschwellig dazu ermutigen, ihre Umgebung mitzugestalten. Es beginnt mit einer Idee, etwa eine Parkbank oder ein Projekt im Stadtteil. Die App begleitet dann durch alle Schritte: Vernetzung, Planung und Umsetzung. Das Ziel ist es, Selbstwirksamkeit zu fördern und Menschen aus unterschiedlichen Kontexten zusammenzubringen, auch lokal im analogen Raum.
Zum Abschluss: Markus, wie siehst du die Zukunft der re:publica? Auf weitere 20 Jahre?
MB: Ich hoffe, dass es auch in Zukunft Orte gibt, an denen Menschen über die digitale Gesellschaft reflektieren können. Ob die re:publica in 20 Jahren noch existiert, hängt davon ab, ob solche Formate finanzierbar bleiben. Und soweit im Voraus planen wir gar nicht.
Wenn du mit dem gleichen Wissen, dass du heute hast, die re:publica nochmal gründen würdest, würdest du etwas anders machen?
MB: Ich glaube nicht.
Und du, Daphne? Was brauchst du für eine erfolgreiche Zukunft?
DA: Ich wünsche mir, dass junge Menschen weiterhin mutig positive Zukunftsbilder entwickeln und aktiv mitgestalten. Wichtig ist ein respektvoller, parteiübergreifender Dialog in der Community.
Das Interview führte Paul Reinelt.
Daphne Auer ist studierte Informatikerin und engagiert sich für digitale Zivilgesellschaft und junge Perspektiven in der Digitalpolitik. Sie ist im Common Grounds Forum, dem Jugendprojekt der Gesellschaft für Informatik, aktiv und arbeitet dort daran, junge Menschen stärker in Debatten über die digitale Gesellschaft einzubeziehen. Außerdem entwickelt sie mit „ZUMI – zum mitmachen“ eine App, die Menschen niedrigschwellig dazu ermutigen soll, sich lokal gesellschaftlich zu engagieren und eigene Projekte umzusetzen.
Markus Beckedahl ist Unternehmer und Journalist. Er ist Mitgründer der re:publica, die seit 2007 als eines der wichtigsten Treffen zur digitalen Gesellschaft gilt. Beckedahl setzt sich seit vielen Jahren für digitale Grundrechte und eine starke Zivilgesellschaft im Netz ein. 2025 gründete er außerdem das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie, das digitale Themen stärker in die öffentliche Debatte bringen will.
Übrigens: Für GI-Mitglieder verlosen wir 2 Tickets für die re:publica 2026! Zum diesjährigen Motto „Never gonna give you up“ interessiert uns die Frage: „Wofür lohnt es sich Ihrer Meinung nach, im digitalen Raum zu kämpfen und nicht aufzugeben?“ Für die Teilnahme einfach eine Mail an redaktion@gi.de schreiben – Teilnahmeschluss ist der 06. Mai 2026.
Das Interview ist Teil der Kooperationspartnerschaft mit der re:publica.
