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Themenschwerpunkt

Wie die Coronakrise zu einem Sprungbrett für eine gerechte und moderne Bildungspolitik werden könnte

Überrumpelte Schulen, überforderte Schüler*innen, frustrierte Eltern, Schulen in der Kreidezeit und wachsenden soziale Ungerechtigkeit: Schulen zeigen sich – trotz des stellenweise enormen Engagements von Schulleitungen, Lehrkräften und Eltern – in der Pandemie als wenig krisenfest. Die Gründe sind nicht neu, werden jetzt aber schmerzlich sichtbar:

  1. Die Schulen sind auf eine ad-hoc-Digitalisierung nicht vorbereitet. Es fehlt an Infrastruktur, einer digitalen Grundausstattung und oftmals auch an Kompetenzen der Pädagog*innen. Die zaghaft abgerufenen Mittel aus dem Digitalpakt stimmen nicht sonderlich optimistisch.
  2. Die Schulgebäude sind marode, selbst regelmäßiges Händewaschen ist vielerorts keine Selbstverständlichkeit. Der Investitionsstau an unseren Schulen beträgt unfassbare 43 Milliarden Euro.
  3. Bildungschancen waren bereits vor der Krise ungleich verteilt und mit jedem Tag der Schulschließung öffnet sich die soziale Schere weiter. Wir müssen den Bildungserfolg endlich abkoppeln vom Elternhaus und dem Standort der Schule.

Moderner Bildungsföderalismus

Der Bildungsföderalismus erweist sich als ungerecht und kaum krisenresistent. Die Lasten sind nicht fair zwischen den föderalen Ebenen verteilt. Das aktuelle Konjunkturpaket macht zwar erste Schritte in die richtige Richtung, aber es fehlt der große Sprung. Doch die Krise eröffnet die Chance, um aus den aktuellen Verwerfungen ein Sprungbrett zu machen für jungen Menschen in eine gerechte Schule der Zukunft. Neben einem modernen Bildungsföderalismus braucht es dafür eine konsequente und nachhaltige Digitalisierung der Bildung sowie wirkliche Bildungsgerechtigkeit.

Nachhaltige Digitalisierung der Schulen

Ein erster Schritt wäre eine digitale Grundausstattung für alle Schulen. Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Organisation Schule, der Lehrkräfte und Schüler*innen sind dabei zu beachten. Die Schulen brauchen Hilfe bei der Schulentwicklung, dem IT-Support und Datenschutz. Dass müssen Expert*innen machen und nicht Lehrkräfte nebenher.

Mit einer Bundeszentrale für digitale und Medienbildung wollen wir ein niederschwelliges Angebot schaffen, damit Lehrkräfte und alle Interessierte schnell geeignete Angebote finden. Diese sind unabhängig, auf Qualität geprüft und frei zugänglich. Die neue Bundeszentrale ist ein wichtiger Pfeiler, damit die Digitalpaktmilliarden nicht mit Projektende verpuffen.

Apropos Digitalpakt: Die Mittel werden erstaunlich langsam nur abgerufen, die Hürden scheinen hoch. Umso wichtiger, dass wir den Digitalpakt so flexibilisieren, dass Schulen jetzt schnell und unkompliziert digitale Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schüler*innen sicherstellen, Schulclouds aufrüsten oder Lernmanagementsysteme etablieren können. Daneben ist es offensichtlich, dass die Digitalisierung eine Daueraufgabe ist, die in fünf Jahren nicht zu Ende sein kann. Deshalb braucht es schon heute Überlegungen für einen anschließenden Digitalpakt Plus.

Chancengerechtigkeit für alle

Bei der Bildungsgerechtigkeit geht es darum, ungleiche Startchancen junger Menschen auszugleichen, z.B. mithilfe eines Aufholprogramms für Schulen in benachteiligten Quartieren und Regionen. Wo Lernen mehr unterstützt werden muss, braucht es auch zusätzliche Ressourcen. Das heißt neben zusätzlichem pädagogischen Personal brauchen diese Schulen multiprofessionelle Teams, um ganzheitliche Hilfe zu realisieren. Die Elternarbeit muss professionalisiert und präventiv ausgerichtet werden, um mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen. Schulleitung brauchen Unterstützung bei Schulentwicklungsprozessen sowie freie Budgets, um schnell auf Bedarfe reagieren zu können.

Ungleiche Startchancen lassen sich besser ausgleichen, wenn Kinder und Jugendliche länger in der Schule sind, daher sollte geprüft werden, wo es sinnvoll ist, Halbtagsschulen in Ganztagsschulen umzuwandeln. Und weil das nicht nur für Schulen in schwieriger Lage gilt, muss der angekündigte Rechtsanspruch auf Ganztag im Grundschulalter zügig und vor allem mit hohen Qualitätsstandards umgesetzt werden. Auch hier versteht es sich von selbst, dass die Lasten fair zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufgeteilt werden müssen.

Also: Die Probleme sind offensichtlich, die Lösungen liegen auf dem Tisch und die Zeit war selten geeigneter. Machen wir die Schulen endlich fit für die Zukunft und sorgen für beste Bildungschancen für alle. Wir schaffen das, wenn Bund, Länder und Kommunen (endlich) an einem Strang ziehen. Fangen wir an!

Detaillierter finden Sie diese Analyse und Lösungsvorschläge in meinem Antrag „Lernen aus der Krise – Ein Update für die Schulen“.

Dieser Beitrag wurde von Margit Stumpp verfasst und erschien im kürzlich veröffentlichten Arbeitspapier Digitale Bildung nach Corona. Margit Stumpp ist seit 2017 Mitglied um Deutschen Bundestag und dort Sprecherin für Bildungspolitik sowie Expertin für digitale Infrastruktur der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Zuvor war die Dipl. Ingenieurin (FH) an einer technischen Berufsschule tätig und unterrichtete als Quereinsteigerin 25 Jahre Informations- und Medientechnik sowie technische Physik. Daneben war sie für Systemadministration und Webredaktion verantwortlich. Zuvor arbeitete sie als Applikationsentwicklerin in der Elektronikentwicklung.

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