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Blogbeitrag

Was ist der Doktor noch wert?

Was ist der Doktor noch Wert? fragt Anna-Lena Scholz in DIE ZEIT vom 25. Mai 2022, Nr. 22, S. 33-34 (zeit.de, Bezahlschranke). Angefangen bei aktuellen Plagiatsdiskussionen über Dissertationen und Sachbücher von Politiker:innen und Wissenschaftler:innen fragt sie, warum sich nicht ebenso viele Leute darüber aufregen wie damals, als 2011 die Bundesrepublik über Guttenbergs Plagiate bebte. Sie stellt fest, dass Promovieren sich noch lohnt, auch wenn man keine Professur erlangt, und beschreibt die Gründe, warum der Entzug eines Doktorgrades so schmerzt.

Wie findet man eigentlich Plagiate? Der Journalist Jochen Zenthöfer hat ein Buch im lockeren Plauderton über die Arbeitsweise von VroniPlag Wiki geschrieben, „Plagiate in der Wissenschaft" (Verlagsseite: transcript-verlag.de, Leseprobe online in Der Freitag vom 8.6.2022 freitag.de). Was macht man aber im Universitäts-Alltag, wenn man sehr viele Hausarbeiten und Hausaufgaben zu korrigieren hat? Es gibt Dutzende von Software-Systemen, die vorgeben, Plagiate zu finden. Kann man diesen Systemen vertrauen? Finden sie alle Plagiate? Die Autorin dieser Zeilen testet solche Systeme seit 2004 (htw-berlin.de), zuletzt 2020 im International Journal of Educational Technology in Higher Education veröffentlicht (springer.com): „The sobering results show that although some systems can indeed help identify some plagiarized content, they clearly do not find all plagiarism and at times also identify non-plagiarized material as problematic.“

In der Informatik ist es eher ein Problem, dass Studierende die Lösungen austauschen und als eigenes Werk einreichen. Das nennt sich Kollusion, unerlaubte Zusammenarbeit. Hier ist die Detektion mit Software-Werkzeugen etwas einfacher, weil es eine relativ kleine, endliche Anzahl von Dateien gibt. Ein Open-Source-System wurde am Karlsruher Institut für Technologie entwickelt, JPlag. Es gibt eine Publikation aus 2002 über die verwendeten Algorithmen (kit.edu), der Quellcode und eine lauffähige Version sind auf GitHub zu finden (github.com). Dateien in C++, C#, Java, Python oder Scheme werden auf semantischer Ebene verglichen, Textdateien auf syntaktischer Ebene. Es findet aber kein Vergleich mit dem Internet statt, lediglich die Dateien werden miteinander verglichen.

Wie ist es dann mit Bildern, kann man übereinstimmende Bilder oder Teile von Bildern finden? Klar, es gibt zunächst Google Image Search (google.com) und TinEye (tineye.com). Nature hat in 2020 einen Artikel (nature.com) über Elisabeth Bik publiziert, die nur mit scharfem Hinsehen und einigen Software-Werkzeugen arbeiten. Bik hat auf der „European Conference on Academic Integrity and Plagiarism 2022" (academicintegrity.eu) in Porto eine Keynote gehalten und einige ihre Werkzeuge vorgestellt: Forensically (29a.ch), ImageTwin (imagetwin.ai), Proofig (proofig.com), und FigCheck (figcheck.com) (die meisten werden kommerziell angeboten).

„Homework Help“ hört sich eigentlich sehr gut an, oder? Thomas Lancaster (thomaslancaster.co) und Codrin Cotarlan haben 2021 untersucht, wie Studierende in der Pandemie sich unerlaubt „Hilfe“ von einer Firma geholt haben (biomedcentral.com). Es stellte sich heraus, dass Studierende für nur $15 Monatsbeitrag nicht nur Lösungen für Lehrbuch-Aufgaben einsehen, sondern auch eigene Fragen stellen können. Mit einem Smartphone ist schnell ein Foto der Aufgabe geknipst und hochgeladen, nach ca. 10 Minuten liegt schon eine Antwort vor – während einer Online-Klausur ziemlich praktisch… In den USA, Kanada, Australien und den UK wird auf Tagungen, die z.B. vom International Center for Academic Integrity organisiert werden, heiß diskutiert, wie man dagegen vorgehen kann. Es gibt viele Veröffentlichung dazu (eliterate.us). Jedes Jahr wird ein Aktionstag von vielen Hochschulen organisiert gegen dieses sogenannte „Contract Cheating“ (academicintegrity.orgcontractcheating.org). In Großbritannien berichten auch Medien wie The Guardian darüber (theguardian.com).

Vermeiden statt Detektivarbeit? In der Tat wäre es besser, Studierende könnten lernen, was akademische Integrität ist und gar nicht erst in Versuchung kommen, zu schummeln. Eine Möglichkeit ist die Überarbeitung der Art und Weise, wie wir Klausuren und Hausaufgaben stellen, besonders für Online-Kurse. Die University of Ottowa bietet eine kostenlose E-Learning-Einheit auf Englisch an: „Rethinking Assessment Strategies for Online Learning“ (pressbooks.pub). Sehr viele Universitäten im Anglo-Amerikanischen Raum haben sogar dedizierte Abteilungen, die sowohl ausbilden als auch definierte Prozesse durchführen, wenn festgestellt wird, dass Studierende plagiiert oder unerlaubte Hilfsmittel verwendet haben. Eine der größten ist an der University of California, San Diego (ucsd.edu). Tricia Bertram Gallant leitet diese Abteilung, sie hat sehr viel zum Thema publiziert und stellte auch drei Videos, „Going Remote with Integrity“ am Anfang der Pandemie bereit (Video 1: youtube.com, Video 2: youtube.com, Video 3: youtube.com). Wir müssen in Deutschland, Österreich und der Schweiz viel aktiver werden bei der Prävention! Es reicht nicht, Software zu kaufen und ein paar Seminare anzubieten.

Akademische Integrität hat noch viele weitere Facetten, für dieses Thema im Fokus muss das aber erst einmal reichen. Haben Sie in Ihrem Umfeld Plagiate, Kollusion oder Contract Cheating erlebt? Prüfen Sie eingereichte Arbeiten und Publikationen gar nicht oder routinemäßig (nur) mit Software? Welche Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen nutzen Sie und wie effektiv sind diese? Wir sind gespannt auf Ihre Rückmeldungen.

Das Thema im Fokus hat dieses Mal GI-Fellow Debora Weber-Wulff geschrieben. Sie lehrt an die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und ist Mitglied in der Fachgruppe Informatik und Ethik. Sie publiziert über das Thema Plagiate seit 2001 und arbeitet seit 2011 bei den Plagiatsdokumentationen im VroniPlag Wiki mit.