Vom Informatikbachelor zum Lehramtsmaster
An der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe startete zum Wintersemester 2024/25 ein dualer Lehramtsmaster im Modellversuch. Studiengangskoordinatorin Yvonne Ewen erzählt im Interview, was Studierende dabei erwartet und wie sich das Informatiklehramt weiterentwickeln muss, um dem Bedarf an informatischer Bildung gerecht zu werden.
Wie überzeugt man Fachstudierende davon, sich für den Weg ins Lehramt zu entscheiden?
Yvonne Ewen: Wer Informatiklehrkraft wird, prägt die digitale Handlungsfähigkeit der nächsten Generation. Es geht nicht darum, Office-Anwendungen zu erklären, sondern darum, Konzepte wie Algorithmen, Daten, KI oder Sicherheit verstehbar zu machen und damit gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Informatik ist kein klassisches Schulfach mit festgefahrenen Routinen, sondern ein junges, dynamisches Feld, in dem man Unterricht gestalten, ausprobieren und weiterentwickeln kann. Wer diesen Weg geht, entscheidet sich nicht gegen Informatik, sondern für ihre Vermittlung – mit fachlicher Tiefe und hoher Verantwortung.
Wie kam es dazu, dass dieser Modellversuch eingeführt wurde?
Der Modellversuch wurde initiiert, um für bestimmte Schulfächer wie die Informatik, einen neuen, praxisnahen Bildungsweg zu schaffen. Ein Ziel war es auch, neuen Gruppen Zugang zum Lehramt zu ermöglichen. Der duale Studiengang legt einen hohen Wert auf die Verzahnung von Theorie und Praxis, indem Studierende bereits während ihres Studiums an Schulen tätig sind und praktische Erfahrungen sammeln können. Sie sind wirklich ins Kollegium integriert – und haben ihre Tasse im Lehrerzimmer.
Was erwartet die Menschen, die sich für diesen Studiengang entscheiden?
Neben der Schulpraxis vom ersten Tag an erwerben die Studierenden schulrelevante Kompetenzen in Bildungswissenschaften sowie Informatikdidaktik. Besonders ist außerdem die finanzielle Vergütung bereits während des Studiums und die Möglichkeit, nach erfolgreichem Abschluss ein verkürztes Referendariat zu absolvieren. Außerdem bieten wir eine Standortgarantie: Die Praxis- und Referendariatsschule wird im Regierungsbezirk Karlsruhe sein.
Welche Studienfächer können studiert werden?
Im ersten Fach kann – je nach Fachbachelor – Physik oder Informatik studiert werden, das zweite Schulfach ist Mathematik. Diese Kombination ist gewählt worden, da beide Fächer in einem Fachbachelorstudium viele Mathematikanteile enthalten. So geht es, dass ein Lehramtsmaster und das Referendariat in nur drei Jahren abgeschlossen werden können. Außerdem sind genau in diesen Fächern neue Lehrkräfte unglaublich gefragt.
Wieso richtet sich der Masterstudiengang explizit an Fachbachelorabsolvent*innen?
Diese Regelung ist notwendig, um sicherzustellen, dass die Studierenden mit bereits fundierten Fachkenntnissen in Mathematik, Physik oder Informatik in unseren Master starten. Dadurch wird die Qualität der Ausbildung sichergestellt: Denn unser Weg in das Lehramt ist mit drei Jahren – für Studium und Referendariat – sehr kurz. Studierende, die mit ihrem Bachelorabschluss 180 Credit Points nachweisen können, jedoch nicht alle erforderlichen fachlichen Leistungen erfüllt haben, beispielsweise Absolvent*innen von Bindestrich-Studiengängen wie Wirtschaftsinformatik, haben die Möglichkeit, bis zu 20 CP nachzuholen – natürlich nach individueller Prüfung.
Wie gefällt den ersten Studierenden der Master?
Die Vergütung, Standortgarantie und Praxisnähe kommen gut an. Sie melden durchaus zurück, dass Letztere zu Beginn eine Herausforderung ist, denn ihnen werden direkt unvertraute Aufgaben übertragen. Aber so lernen sie sich nicht erst nach drei oder vier Semestern im Klassenkontext kennen, sondern können schon nach ein paar Wochen sagen, ob das etwas für sie ist.
Baden-Württemberg ist gerade dabei, Informatik als Pflichtfach in allen Schularten auszubauen. Was bedeutet das für das Informatik-Lehramt?
Das führt zu einer klaren Professionalisierung und Spezialisierung. Der Unterricht kann nicht länger „nebenbei“ durch fachfremd qualifizierte Lehrkräfte abgedeckt werden, sondern erfordert eine gezielte fachwissenschaftliche und fachdidaktische Ausbildung. Mit dem Ausbau in allen Schularten steigen die Anforderungen an Lehrkräfte deutlich. Vor allem in Bezug auf informatische Grundlagen und die didaktisch angemessene Vermittlung alters- und schulformspezifischer Kompetenzen. Das duale Mastermodell reagiert auf diesen Bedarf, indem es einen strukturierten Qualifikationsweg bietet, der fachliche Tiefe, Fachdidaktik und schulische Praxis systematisch verbindet.
Wie sind Lehrkräfte in Baden-Württemberg aufgestellt, wenn es um die Vermittlung von informatischen Kompetenzen geht?
Lehrkräfte in Baden-Württemberg befinden sich derzeit in einer Übergangsphase. In Teilen des Lehramts besteht bereits eine solide fachliche Basis, gleichzeitig zeigt sich ein wachsender Bedarf an klar strukturierten Ausbildungs- und Fortbildungswegen, um informatische Kompetenzen landesweit konsistent und qualitätsgesichert zu vermitteln.
Der Fachbereich Informatik der PH Karlsruhe engagiert sich aktiv im Arbeitskreis Informatik-Lehramtsausbildung Baden-Württemberg: Was bringt er hier ein?
Dass Baden-Württemberg Informatik stärker verankert, ist ein wichtiger Schritt. Die Verbindung von Informatik und Medienbildung macht die Bedeutung digitaler Kompetenzen sichtbar, darf aber nicht dazu führen, dass informatische Kerninhalte verwässern. Langfristig braucht es ein klar profiliertes Fach Informatik. Aus dem dualen Modellversuch lässt sich vor allem die enge Verzahnung von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und früher Praxiserfahrung einbringen. Professionalisierung entsteht dort, wo Studierende reale Unterrichtssituationen reflektieren und wissenschaftlich fundiert weiterentwickeln. Das Informatik-Lehramtsstudium muss deshalb fachlich anspruchsvoll bleiben, informatische Konzepte klar konturieren und zugleich die Fähigkeit fördern, offene, projektorientierte Lernprozesse zu gestalten. Informatikunterricht ist kein Anwendungsunterricht, sondern er vermittelt Strukturen, Denkweisen und Gestaltungskompetenz in einer digitalen Welt.
Alle Infos zum dualen Lehramtsmaster gibt es online oder beim kommenden Schnuppertag am 20. März.
Mehr zum Stand der Informatikbildung in Baden-Württemberg berichtet der Informatik-Monitor: https://informatik-monitor.de/2025-26/laendervergleich/baden-wuerttemberg.
Das Interview ist Teil einer Kooperationspartnerschaft mit der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

