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Interview

„Vielen fehlt es an Vorbildern”

Die GI-Hochschulgruppe München hat mit MINTORME ein Angebot geschaffen, das Kinder und Jugendliche durch Workshops und Mentoring für MINT-Fächer begeistern will. Auch für Lehrkräfte bieten Annabella Kadavanich und ihr Team Weiterbildungen an. Im Interview spricht sie über Equipment an Schulen, gutes Matching und ihren eigenen Weg in die Informatik.

Frau Kadavanich, im MINT-Bereich fehlt es vielerorts an Fachkräften. Was muss Ihrer Ansicht nach geschehen, damit sich mehr junge Menschen für diese Branchen entscheiden?

Ich glaube, dass sich mehr junge Menschen für ein MINT-Studium oder eine entsprechende Ausbildung entscheiden würden, wenn sie mehr Vorbilder in diesem Bereich hätten. Das gilt besonders für Mädchen. Zudem ist es wichtig, Kindern zu zeigen, wie spannend und vielschichtig MINT-Fächer sein können – und auch wie realitätsnah! Bei unseren Workshops an Schulen sehen wir immer wieder, wie leicht man Kinder bereits mit kleinen, simplen Experimenten für MINT-Themen begeistern kann.

Wie stellen Sie sicher, dass diese Begeisterung nicht gleich wieder verpufft?

Um das zu verhindern, bekommt jedes Kind nach einem MINT-Workshop die Möglichkeit, an unserem „MINToring“ teilzunehmen. Dort lernen die Kinder nicht nur spannende Vorbilder kennen, sie werden auch ganz individuell und auf ihre Interessen zugeschnitten gefördert und gefordert. Im Idealfall können sie so herausfinden, welches Studium oder welche Ausbildung besonders gut zu ihnen passt.

Worauf achten Sie beim Matching von MINTor*in und MINTee? Spielt das Geschlecht dabei eine Rolle?

Wir matchen vorrangig nach Interessen der Kinder, unsere Entscheidung ist dabei komplett unabhängig vom Geschlecht. Die Teilnehmenden können sich auch gezielt für ein MINToring durch eine bestimmte Person bewerben. Neben gemeinsamen Interessen ist es aber auch wichtig, dass die Chemie stimmt. Daher planen wir im Matching-Prozess bis zu drei Kennenlerngespräche ein, nach denen beide Seiten unabhängig voneinander entscheiden können, ob sie gemeinsam das Programm durchlaufen möchten.

Was sind die größten Defizite, die Sie an deutschen Schulen sehen?

Ich war tatsächlich überrascht, wie modern viele Schulen heutzutage ausgestattet sind. In meiner Kindheit war das ganz anders, da hatte man noch Overhead-Projektoren und Tablets waren ferne Zukunftsmusik. Es gibt viele motivierte Lehrkräfte, die mit diesem Equipment und zusammen mit den Kindern spannende MINT-Projekten durchführen. Vielen Lehrer*innen fehlt es aber auch an Expertise oder Zeit, diese Ressourcen sinnvoll zu nutzen. Hier brauchen wir auf jeden Fall mehr leicht zugängliche Möglichkeiten für Lehrkräfte, sich im MINT-Bereich weiterzubilden. Zudem brauchen sie Lehrmaterialen und die Chance, sich regelmäßig über aktuelle Technologien und Trends zu informieren – damit sie dieses Wissen mit in den täglichen Unterricht nehmen können.

„Ich war überrascht, wie modern viele Schulen heutzutage ausgestattet sind.“

MINTORME bietet auch kostenlose Workshops für Lehrkräfte an, zum Beispiel zu Themen wie Machine Learning oder Privatsphäre im Netz. Wie laufen diese ab?

Wir tauschen uns darin vor allem mit den Lehrer*innen aus und erarbeiten gemeinsam mit ihnen neues Unterrichtsmaterial. So stellen wir von Anfang an sicher, dass das Material auch so gestaltet ist, dass es im Unterricht gut genutzt werden kann. Unser Ziel ist es, das gesamte Material opensource für alle Schulen bereitzustellen, damit Lehrkräfte auch außerhalb der Workshops darauf zugreifen, sich inspirieren lassen und ihre eigenen Materialien zusammenstellen können.

Bemerken Sie in diesen Workshops noch große Wissenslücken?

Besonders im Bereich Informatik sind viele Lehrkräfte unsicher. Sie haben gleichzeitig jedoch ein großes Interesse daran, den Kindern Programmiersprachen und neue Technologien näherzubringen. Es gibt Grundschulen, in denen bereits html oder css programmiert wird. Gleichzeitig unterrichten manche Lehrer*innen in den Oberstufen noch sehr veraltete Programmiersprachen wie Fortran95. Das ist für die Schüler*innen natürlich wenig attraktiv. Ich würde mir wünschen, dass mehr Lehrkräfte in modernen Programmiersprachen wie Python oder Flutter unterrichten. Besonders die Entwicklung von Websites und Web-Apps gefällt Kindern, weil sie da oft schnell Ergebnisse sehen.

Wie gehen Sie mit diesen unterschiedlichen Wissensständen in den Weiterbildungen um?

Wir führen vor jedem Workshop eine anonyme Umfrage durch und passen unsere Inhalte entsprechend an. Prinzipiell geht es in den Weiterbildungen für Lehrer*innen aber um die Basics. Falls Lehrkräfte Interesse an einem etwas tiefergehenden Angebot haben, können sie bei uns einfach einen MINT-Workshop für ihre Klasse buchen. Wir verwenden dabei auch Hardware aus dem Verleih-Service der GI und können unsere Workshops so unabhängig von der Ausstattung der Schule spannend gestalten.

Gibt es öfter den Fall, dass die Schüler*innen schon mehr wissen als ihre Lehrenden?

Das wäre mir bisher nicht aufgefallen. Ich glaube Schüler*innen sind manchmal fitter im Umgang mit modernen Technologien, etwa was AirPlay oder Bluetooth angeht, aber viele Lehrkräfte stehen ihnen da auch um nichts nach.

Was hat sich durch Corona an den Schulen verändert? Erleben Sie bei Schüler*innen oder Lehrkräften eine andere Einstellung gegenüber Technik und neuen Lehrmethoden?

Auch wenn die technische Ausstattung an Schulen schon deutlich besser ist als zu meinen Zeiten, hat uns Corona gezeigt, dass hier noch viel zu tun ist: Kinder konnten nicht am Online-Unterricht teilnehmen, weil es zu Hause kein Endgerät gab. Cloud-Systeme von Schulen, auf denen Unterrichtsmaterial bereitgestellt war, wurden innerhalb von einer Woche gehackt oder die Server waren so überlastet, dass kein Zugriff mehr möglich war. Das darf einfach nicht mehr passieren. Im Laufe der Pandemie habe ich viele Start-ups im Online-Education Bereich gesehen, die auch dsgvo-konforme Plattformen bereitstellen. Für etwas ältere Kinder können so neue Lehrmethoden verwendet und der Unterricht sehr spannend gestaltet werden. Für Grundschüler*innen ist Präsenz-Unterricht in meinen Augen jedoch sehr wichtig, da die Kinder in diesem Alter einfach auch den sozialen Austausch und die intensive Betreuung vor Ort brauchen.

Bei MINTORME geht es viel darum, Vorbilder zu vermitteln für junge Menschen, die ohne diese vielleicht vor einer MINT-Karriere zurückschrecken würden. Hatten Sie selbst ein solches Vorbild?

Leider nicht, das war auch einer der Beweggründe, wieso ich MINTORME gegründet habe. Ich hatte soziale Vorbilder aus meinem Elternhaus und wollte eigentlich immer Medizin studieren. Ich bin eher zufällig im Informatikstudium gelandet, als ich bei einer fachübergreifenden Mathe-Vorlesung an der TU Berlin ein paar sehr nette und lustige Kommilitonen getroffen hatte. Sie studierten alle im ersten Semester Informatik und haben mich spontan in ihre Vorlesung mitgenommen. Rückblickend bin ich sehr dankbar für diese Begegnung, denn ich liebe meinen Beruf und schätze besonders die Flexibilität, die man als Informatikerin hat. Ich hoffe, dass durch MINTORME Kinder die Chance haben, sich bewusst für eine Karriere im MINT-Bereich zu entscheiden – anstatt so wie ich nur durch Zufall dort zu landen.

 

Dieses Interview wurde von Alexandra Resch geführt und erschien zuerst in unserem Jahresbericht 2021/22. Er steht hier zum Download bereit. Mehr über MINTORME gibt es unter https://www.mintorme.com/.

Porträt von Annabella Kadavanich
Annabella Kadavanich hat MINTORME Anfang 2021 gegründet und seitdem viele Einblicke in den Unterricht an deutschen Schulen bekommen. (© Tobias Schmid)