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Blogbeitrag

Track me, 'cause you can

Tracker kommen in unterschiedlichsten Formen und Funktionsweisen vor. Fitnesstracker (aerzteblatt.de) messen und protokollieren den Tagesverlauf. Webtracker verfolgen und protokollieren das Surfverhalten. GPS–Tracker errechnen und protokollieren die Position. Trotz der vermeintlichen Unterschiede gibt es eine klare Gemeinsamkeit: Tracker erfassen und dokumentieren Werte.

Entwicklungsteams und Hersteller der Tracker arbeiten dabei stets die Vorteile dieses Prinzips des Erfassens und Dokumentierens heraus. Denn es dient selbstredend als Verkaufsargument. Wer seinen Tagesverlauf (krankenkassen.de) tracken lässt, lebt angeblich gesünder (tk.de). Wer sein Surfverhalten tracken lässt, bekommt passgenauere Inhalte präsentiert. Wer den Aufenthaltsort tracken lässt, findet verloren geglaubte Gegenstände wieder. Diese Narrative sind überzeugend, denn alle wollen gesünder leben, weniger Trivialitäten im Web sehen oder das neue Smartphone nicht ersetzen müssen. 

Der nächste Evolutionsschritt bei Trackern sind kleine autonome Module. Sie ermitteln auf teilweise sehr unterschiedliche Art und Weise die aktuelle Position, etwa per GPS, Bluetooth oder Triangulation. Ein GPS–Tracking–Modul im Fahrrad versorgt Eigentümerinnen und Eigentümer von Fahrrädern im Falle eines Diebstahls mit der Information, wo das Fahrrad sich gerade befindet. Andere Module lassen sich wiederum an Rucksäcken oder Schlüsselbunden befestigen, um diese im Fall des Verlusts schnell wiederzufinden. 

Allerdings sind diese kleinen Module nicht nur auf den eigentlichen Einsatzzweck beschränkt. So lassen sich GPS–Tracker sowohl in Tierhalsbändern (stadt-bremerhafen.de) und Versandpaketen platzieren (notebookcheck.com), im Cockpit des eigenen Fahrzeugs (verbraucherzentral.de) oder im Radkasten fremder Fahrzeuge ankleben, am eigenen Rucksack oder dem der Kinder anbringen (zeit.de). Im ersten Fall ist es jeweils die eigene Entscheidung, das Tracking zu erlauben (handelsblatt.com). Im zweiten Fall kommt die Technologie missbräuchlich zum Einsatz. 

Mit dem GPS–Tracker im Versandpaket ist es dem Absender möglich, nicht nur den Standort des Paketes nachzuverfolgen, sondern die verschiedenen Aufenthaltsorte und Bewegungszeiten des Zustelldienstes (notebookcheck.com). Für den Tracker im Radkasten des Fremdfahrzeugs gilt dasselbe. So lässt sich etwa schnell die Wohnanschrift oder die Arbeitsstelle des Fahrzeugeigentümers ermitteln. Und im Rucksack oder der Handtasche einer fremden Person lässt sich eine nahezu lückenlose Überwachung sicherstellen. 

Welche Ausmaße und Konsequenzen das haben kann, zeigen unterschiedliche Berichte aus den vergangenen Jahren. Für erstmals große Aufregung sorgte ein soziales Netzwerk zum internetbasierten Tracking sportlicher Aktivitäten. Angestellte der US–Streitkräfte trugen ihre Fitnesstracker, joggten um ihre Basis und luden die Daten dann automatisch hoch (tagesspiegel.de). Dadurch verrieten sie unwissentlich den Standort geheimer Stützpunkte ebenso wie ihren persönlichen Tagesablauf. Beides Informationen, die für einen militärischen Gegner einen hohen Wert sowie Nutzen haben (theguardian.com). Entsprechend setzten die US–Streikräfte einige Monate später ein Verbot durch (spiegel.de).

In den letzten Jahren mehrten sich die Berichte über Stalking (heise.de), bei dem einzelne Personen durch die neuen, kleinen Tracker explizit verfolgt wurden (netzpolitik.org) und ihnen aufgelauert werden konnte. Dieses strafbare Verhalten dürften die meisten ablehnen und selbst niemals anwenden (stopstalkware.org). Den Stalkenden ist es aufgrund des Trackingsprinzips und der seitens der Hersteller erarbeiteten User Experience ein Leichtes, die Technologie missbräuchlich einzusetzen.

Im Rahmen des Angriffskriegs auf die Ukraine kommt nun aber ein weiterer Aspekt zum Tragen. Dieser lässt sich einerseits als Stalking betrachten, andererseits auch als willkommene Unterstützung für die ukrainische Bevölkerung und deren Streitmächte. Die plündernden Invasoren steckten zahllose Smartphones und Laptops ein, die sie in Haushalten und Geschäften fanden (gizmodo.com). Die Eigentümerinnen und Eigentümer dieser Geräte aktivierten wiederum die Lokalisierungsfunktion der Geräte, mit dem Ergebnis, dass sie die Bewegungen der Invasoren nachvollziehen konnten und sich ein taktischer Vorteil herausarbeiten ließ (heise.de).

Diesen Beitrag hat unser Mitglied Mark Lubkowitz beigesteuert, der als Journalist und IT-Consultant tätig ist. Sein Fokus liegt dabei auf der Architektur und Entwicklung von webbasierten betrieblichen Informationssystemen. Zudem setzt er sich kritisch mit Technologien auseinander, recherchiert Entwicklungen und erarbeitet Strategien.

© Jose Martin Ramirez Carrasco - Unsplash