Zum Hauptinhalt springen
Blogbeitrag

Souveräne Techniknutzung in der nachberuflichen Lebensphase – Interview mit Dr. Janina Stiel

Das Interview erschien erstmals im November 2021 in der Studie des Digital Autonomy Hubs „Mensch und Technik in Interaktion. Wie gelingt individuelle digitale Souveränität?“. Die vollständige Publikation ist hier abrufbar.


Wie schätzen Sie als Referentin des Projekts „Digitalisierung und Bildung für ältere Menschen“ die aktuelle Situation für ältere Menschen in der digitalen Gesellschaft ein?

Dr. Janina Stiel: Das lässt sich so pauschal nicht beantworten, da ältere Menschen sich sehr voneinander unterscheiden. In einer Gesellschaft, in der Kommunikation, Informationsbeschaffung, Einkaufen oder die Inanspruchnahme von Dienstleistungen mehr und mehr im Internet stattfinden, sind diejenigen im Vorteil, die über einen Internetzugang, Geräte sowie Technik- und Medienkompetenz verfügen. Bei der Gruppe der ab 70-Jährigen ist dies aktuell bei der Hälfte der Fall. Bei den älteren Onliner·innen gibt es Anfänger·innen, die nur wenige Funktionen nutzen, Fortgeschrittene, aber auch Expert·innen, die ihr Wissen an andere Ältere weitergeben. Die circa 9 Millionen älteren Offliner·innen sind überwiegend Personen mit geringem Einkommen, geringer formaler Bildung, mit gesundheitlichen Einschränkungen, Hochaltrige, Migrant·innen und Frauen. Hier werden also Menschen, die tendenziell schon stärker sozial exkludiert sind, zusätzlich noch digital abgehängt. Sie profitieren nicht von den Chancen, vermissen diese aber auch kaum, weil sie ihnen gar nicht bewusst sind. Deshalb fühlen sich diese Personen auch nur selten digital abgehängt, sie haben ihre eigenen Strategien entwickelt, ihren Alltag zu bewältigen. Dennoch müssen wir als Gesellschaft etwas gegen die digitale Spaltung innerhalb der älteren Bevölkerung unternehmen und allen, die es möchten, Brücken in die digitale Welt bauen. Allen, die es im Übrigen aus verschiedensten Gründen nicht möchten, sollten ohne Nachteile Wege erhalten bleiben, ihre Angelegenheiten auch analog selbstständig zu bewältigen.

Lernen ältere Menschen anders? Wie wirkt sich dies auf das Erlernen digitaler Kompetenzen aus?

Ältere Menschen haben zum Teil Zweifel an der eigenen Lernfähigkeit, die jedoch unbegründet sind. Die Plastizität des Gehirns ist auch bis ins höchste Lebensalter gegeben, wir können also alle immer dazulernen. Und ja, ältere Menschen lernen anders, wobei auch hier die Unterschiede zwischen den einzelnen Personen erheblich sind und die Veränderungen sowohl Verluste als auch Gewinne bedeuten. Tendenziell kommt es erstens zu kognitiven Veränderungen, wie z. B. einer langsameren Informationsverarbeitung oder einer abnehmenden Kapazität des Arbeitsgedächtnisses. Dafür können Ältere auf mehr Erfahrungswissen aufbauen als Jüngere, was Anschlusslernen begünstigt. Es kommt zweitens zu sensorischen Veränderungen, wie z. B. nachlassende Seh- und Hörfähigkeit. Dies kann über Hilfsmittel und entsprechend angepasste Materialien und Lernumgebungen gut ausgeglichen werden. Drittens verändert sich die Motivation zum Lernen – einer der größten Vorteile. Ältere Menschen lernen tatsächlich eher fürs Leben als für die Schule oder den Beruf. Es geht nicht mehr um äußere Zwänge wie Abschlüsse, Beförderungen oder Zertifikate, es geht allein um die Sache. Motiviertere Lernende können sie kaum haben. Zudem dient das Lernen im Alter nicht allein dem Wissenserwerb, sondern auch dem In-Kontakt-Sein mit anderen, der sozialen Eingebundenheit. Die Auswirkungen dieser Veränderungen auf das Erlernen digitaler Kompetenzen betreffen vor allem die Gestaltung des Lernsettings. Erfolgreiche Formate sind eine individuelle 1:1-Begleitung oder Kurse in kleinen Gruppen mit mehreren Lernbegleiter·innen, die mit Ruhe und Geduld vorgehen, sich an den Anliegen der Lernenden orientieren, viel wiederholen, Raum für Erfahrungsaustausch und sozialen Kontakt lassen, eine angstfreie, sichere Atmosphäre und am besten auch noch einen Kaffee anbieten. Dies bieten in Deutschland aktuell etwa 400 Gruppen freiwillig engagierter Internethelfer·innen an, die zumeist selbst im Ruhestand sind und genau wissen, worauf es ankommt und welche Ängste bestehen. Sie sind zugleich Rollenmodelle, die zeigen, dass man für den Umgang mit dem Internet nie zu alt ist.

Ältere Menschen sind digital weniger aktiv als jüngere Menschen – dennoch lässt sich auch aus ihrem Leben die Digitalisierung nicht mehr wegdenken. Wie können ältere Menschen zum Erwerb digitaler Kompetenzen motiviert werden?

Ältere Menschen, die das Internet und digitale Anwendungen nicht nutzen, sind keineswegs per se uninteressiert oder müssten nur mal motiviert werden. Vielmehr erscheinen ihnen die Kosten für den erwarteten Nutzen nicht angemessen. Mit Kosten sind die Lebenszeit und der Lernaufwand gemeint, die es erfordert, um die als sehr komplex wahrgenommenen Geräte zu bedienen, sowie das Risiko, im Netz Opfer von Betrügern zu werden oder Daten ungewollt preiszugeben. Auch finanzielle Kosten spielen eine Rolle. Auf der anderen Seite wird nicht erkannt, worin der Nutzen bestehen könnte. Um die Waage so umschlagen zu lassen, dass der erwartete Nutzen die angenommenen Kosten überwiegt und so eine Lernmotivation erzeugt wird, muss jede·r begeistert werden. Das können ganz verschiedene Türöffner sein wie Kontakt halten mit den Enkeln über Messenger oder Videotelefonie, Reisen buchen und sich das Hotel vorab über StreetView ansehen, Discounter-Angebote früher mitbekommen, Mediatheken nutzen, YouTube-Videos über das eigene Hobby oder von alten Lieblingsbands sehen, den Gottesdienst online verfolgen in Zeiten der Pandemie u. v. m.

Abgesehen davon müssen Geräte und Anwendungen durch partizipatives Design tatsächlich nutzerfreundlich werden, müssen in jeder Kommune niedrigschwellige Lerngelegenheiten und konstante Ansprechpersonen da sein für Auswahl, Einrichten und Lernen unterwegs, muss Verbraucherschutz weniger Sache der Verbraucher·innen selbst sein, sondern vielmehr der Hersteller·innen und Anbieter·innen und muss eine Aufklärung über realistische Risiken erfolgen statt Panikmache.

Was braucht es in unserer digitalen Gesellschaft noch, um auch wirklich alle Generationen mitzunehmen und zu beteiligen?

Die digitale Spaltung ist keine Frage der verschiedenen Generationen. Alter spielt in der Tat keine wesentliche Rolle. Die Spaltung verläuft innerhalb der älteren Bevölkerung entlang der auch sonst bekannten Merkmale von sozialer Ungleichheit. Um alle mitzunehmen, bedarf es daher einer Strategie gegen digitale und soziale Ungleichheit in unserem Land. Das wurde ja auch bei den Schüler·innen mit verschiedenem sozialen Hintergrund im Homeschooling offensichtlich. Maßnahmen, um die Teilhabe auch für aktuell abgehängte Personen zu sichern, wären z. B. die Verfügbarkeit von schnellem Internet in allen Wohnformen älterer Menschen und in allen öffentlichen Einrichtungen, Übernahme der Kosten für einen Internetanschluss und ein Gerät für Menschen mit geringem Einkommen über sozialrechtliche Hilfe im SGB XII, Lern- und Erfahrungsorte zum Sehen und Ausprobieren von Technologien in jeder Kommune, geragogisch qualifizierte Technikbegleiter·innen in jeder Kommune, mehr Informationen und Lernformate in den öffentlich-rechtlichen Medien, die die Offliner·innen überdurchschnittlich häufig nutzen und eine Sensibilisierung der Hersteller·innen und Designer·innen für die tatsächlichen Bedarfe ihrer größten Kundengruppe. Außerdem brauchen Berufsgruppen, die mit älteren Menschen interagieren, mehr digitale Kompetenzen in ihrer Aus- und Weiterbildung.

Futuristisch gedacht: Wie sieht digitale Bildung und Kompetenzerwerb für ältere Menschen Ihrer Meinung nach in zehn bis zwanzig Jahren aus?

Das ist eine spannende Frage. Ich gehe davon aus, dass digitale Bildung in der nachberuflichen Lebensphase ein Handlungsfeld bleiben wird und der Bedarf mit der Alterung der Gesellschaft und der fortschreitenden Digitalisierung sogar wächst. Man könnte vermuten, dass die Bildungsinhalte sich dann weniger auf den ersten Einstieg ins Netz beziehen, weil nachrückende Kohorten den in der Regel schon vollzogen haben. Jedoch schreitet ja auch die Technologieentwicklung immer schneller voran und unser Wissen veraltet schneller, und so kann die Wissenslücke auch ebenso groß oder größer sein als jetzt, nur auf höherem Niveau. Ich vermute eine Ausweitung der Technikberatung und -begleitung noch stärker auf Felder außerhalb von IKT, also auch mehr Smart Home, Gesundheitstechnologien, Robotik, Mobilitätslösungen.

Ich hoffe, dass wir bis dahin reguläre Studien- und Ausbildungscurricula haben, die Fachkräfte an der Schnittstelle von technologischem Wissen und Geragogik hervorbringen. Und dass die digitale Bildung im Alter bis dahin einer bundesweiten Bildungsstrategie folgt, die auch hauptamtlich Lehrende vorsieht und die Verantwortung nicht hauptsächlich auf den Schultern freiwillig Engagierter lastet.


Dr. Janina Stiel leitet die Servicestelle „Digitalisierung und Bildung für ältere Menschen“ bei der BAGSO, gefördert vom BMFSFJ. Sie ist seit zwölf Jahren im Bereich Geragogik tätig, Autorin mehrerer Bücher und Ko-Autorin einer Expertise für den Achten Altersbericht der Bundesregierung „Alter und Digitalisierung“. Ihre Promotion in Sozialer Gerontologie hat sie 2021 an der TU Dortmund abgeschlossen.

Das Digital Autonomy Hub wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Forschungsprogramms „Miteinander durch Innovation“ gefördert und von Gesellschaft für Informatik e.V. und AlgorithmWatch umgesetzt. Mehr Informationen zum Hub finden Sie hier.

Dr. Janina Stiel, BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V. © BAGSO – Herby Sachs