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Blogbeitrag

Roboterakzeptanz im Westen und Fernen Osten: Wie Kulturunterschiede die Technikentwicklung beeinflussen

Technologische Entwicklung ist immer auch eine Kulturfrage. Der Frage, wie sich die kulturellen Unterschiede zwischen westlichen und asiatischen Ländern auch in der Robotik widerspiegeln, widmet sich im Folgendem Alexander Julian Golkowski.

Als Boston Dynamics Mitte der 2000er-Jahre erste Videos seiner Laufroboter veröffentlichte, war die Reaktion im Westen gleichermaßen von Faszination und Unbehagen geprägt. Die Maschinen bewegten sich schnell, wirkten kraftvoll und beinahe aggressiv. Besonders Systeme wie BigDog oder frühe Versionen des humanoiden Roboters Atlas erinnerten viele Beobachter eher an militärische Technologien als an zukünftige Alltagshelfer. Sichtbare Hydraulik, schwere Metallstrukturen und ein martialisches Auftreten erzeugten unweigerlich Assoziationen zu Science-Fiction-Dystopien wie Terminator oder Matrix. 

Technisch waren diese Systeme beeindruckend. Gesellschaftlich wurden sie jedoch oft mit Skepsis betrachtet. In öffentlichen Debatten dominierten Fragen nach Arbeitsplatzverlust, Überwachung und Kontrollverlust. Roboter erschienen vielen Menschen weniger als Unterstützung denn als Konkurrenz.

Die öffentliche Wahrnehmung dieser Systeme zeigte sich auch in den Medien. Heise online bezeichnete Atlas 2013 plakativ als „Rettungs-Terminator“ – ein gutes Beispiel dafür, wie stark Robotik im Westen häufig mit dystopischen Zukunftsbildern verbunden wird (heise).

Im asiatischen Raum, insbesondere in Japan, entwickelte sich dagegen ein völlig anderes Bild.

Bereits im Jahr 2000 stellte Honda mit ASIMO einen humanoiden Roboter vor, der bewusst nicht bedrohlich wirken sollte. ASIMO war klein, leicht und erinnerte optisch eher an einen freundlichen Astronauten oder eine Kinderfigur als an eine Maschine aus einem Militärlabor. Der Roboter konnte laufen, Treppen steigen, Menschen begrüßen oder sogar mit einem Ball spielen. Als Barack Obama Jahre später gemeinsam mit ASIMO Fußball spielte, wirkte dies weniger wie eine Maschinenvorführung als wie die Begegnung mit einem sympathischen technischen Begleiter.

Eine NHK-Dokumentation über die Entwicklung von ASIMO zeigt sehr eindrucksvoll, wie bewusst Honda den Roboter als gesellschaftlichen Begleiter und nicht als reine Maschine verstand (YouTube).

Dieser Unterschied ist bemerkenswert. Technisch verfolgen westliche und ostasiatische Robotiklabore häufig ähnliche Ziele: bessere Bewegungssteuerung, leistungsfähigere Sensorik, autonome Navigation oder menschenähnliche Interaktion. Die Unterschiede liegen daher weniger in der Funktionalität als vielmehr in der gesellschaftlichen Einbettung und der kulturellen Wahrnehmung solcher Systeme.

Technologische Entwicklung ist nie nur Technik. Sie ist immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Werte und kultureller Vorstellungen.

Während westliche Gesellschaften Robotik historisch stark mit Rationalisierung und Automatisierung verbinden, wird sie in Japan häufig stärker als unterstützende Technologie verstanden. Das hat auch historische Gründe. Die Industrialisierung Europas und Nordamerikas war eng mit dem Ersatz menschlicher Arbeit durch Maschinen verbunden. Technischer Fortschritt bedeutete daher oft auch soziale Unsicherheit. Genau diese Entwicklung zeigt sich heute erneut in der Debatte um Künstliche Intelligenz.

Bis heute spiegelt sich diese Erfahrung in westlicher Popkultur wider. Filme wie Terminator, Blade Runner oder Ex Machina erzählen selten Geschichten über harmonische Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Stattdessen erscheinen intelligente Systeme häufig als Bedrohung menschlicher Kontrolle und Autonomie. Auch in Deutschland zeigt sich diese Skepsis deutlich: Während industrielle Automatisierung weitgehend akzeptiert ist, werden humanoide oder soziale Robotersysteme häufig noch als befremdlich wahrgenommen.

Japan entwickelte dagegen früh eine andere kulturelle Beziehung zu Robotern. Figuren wie Astro Boy oder zahlreiche Mecha- und Anime-Produktionen zeigen humanoide Maschinen häufig nicht als Feinde, sondern als Beschützer oder Partner des Menschen. Roboter werden dort stärker als Teil der Gesellschaft gedacht.

Bereits frühe Arbeiten zur Mensch-Roboter-Interaktion beschäftigten sich mit den kulturellen Unterschieden in der Wahrnehmung von Robotern (DOI).

Auch politische und demografische Entwicklungen verstärkten diese Perspektive. Angesichts einer alternden Gesellschaft und eines zunehmenden Fachkräftemangels investierte Japan früh und umfangreich in Pflege- und Assistenzrobotik. Bereits 2014 beschrieb Jennifer Robertson, dass Japan sich zunehmend als „robot-dependent society“ versteht. Roboter galten dort nicht nur als technische Innovation, sondern zunehmend als gesellschaftliche Lösung (DOI).

Die Gründe für diese Unterschiede sind komplex. Eine mögliche Erklärung liegt in unterschiedlichen kulturellen und religiösen Weltbildern. Westliche Gesellschaften wurden historisch stark von jüdisch-christlichen Traditionen geprägt, die häufig deutlicher zwischen Mensch, Natur und Objekt unterscheiden. Autonome künstliche Wesen erscheinen dadurch schneller als Grenzüberschreitung.

Im Shintoismus und in Teilen buddhistisch geprägter Kulturvorstellungen findet sich dagegen eher die Vorstellung, dass auch nicht-menschliche oder menschengemachte Objekte eine spirituelle Essenz besitzen können. Dadurch wirkt die Grenze zwischen Mensch und Maschine weniger scharf gezogen als in vielen westlichen Denktraditionen.

Hinzu kommen Unterschiede in Kommunikations- und Gesellschaftsstrukturen. Während viele westliche Kulturen stärker individualistisch geprägt sind, betonen viele ostasiatische Gesellschaften stärker Harmonie und soziale Integration. Robotik wird dadurch weniger als Konkurrenz zum Menschen verstanden, sondern eher als Erweiterung gesellschaftlicher Strukturen. 

Eine vertiefende wissenschaftliche Betrachtung kultureller Unterschiede in der Mensch-Roboter-Interaktion findet sich hier: acm.org.

Gerade heute zeigt sich die Bedeutung dieser kulturellen Unterschiede besonders deutlich. Während amerikanische Technologiekonzerne derzeit vor allem die generative KI prägen, investieren asiatische Staaten gleichzeitig massiv in humanoide Robotik und deren gesellschaftliche Integration. China demonstriert inzwischen öffentlich humanoide Roboter bei Sportveranstaltungen oder Industrieanwendungen. Japan entwickelt weiterhin soziale Assistenzsysteme für Alltag und Pflege.

Gleichzeitig bedeutet gesellschaftliche Akzeptanz nicht automatisch einen unkritischen Umgang mit Technologie. Auch in asiatischen Gesellschaften existieren Debatten über Überwachung, soziale Kontrolle und eine zunehmende Abhängigkeit von technischen Systemen. Dennoch scheint dort die grundsätzliche Bereitschaft größer zu sein, Roboter als Bestandteil des gesellschaftlichen Alltags zu akzeptieren.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, welche Region technologisch führend ist. Spannender ist vielmehr, welche Gesellschaften bereit sind, solche Technologien tatsächlich in ihren Alltag zu integrieren.

Denn Akzeptanz entsteht nicht allein durch technische Leistungsfähigkeit. Sie entsteht durch kulturelle Vorstellungen darüber, welche Rolle Technik im menschlichen Leben spielen soll.

Vielleicht verrät die unterschiedliche Wahrnehmung von Robotern deshalb letztlich weniger über Maschinen – sondern mehr darüber, wie Gesellschaften den Menschen selbst verstehen. Am Ende lautet die Frage nicht, ob Roboter Teil unserer Gesellschaft werden. Die eigentliche Frage ist, welche Rolle wir ihnen darin geben wollen.

Diesen Beitrag hat Alexander Julian Golkowski geschrieben. Er hat Robotik studiert und beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen humanoider Robotik und Künstlicher Intelligenz. Seine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Technik, Gesellschaft und Kultur. Darüber hinaus ist er als Interim-Manager und selbstständiger Unternehmer tätig und leitet die GI-Regionalgruppe Ruhrgebiet. Vielen Dank!

Der Text erschien zuerst in unserem Newsletter GI-Radar. Alle Ausgaben gibt es hier zum Nachlesen. Sie haben auch einen Vorschlag für ein Thema? Wir freuen uns über Ihre Nachricht an redaktion@gi-radar.de.

Zu sehen ist der humanoide Roboter ASIMO von Honda von einer Vorstellung 2004 an der Stanford Universität. Er geht eine Treppe auf der Bühne herunter und ähnelt mit seiner weißen Lackierung einem Astronauten.
Im Gegensatz zu westlichen Robitiklaboren werden insbesondere in Japan Roboter gesellschaftlich eher als technische Helfer angesehen und, wie etwa hier der ASIMO von Honda, entsprechend konstruiert und präsentiert. (© WorldExplorer | flickr)