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Blogbeitrag

Moderne Séance – Chatten mit dem Jenseits

Inzwischen begegnen uns Chatbots an vielen Stellen im Internet und unterstützen sowohl Unternehmen als auch Benutzerinnen und Benutzer im Kundensupport, wie zum Beispiel die Hilfe-Heidi auf dem deutschen E-Learning Portal oncampus. Heidi könnte dabei in Zukunft nicht nur den freundlichen Avatar einer älteren Dame haben, sondern sogar einer längst verstorbenen Person nachempfunden sein.

Eine erschreckende Idee?

Bereits im Jahr 2013 befasste sich die Folge „Be Right Back“ der Serie Black Mirror mit der Möglichkeit eines Online-Services, der aus den Social-Media-Profilen von Verstorbenen Chatbots erstellt (Wikipedia). Diese und viele weitere Szenarien könnten durch ein Patent (uspto.gov), das die Firma Microsoft 2017 beim amerikanischen Patentamt einreichte und das im Dezember 2020 bewilligt wurde, vielleicht schneller Realität werden als wir es uns vorstellen möchten. Die dargestellte Methode nutzt soziale Daten wie Texte und Bilder von sozialen Medien, oder auch Audioaufnahmen aus dem Smart Home, die sich klar einer spezifizierten Person zuordnen lassen. Daraus wird im Anschluss zunächst ein Persönlichkeitsindex erstellt. Dieser kann dann genutzt werden, Chatbots zu trainieren, um im Stil der verstorbenen Person zu interagieren und zu kommunizieren.

Zusätzlich zu diesen Bemühungen, die Toten aus ihren sozialen Daten als Chatpartnerinnen und -partner wiederzubeleben, gibt es weitere Unternehmen, die sich mit der Thematik beschäftigen. Manche bieten sogar die Möglichkeit vorzusorgen und noch zu Lebzeiten einen eigenen Avatar zu erstellen, der nach dem eigenen Tod fortbestehen kann (theconversation.com).

Doch wer hat in Deutschland überhaupt das Anrecht auf die Daten eines Verstorbenen und kann nach aktuellem Stand darüber entscheiden?

Das postmortale Persönlichkeitsrecht beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern diese Rechte und der Schutz der eigenen Daten auch über das eigene Leben hinaus gelten. Tatsächlich regelt dies die DSGVO (Datenschutzgrundverordnung) nicht explizit. Nach Erwägungsgrund 27 der DSGVO gilt nämlich: „Diese Verordnung gilt nicht für die personenbezogenen Daten Verstorbener. Die Mitgliedstaaten können Vorschriften für die Verarbeitung der personenbezogenen Daten Verstorbener vorsehen.“ (dsgvo-gesetz.de)

In Deutschland wurden bislang jedoch keine Gesetze zum Umgang mit personenbezogenen Daten Verstorbener verabschiedet und folglich ist die Gesetzeslage hierzulande tatsächlich unklar. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Daten Verstorbener zur freien Verfügung stehen und damit gemacht werden kann, was man möchte (datenschutz-notizen.de).

Artikel 1 des Grundgesetzes findet nämlich auch hier Anwendung. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen gilt auch über das Lebensende hinaus und muss geachtet werden (bpb.de).

In erster Linie spielt der Schutz des Ansehens einer Person innerhalb der Gesellschaft hier eine wichtige Rolle. Dieser schwindet nach aktueller Rechtsprechung mit der Zeit, in der das Interesse an dem Erhalt der Erinnerung abnimmt. (jstor.org). Wenn es um das mögliche „Wiedererwecken“ Verstorbener geht, könnte §189 des Strafgesetzbuches eine Rolle spielen, der die Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener verbietet (gesetze-im-internet.de). Es bleibt jedoch die Frage übrig, wem überhaupt die sozialen Daten wie das Facebook-Profil oder Chatverläufe einer verstorbenen Person zustehen. Grundsätzlich gilt hierbei, dass der Facebook-Account sowie alle weiteren digitalen Nachlasse nicht den Unternehmen, sondern den Erben zustehen.

Diese haben nach deutscher Rechtsprechung die Möglichkeit, Einsicht in die zugrundeliegenden Daten zu erlangen. Das eigene Weiterführen der Konten verstorbener Personen ist jedoch nur erlaubt, falls die Profile mit entsprechenden Hinweisen versehen werden. Außerdem gilt es hier wiederum, das Ansehen der Verstorbenen im Sinne des postmortalen Persönlichkeitsrechtes zu wahren. Allgemein kann eine verstorbene Person den Zugriff der Erben auf ihre Konten auch per Testament regeln oder sogar verhindern (bmjv.de). Jenseits vom rechtlichen Aspekt der Thematik, bleiben jedoch auch ethische Gesichtspunkte der Debatte offen.

Durch den steigenden Internetkonsum steigt auch die Menge an Daten, die wir generieren. Fraglich ist, wie sehr unsere digitale Identität unserer realen Persönlichkeit entspricht. Schließlich geht es im Netz auch oft um Selbstdarstellung.

Die Vorstellung, dass die Nachkommen einer verstorbenen Person die Möglichkeit haben, diese nach ihrem Tod außerhalb von Erzählungen anderer selbst durch Gespräche kennenlernen zu können, ist verlockend. Jedoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass die verstorbene Person auf ihre digitale Identität reduziert wird und man sie nicht wirklich kennenlernt. Bei berühmten Persönlichkeiten, die häufig bereits zu Lebzeiten eine öffentliche Identität konstruieren, spielen diese Bedenken möglicherweise eine untergeordnete Rolle.

Mit der genannten Technologie besteht die Möglichkeit, ein trockenes Kapitel in einem Geschichtsbuch durch eine Live-Interaktion zu ersetzen. So könnte man zum Beispiel Stephen Hawking fragen, wie zum Teufel das Universum denn bitte in eine Nussschale passen soll, und würde darauf vermutlich eine sehr brauchbare Antwort erhalten.

Nachdem eine Person verstorben ist, wird oft davon gesprochen, dass diese in Herzen, Gedanken und Gesprächen weiterlebt. Dies könnte nun im digitalen Raum zumindest teilweise Realität werden. Jedoch ist fraglich, ob Trauernde den Verlust der verstorbenen Person realisieren und somit angemessen verarbeiten können, wenn sie noch immer aktiv mit ihrer digitalen Version kommunizieren. Selbst wenn die Technologie Chancen birgt, kurzfristig über den Verlustschmerz hinwegzuhelfen, sollte bedacht werden, dass Realisierung und Verarbeitung des Verlusts notwendig sind, um sich von der verstorbenen Person zu lösen und das eigene Leben ohne diese weiterzuleben.

Da sowohl gesellschaftlich als auch politisch insbesondere im Rahmen der Verwendung neuer Technologien immer wieder Diskussionsbedarf entsteht, freuen wir uns, gemeinsam einen Diskurs zu genau solchen Fragen zu gestalten. Verlinken (und folgen) Sie uns gerne auf Twitter unter @society_read.

Diesen Beitrag haben Yasmina Adams, Lasse Cezanne und Sarah Groos aus der SocIeTy (ehem. Redaktion Sozioinformatik) beigesteuert. Vielen Dank!