Interviewreihe SustainTalks: #2 Mit Informatik den Reparaturmarkt stärken
Steffen Vangerow ist Informationselektroniker, Geschäftsführer eines Reparaturunternehmen sowie Vorstandsmitglied im Verein Runder Tisch Reparatur. Im Interview spricht er über das Recht auf Reparatur, welches das EU-Parlament im April 2024 als Richtlinie über die Förderung des „Rechts auf Reparatur“ verabschiedete, was dies für Verbraucher*innen und Umwelt bedeutet und warum es mehr Informatiker*innen in Repair-Cafés braucht.
Das Recht auf Reparatur kommt. Dadurch sollen Verbraucher*innen mehr Möglichkeiten erhalten, ihre Geräte zu reparieren, anstatt sich ein neues zu kaufen. Gleichzeitig werden Ressourcen und Energie gespart und die Umwelt geschont. Das Recht auf Reparatur ist also ein wichtiger Schritt für Verbraucher*innen und unsere Umwelt. Was wird das Recht auf Reparatur für Ihre tägliche Arbeit in Ihrem Reparaturunternehmen bedeuten?
Das Recht auf Reparatur ist ein echter Meilenstein, für den wir als Vangerow GmbH über den Runden Tisch Reparatur seit Jahren gekämpft haben. Für unsere tägliche Arbeit erwarten wir vor allem drei Veränderungen: Eine bessere Ersatzteilverfügbarkeit, einen besseren Zugang zu Unterlagen und Software und ein erhöhtes Bewusstsein bei allen Akteuren, dass Reparaturen gut und wichtig für die Nachhaltigkeit sind.
Was hindert Verbraucher*innen aktuell noch daran Elektrogeräte wie z.B. einen Laptop zu reparieren?
Da gibt es mehrere Gründe. Oft fehlt Verbraucher*innen tatsächlich noch das Bewusstsein für die Reparatur bzw. dafür, wie viele Ressourcen für die Herstellung und die Entsorgung von Geräten verbraucht werden. Etliche große Hersteller machen Verbraucher*innen zudem durch geschickte Werbekampagnen weiß, dass neue Geräte besser und umweltfreundlicher sind. Das führt dazu, dass zum Teil auch kleine Probleme zum Anlass genommen werden, um Geräte frühzeitig durch neue zu ersetzen. Gerade bei Smartphones, Tablets und Laptops. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Verbraucher*innen, die ihre Geräte gerne sehr, sehr lange nutzen wollen und gerade bei Laptops und PC‘s immer wieder Komponenten tauschen lassen. Kritisch wird es hier, wenn es keine Software-Updates mehr gibt bzw. diese nicht mehr aufgespielt werden können.
In manchen Regionen ist es auch schwierig, überhaupt einen Reparateur*in zu finden und auch die Kosten für eine Reparatur können ein KO-Kriterium sein. Hier erhoffen wir uns durch das Recht auf Reparatur allerdings, dass manche Reparaturen einfacher und dadurch günstiger werden.
Sie sind Informationselektroniker und betreiben selbst ein Reparaturunternehmen – begonnen mit einer Reparaturwerkstatt. Inwiefern braucht es Informatikwissen, um z.B. ein Handy, Tablet oder Laptop zu reparieren?
Informatikwissen könnte den Reparaturmarkt in vielen Bereichen nochmals revolutionieren, da das Problem heute häufiger in Softwareblockaden als in Hardwareproblemen liegt. Nicht nur im IT-Bereich, sondern z. B. auch bei Küchenmaschinen, wie dem bekannten Thermomix. Hier haben wir ganz oft Schwierigkeiten, weil einige Bauteile miteinander verheiratet sind oder die Seriennummer nach dem Tausch der Elektronik nicht mehr aufgespielt werden kann. Mit der geeigneten Software könnten hier tausende Geräte besser und wirtschaftlicher repariert werden.
Wenn es um Softwareblockaden geht, kommen Elektroniker*innen schnell an ihre Grenzen. Sie können häufig nur noch Komponenten tauschen. Hier brauchen wir Informatiker*innen, die sich für das Thema Reparatur begeistern.
Zum Schluss: Wie können wir mehr Menschen für Reparaturpraktiken begeistern?
Grundsätzlich glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Die Zeiten, in denen sich nur ein paar postmaterielle Idealisten für die Reparatur begeistern konnten sind vorbei. Heute sind sich viele Menschen darüber bewusst und setzen sich mit ihrem ökologischen Fußabdruck auseinander. Reparatur kommt immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an.
Wichtig ist mir, dass wir sowohl Verbraucher*innen, als auch (potenzielle) Reparateur*innen für Reparatur-Praktiken zu begeistern. Da hilft vor allem eines: darüber reden! Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, wie unglaublich toll Reparaturen sind und wie viel Befriedigung in dieser Arbeit steckt. Wer sich das nicht vorstellen kann, soll einfach mal in ein Repair-Café gehen. Repair-Cafés gibt es mittlerweile bundesweit und sie sind eine gute Möglichkeit, um die gute Stimmung rund um Reparaturen mal unverbindlich zu erleben. Als Verbraucher*in oder auch als ehrenamtliche Reparateure*in. Wer sich vorstellen kann professionell in den Reparaturmarkt einzusteigen – haupt- oder nebenberuflich (auch im Ruhestand) oder Fragen dazu hat, kann sich gerne bei mir melden. IT-Spezialist*innen mit einem Faible für Reparaturen sind genau das, was wir im Reparaturmarkt brauchen!
Das Interview führte Nadine Winter von der Gesellschaft für Informatik.
Über die Interview-Reihe:
Auch die Informatik und ihre Produkte tragen maßgeblich zur globalen Erderwärmung und deren Auswirkungen auf Natur, Umwelt und Klima bei. Angesichts der drängenden Klimakrise betont die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) daher die Verantwortung der Informatik auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2045. In dieser dreiteiligen Interviewreihe werden Expert*innen aus verschiedenen Forschungsbereichen befragt, wie nachhaltige Informatik gelingen kann.
