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Blogbeitrag

Mikroblogging-Dienst Mastodon als ein Baustein für die IT-Souveränität Europas

Das Thema „Digitale Souveränität“ ist in vieler Munde und meist geht es dabei darum, wie sich digitale Abhängigkeiten reduzieren lassen. Dieser Artikel gibt einen Ausblick, wie sich einzelne Institutionen oder Personen vergleichsweise einfach mehr Unabhängigkeit verschaffen können.

Um die vielfach diskutierte IT-Souveränität Europas auszubauen und Abhängigkeiten von Technologiemonopolen zu reduzieren, sind eine Reihe von Software-Systemen bei öffentlichen Stellen zu ersetzen oder durch Zweitsysteme zu ergänzen. Das betrifft auch die sozialen Medien, die häufig von den großen kommerziellen US-Plattformen angeboten werden. In letzter Zeit sind X, Instagram, Facebook, YouTube und TikTok zunehmend zum Sprachrohr demokratiefeindlicher und rechtsextremer Stimmen geworden, die sich mittels algorithmischer Steuerung massenhaft verbreiteten und so den Diskurs oft dominieren. Algorithmen, die auf eine Maximalzahl von Klicks abzielen, führen aber zu einer ungleichen Verstärkung von Desinformationen, zum Beispiel beim Klimawandel. Die von der Europäischen Union (EU) schrittweise in Kraft gesetzten Rechtsakte Digital Markets Act (DMA) und Digital Services Act (DSA) haben daran bisher nichts ändern können, denn die Internetkonzerne legen durchgängig Widerspruch gegen die ergangenen Anordnungen und Gerichtsurteile ein und versuchen so, die Umsetzung europäischer Rechtsnormen möglichst weit hinauszuzögern und zu umgehen. Der Branchenverband Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (bitkom) kommentierte in einer Stellungnahme Komplexität, Lücken und mangelhafte Durchsetzbarkeit des Digital Markets Act.

Wie bei anderen Software-Systemen besteht auch im Fall der sozialen Medien die erfreuliche Situation, dass alternative und sogar bessere Dienste verfügbar sind. Ihrer Verbreitung stand bisher allerdings die mangelnde Interoperabilität der großen Plattformen entgegen, die viel Aufwand betreiben, um die Nutzerinnen und Nutzer systematisch an sie zu binden (fear of missing out).

Doch bereits 2018 wurde vom World Wide Web Consortium (W3C) das ActivityPub-Protokoll als Standard für soziale Dienste im Internet verabschiedet. Es umfasst die Interoperabilität der verschiedenen Dienste und setzt auf eine dezentrale Struktur, sodass die Nutzerinnen und Nutzer nicht an eine zentrale Instanz (zum Beispiel instagram.com) gebunden, sondern in ein Netzwerk von unabhängigen Servern beziehungsweise Instanzen eingebunden sind. So entstanden in den letzten Jahren eine Reihe von Open-Source-Anwendungen auf Basis des ActivityPub-Protokolls, die die etablierten Dienste eins zu eins ersetzen können; wie Mastodon für X, PeerTube für YouTube, Pixelfed für Instagram und so weiter. Seine dezentrale Struktur macht das Netzwerk zu einer digitalen Föderation der miteinander kommunizierenden Instanzen, weshalb die Gruppe der Dienste auch als Fediversum oder Fediverse bezeichnet wird.

Insbesondere die X-Plattform erregte in den letzten Jahren zunehmend Befremden und Unwillen bei Nutzerinnen und Nutzern aus der Wissenschaft und darüber hinaus. Denn mit der Übernahme von Twitter (nachfolgend dann X) durch eine Investorengruppe um Elon Musk nahmen Wissenschaftsfeindlichkeit, Desinformation, Hass und Hetze immer groteskere Formen an. Viele der auf der Plattform veröffentlichten Beiträge verstoßen gegen das strafrechtliche Verbot von Volksverhetzung (§ 130 Strafgesetzbuch – StGB), verbreiten massiv Antisemitismus und Rassismus, dienen der Leugnung des Klimawandels oder russischen Kampagnen zur Spaltung der Gesellschaften Europas. X hat sich so zu einem für die Wissenschaftskommunikation völlig ungeeigneten Dienst entwickelt und wird für die demokratische Verfasstheit von Staaten inzwischen als Bedrohung angesehen.

Nachdem ab 2022 zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Plattform verlassen hatten, initiierte im Januar 2024 das „Aktionsbündnis neue soziale Medien“ einen Appell an die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), in dem die Hochschulen aufgefordert wurden, ihre Accounts auf X stillzulegen und stattdessen bei Mastodon aktiv zu werden. Im Laufe eines Jahres wurden über 2.000 Unterschriften gesammelt und Anfang 2025 der Hochschulrektorenkonferenz übergeben. Dabei war die Reaktion der Hochschulrektorenkonferenz eher verhalten. Mehr Dynamik entwickelte sich aus der Gründung weiterer Initiativen für einen „eXit“ im Laufe des Jahres 2024 wie #ByeByeElon, #QuitX, #LeaveX, #WissXit oder #SaveSocial, die sich alle kritisch mit der Entwicklung der großen Plattformen auseinandersetzten. Außerdem schlossen sich große Digital-Organisationen wie unter anderem der Chaos Computer Club (CCC), Digitalcourage und Wikimedia den Forderungen des Aktionsbündnisses an (vergleiche die Vortragsfolien von der Gesellschaft für Informatik – GI-Jahresversammlung).

Anfang des Jahres verkündeten dann zahlreiche Hochschulen und Forschungseinrichtungen ihren Rückzug von X. Mittlerweile posten mehr als 170 von ihnen und eine ganze Reihe wissenschaftlicher Fachgesellschaften auf Mastodon. Ein von der Flensburger Software-Schmiede 54gradsoftware verfasstes Programm aktualisiert die Listen jeden Tag aufs Neue.

Eine wesentliche Aufwertung erfuhr das Fediverse unmittelbar nach dem letzten Informatik-Festival der Gesellschaft für Informatik, als der Bundesdigitalminister den Einstieg des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV) bei Mastodon verkündete und erklärte: „Wir sind ab heute auch bei Euch auf Mastodon. … Wir reden so viel über digitale Souveränität. Und dazu gehört eben auch, dass wir die guten, starken Plattformen, die wir in Deutschland und Europa haben, auch aktiv nutzen.“ In der letzten Woche wurde Mastodon zudem der Grimme-Online-Award verliehen – stellvertretend für die Idee des Fediverse.

Wir sind also schon ein gutes Stück vorangekommen bei der digitalen Transformation der sozialen Medien. Dennoch bleibt noch manches zu tun. Wie kann jede und jeder von uns dabei behilflich sein, dass der Aufbau wirklich sozialer Medien weiter vorangeht?

  1. Zum ersten können wir daran mitwirken, das Netzwerk der aktiven Einrichtungen noch zu erweitern. Hat meine Hochschule, mein Institut oder meine Firma schon einen Mastodon-Account? Die Listen von 54gradsoftware geben darüber Auskunft und zwar für Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Fachgesellschaften wie die Gesellschaft für Informatik (GI), aber auch für Städte und Gemeinden. Und für die Hochschulen, Ämter und Behörden, die noch fehlen, hat das Aktionsbündnis eine Kurzbroschüre verfasst, die dabei hilft, einen Account anzulegen. Und auch Standardbriefe sind verfügbar, mit denen die eigene Gemeinde zur Nutzung von Mastodon aufgefordert werden kann.

  2. Wer noch keinen eigenen Account hat, lege sich einen zu. Es gibt verschiedene Anleitungen dafür im Netz, unter anderem von der oder dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI), von Digitalcourage und anderen. Von manchem Neuling wird ein Vorteil des Fediverse, nämlich seine Dezentralität, als Problem empfunden, weil es zu Beginn eine Festlegung der Heimat-Instanz erfordert. Doch letztlich ist das nur ein Scheinproblem, denn wenn man nach einiger Zeit damit nicht mehr zufrieden ist, ist der Wechsel zu einer anderen Instanz einfach möglich – unter Mitnahme der eigenen Beiträge und Follower; ein weiterer Vorteil gegenüber den kommerziellen Plattformen. Die meisten Neulinge werden ihre Aktivität darauf beschränken, bestimmten Accounts (wie dem der Gesellschaft für Informatik, der Open Source Business Alliance – Bundesverband für digitale Souveränität (OSBA) und der Free Software Foundation Europe (FSFE), dem Forum Informatikerinnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF), dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), dem Zentrum für digitale Souveränität (ZenDiS) und dem Deutschen Forschungsnetz (DFN) oder den Fedi.tips) sowie Hashtags (wie #digitaleSouveränität, #FreiSoftware, #FOSS und so weiter) zu folgen. Viele weitere relevante Accounts finden sich auf den oben genannten Listen; konsultiert werden können auch die sogenannten Starterpacks. Und nach einiger Zeit ergibt sich der erste eigene Beitrag meist „wie von selbst“ (Hashtag #neuhier dann nicht vergessen). Anleitungen zur Nutzung des Fediverse werden auch auf Workshops gegeben, wie demnächst im Rahmen der Aktionstage „Netzpolitik und Demokratie“ der Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung.

  3. Ein interessantes Modell haben die Deutsche Gesellschaft für Hochschuldidaktik (DGHD) und die Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) etabliert, indem sie einen eigenen Fediverse-Server aufsetzten, der sowohl zur vereinsinternen wie auch zur Kommunikation mit der interessierten Öffentlichkeit genutzt werden kann. Wäre das nicht auch eine interessante Option für die Gesellschaft für Informatik und die bei ihr beheimateten IT-Profis? Ein eigener Server dient der Identifizierung mit einer offiziellen Zugehörigkeit, unterstützt das Community-Building der eigenen Gemeinschaft und erlaubt die Durchsetzung eigener Inhaltsnormen. In der Fachgesellschaft der Physikerinnen und Physiker, in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG), wird solch ein Szenario gerade diskutiert.

All das sind wichtige Schritte hin zu einer europäischen IT-Souveränität. Und mit der Nutzung von Mastodon und anderen Fediverse-Diensten bietet sich die Möglichkeit, nicht nur auf die richtigen Weichenstellungen der großen Politik zu warten, sondern sie direkt bei sich selbst und „vor der eigenen Haustür“ anzugehen. Wir können in diesem Moment damit beginnen: https://joinmastodon.org.

Diesen Beitrag haben Mario Birkholz, Technische Universität Berlin, und Sebastian Späth, Universität Hamburg, für das Aktionsbündnis neue soziale Medien beigesteuert.

Der Text erschien zuerst in unserem Newsletter GI-Radar. Alle Ausgaben gibt es hier zum Nachlesen. Sie haben auch einen Vorschlag für ein Thema? Wir freuen uns über Ihre Nachricht an redaktion@gi-radar.de.

 

Mehr als nur eine Alternative? © Chethan/Unsplash