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Blogbeitrag

KI & Nachhaltigkeit: Keine Kleinigkeit

Nachhaltigkeit ist ein großer Themenkomplex, der längst auch Einzug in die Informatik gefunden hat, wie unter anderem die 51. Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik mit dem Titel „Computer Science & Sustainability“ (gi.de) im letzten Jahr zeigt. Neue Technologien aus dem Fachgebiet bieten Chancen für eine nachhaltigere Welt, sind aber gleichzeitig nicht ohne Kosten. Vordergründig werden diese oft durch den Ressourcenverbrauch der Technologien dargestellt. So erfordern Methoden des maschinellen Lernens, einem Teilgebiet der Künstlichen Intelligenz, einiges an Rechenleistung und verursachen dadurch wiederum einen enormen Stromverbrauch (informatik-aktuell.de).

Nach einer Studie der University of Massachusetts Amherst gibt es Beispiele für neuronale Netze, die über den Verlauf eines Tages, den sie trainiert werden, etwa den gleichen CO2-Ausstoß produzieren wie fünf Autos inklusive Kraftstoff über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg. Im Vergleich dazu produziert ein Mensch im Jahr durchschnittlich rund 11.023 CO2e (lbs) und würde somit eine ähnliche Menge erst nach etwas über 56 Jahren erreichen (arxiv.org). Ein weiteres Beispiel für den hohen Stromverbrauch beim Einsatz von Methoden der Künstlichen Intelligenz ist IBM Watson, der bei seinem Sieg im Jeopardy-Duell in 2011 etwa 85.000 Watt benötigte (spektrum.de).

Obwohl die Betrachtung des Ressourcenverbrauchs für eine Nachhaltigkeitsanalyse sicher der richtige Einstieg ist, reicht es nicht aus, die messbaren Kosten zu betrachten. Bereits seit dem 18. Jahrhundert ist das vorausschauende Handeln ein weiterer, wichtiger Aspekt der Thematik. Wie etwa bei Hans Carl von Carlowitz, dem Begründer der nachhaltigen Forstwirtschaft, der sich mit der Frage auseinandersetzte, wie im Einklang mit der Wissenschaft die Forstwirtschaft nachhaltig, beständig und erhaltend eingesetzt werden kann (wikipedia.org).

Implizit beinhaltet diese Voraussicht also auch eine Verpflichtung. So muss man sich heute wie damals die Frage stellen, ob eine entwickelte und eingesetzte Methode auch von kommenden Generationen weiter genutzt werden kann, oder ob dadurch vielleicht unerwünschte Strukturen gefördert werden. Ist eine verwendete Methode nachvollziehbar? Kann man dem Ergebnis vertrauen? Und wie ist das Ergebnis entstanden? Hier gilt es, den Umgang mit KI zu schulen, sodass sowohl die zugrunde liegenden Daten korrekt gewählt, als auch die Ergebnisse richtig interpretiert werden können. (informatik-aktuell.de).

Noch weitaus komplexer wird die Betrachtung, wenn man den Nutzen, den die Künstliche Intelligenz für die Nachhaltigkeit bieten kann, ihren Kosten gegenüberstellt. Zum Beispiel, wenn das Unternehmen everwave (everwave.de) mit Hilfe von KI der Herkunft von Müll in Flüssen auf den Grund geht, oder das Startup BeetleForTech (beetlefortech.com) KI-Methoden nutzt, um die nachhaltige Waldbewirtschaftung und Forstwirtschaft digital abzusichern – ganz im Sinne von Herrn von Carlowitz. Im Projekt NaLamKI (nalamki.de) wiederum sollen landwirtschaftliche Prozesse durch KI-Methoden und (teil-)autonome Fahrzeug- und Agentenverbünde optimiert werden, um diese nachhaltiger, effizienter und transparenter zu gestalten.

Wie gleicht dieser Nutzen also die Kosten der eingesetzten Methoden aus, wenn sich diese womöglich sogar noch in der Entwicklung befinden und die tatsächliche Einsparung im verbesserten Prozess lediglich vermutet werden kann?

Die Antwort auf diese Frage sowie die damit verbundene Bewertung erfordert nicht nur das Fachwissen der Fachleute aus Entwicklung und Forschung, die Vorteile, Nachteile und Kosten transparent darzustellen und die Möglichkeiten, sowie die Beschränkungen klar aufzuzeigen, sondern auch eine gesellschaftliche und politische Verpflichtung: sich vorab, im Rahmen der Technikfolgenabschätzung über den Ressourcenverbrauch hinaus zu informieren und an den richtigen Stellen anzusetzen, zu fördern und zu schulen. Das Thema Nachhaltigkeit betrifft uns alle. 

Dieser Überblick wurde verfasst von Sarah Groos aus der Redaktionsgruppe „SocIeTy“. Da sowohl gesellschaftlich als auch politisch insbesondere im Rahmen der Verwendung neuer Technologien immer wieder Diskussionsbedarf entsteht, freuen wir uns, gemeinsam einen Diskurs zu genau solchen Themen zu gestalten. Verlinken (und folgen) Sie uns gerne auf Twitter unter @society_read. Sie erreichen uns außerdem unter redaktion.sozioinformatik@cs.uni-kl.de.

© Nick Fewings - Unsplash