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Blogbeitrag

Globales Engagement der GI | Interview mit Kai Rannenberg und Elisabeth Schauermann

Prof. Dr. Kai Rannenberg (Goethe-Universität Frankfurt) engagiert sich seit Beginn der 1990er-Jahre in internationalen Vereinigungen und Kommissionen u. a. für die Standardisierung der IT-Sicherheit und des Datenschutzes. Er vertritt die Gesellschaft für Informatik bei CEPIS (Council of European Professional Informatics Societies, cepis.org) und IFIP (International Federation for Information Processing, ifip.org). Elisabeth Schauermann ist Referentin für Politik und Kommunikation bei der GI-Geschäftsstelle Berlin und organisiert im Rahmen ihrer Tätigkeiten globale Nachwuchsprojekte wie zum Beispiel 2019 den Youth Internet Governance Summit.

Kai Rannenberg, wie ist es um die Involvierung der GI bei CEPIS und IFIP bestellt? Was können wir auf europäischer und internationaler Ebene beitragen?

Prof. Dr. Kai Rannenberg: Die Aktivitäten der GI bei IFIP lassen sich ganz gut vergleichen mit den Aktivitäten Deutschlands bei den Vereinten Nationen – wir sind ein aktiver Player, auch deshalb, weil Deutschland die multilaterale Vernetzung braucht und die GI im Vergleich zu den Mitgliedsgesellschaften mancher anderer Länder mehr Mitglieder und stabilere Strukturen hat. IFIP organisiert den globalen Wissenschaftsbetrieb der Informatik und die fachlich interessierten Mitglieder sind in vierzehn Technical Committees (TC) organisiert, unter denen sich jeweils verschiedene Working Groups versammeln. GI-Mitglieder sind in allen IFIP-Gliederungen aktiv, zum Beispiel aktuell als die Vorsitzenden von TC-2 (Software: Theory and Practice), TC-10 (Computer Systems Technology) und TC-14 (Entertainment Computing). Darüber hinaus bin ich einer von vier Vizepräsident*innen, womit natürlich eine besondere Gestaltungsverantwortung einhergeht, u. a. im Bereich digitaler Publikationen und deren allgemeiner und möglichst einfacher Zugänglichkeit.

Auf europäischer Ebene ist die GI ebenfalls in CEPIS präsent. So werden zum Beispiel unsere Materialien und Empfeh- lungen wie der Curriculumsvorschlag für informatische Bildung gerne genutzt und spielen somit im Austausch mit den Institutionen der EU eine große Rolle. Die Struktur von CEPIS zur thematischen Arbeit ist in Expert Groups organisiert, in denen ebenfalls GI-Mitglieder vertreten sind. Mir fallen da ad hoc die Gruppen Computing in Schools, Ethics in ICT, Women in ICT und Legal and Security Issues ein, in denen unsere Mitglieder tolle Arbeit machen. Das sind ja auch Kernthemen, die uns innerhalb der GI beschäftigen, deshalb ist das ein guter Resonanzboden. Sowieso muss an vielen Stellen über den deutschen Kontext hinaus gedacht werden. Wir sind zwar ein deutscher Verein, aber die Expertise und Themenbereiche, die wir abdecken, enden nicht an den Staatsgrenzen. Deshalb mache ich immer viel Werbung unter den Mitgliedern, sich in IFIP und CEPIS zu engagieren und die eigene Arbeit internationaler zu denken.

Elisabeth Schauermann, gibt es da Überschneidungen zu den internationalen Aktivitäten der Geschäftsstelle?

Elisabeth Schauermann: Einerseits ist es natürlich unsere Aufgabe als Mitarbeiter*innen der GI-Geschäftsstelle, die ehrenamtlichen Mitglieder auch bei ihrer internationalen Arbeit, vor allem bei CEPIS und IFIP, zu unterstützen. Die CEPIS Expert Group Women in ICT hat zum Beispiel die DiversIT Charter erarbeitet, ein Zertifizierungsinstrument über das Mitgliedsorganisationen, aber auch andere Institutionen ihre Bemühungen für Geschlechter- und Chancengleichheit darstellen können. Als Gesellschaft für Informatik werden wir uns darum bewerben. Wenn es um die Nachwuchsprojekte geht, können wir da auf jeden Fall bei IFIP an die Young ICT Group anknüpfen. Letztes Jahr haben wir im Youth IGF Summit bereits über 100 junge Menschen aus über 35 Staaten zusammengebracht und gemeinsam über internationale Digitalpolitik gesprochen – da ging es um Cybersicherheit und kritische Infrastrukturen, Plattformregulierung und Transparenz sowie um Fragen von Zugänglichkeit, Desinformation und digitale Bildung. Wie man sieht, gibt es da thematisch auf jeden Fall Querverbindungen. Das Spannende an unseren Projekten mit dem Internet-Governance-Nachwuchs ist ja auch, dass sie immer transdisziplinär aufgebaut sind und junge Menschen mit ganz unterschiedlichen akademischen und beruflichen Backgrounds ansprechen. Die Perspektive von jungen Informatiker*innen ist aber natürlich auch bei politischen Themen rund um die Digitalisierung enorm wichtig. Mein Ziel ist es immer, einen Multi-Stakeholder-Dialog herzustellen, Silos aufzubrechen und eine Kultur der Zusammenarbeit zu etablieren.

Womit wird oder sollte sich die GI auf dem internationalen Parkett in Zukunft beschäftigen?

Prof. Dr. Kai Rannenberg: Bei IFIP ist 2020 ein Jubiläumsjahr und das 60-jährige Bestehen hätte eigentlich bei der UNESCO in Paris gefeiert werden sollen. Obwohl das wegen COVID-19 nicht wie geplant stattfinden kann, ist es doch eine Zieldimension, die historisch bestehende Verbindung zwischen IFIP und UNESCO wieder zu stärken. Das IFIP Board ist außerdem eingeladen, im Frühjahr 2021 in Berlin zu tagen. Sofern internationale Reisen dann wieder möglich sind, ist das eine schöne Möglichkeit für die GI, sich einzubringen. Man könnte auch darüber nachdenken, noch mehr in Richtung der ITU (International Telecommunication Union) anzustoßen, da die eine Schlüsselrolle in der Internet Governance einnimmt und wir uns ja auch zunehmend mit diesem Thema beschäftigen.

Auf europäischer Ebene sehe ich klar die Möglichkeit und den Auftrag, über CEPIS aktiv zu werden, um die Entschei- dungsträger*innen in den EU-Institutionen mit fundierten Informationen und Einschätzungen zu digitalpolitischen Fragestellungen „aufzuschlauen“. Da gibt es Themen, bei denen wir schon gut dastehen, wie zum Beispiel bei der digitalen Bildung und bei Datenschutz und IT-Sicherheit, und andere, wo sich die GI noch hervortun könnte, zum Beispiel in Sachen Green ICT. Mein Appell an alle GI-Mitglieder ist auf jeden Fall, sich zu den jeweiligen Interessensgebieten europäisch und international zu vernetzen. Ich stehe da gerne mit Rat und Tat zur Seite.

Elisabeth Schauermann: Da Herr Rannenberg Green ICT anspricht, möchte ich da gleich einhaken. Das Internet-Governance-Thema dieses Jahr bei uns ist digitale Nachhaltigkeit. Im Projekt Youth4DigitalSustainability werden wieder junge Menschen aus allen Teilen der Welt zusammenarbeiten – dieses Mal ausschließlich virtuell –, um Empfehlungen zu ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltig- keitsaspekten des Internets zu erarbeiten. Darüber hinaus werden wir natürlich auch weiterhin versuchen, die GI, ihre Mitglieder und Aktivitäten auch international zu verankern, zum Beispiel über Rückmeldungen zu europäischen Regulierungsvorhaben oder auch durch neue Projekte mit internationalen Partnern.

Dieses Interview erschien im GI-Jahresbericht 2019/2020. Das gesamte Heft steht Ihnen hier zum Lesen bereit. 

 

 

Prof. Dr. Kai Rannenberg © GI, Kathrin Richter / Trendsetter Elisabeth Schauermann © GI