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„Wir brauchen Diskussionen auf Augenhöhe”

Aurelia Kusumastuti ist Studentin der Informatik und hat 2023 am Common Grounds Forum teilgenommen, das die GI veranstaltet hat. Im Interview spricht sie über die Forderungen der jungen Generation an die etablierte Digitalpolitik und wie junge Menschen dort mehr gehört werden.

Warum wolltest du Teil des Common Grounds Forum, kurz CGF, werden und unbedingt mitmachen?

Ich stehe am Ende meines Masterstudiums in Informatik, aber man braucht keinen Hochschulabschluss in Informatik, um einzusehen, dass die Digitalpolitik in Deutschland verbesserungswürdig ist. Wir sehen, wie in sozialen Medien Desinformation für bare Münze genommen werden. Vor allem in Zeiten der generativen KI ist es zu einfach geworden, glaubwürdige gefälschte Inhalte zu produzieren. Außerdem sehen wir, wie es am Fach Informatik in Schulen mangelt, was dazu führt, dass Digitalkompetenz vom Elternhaus abhängt und von Chancengleichheit nicht mehr die Rede sein kann. Ich wollte mich beim CGF mit anderen jungen Menschen in die Digitalpolitik in Deutschland einmischen und von der Politik und der Industrie nachhaltige Digitalisierung fordern.

Du warst beim Thementrack ökologische Nachhaltigkeit und Digitalisierung mit dabei. Welche der dort entwickelten Forderungen liegt dir besonders am Herzen?

Mir liegt die Kreislaufwirtschaft am Herzen, sowohl von Software als auch von Hardware. Oft werden zum Beispiel Handys und Tablets unbenutzbar, obwohl die Hardware an sich noch in Ordnung ist. Der Grund: Softwarebetreiber*innen liefern keine (Sicherheits-)Updates mehr für ‚alte Geräte‘. Oder Haushaltgeräte, die seit Jahrzenten ganz normal laufen, können plötzlich beim neuen Modell erst dann laufen, wenn man spezialisierte Software darauf lädt. Und an ihrem Lebensende werden diese Geräte teilweise als Elektroschrott einfach woandershin verschifft. Das Ganze ist offensichtlich ein Problem. Darum fordern wir unter anderem, dass Softwarebetreiber*innen Sicherheitsupdates zehn Jahre und funktionale Updates sieben Jahre zur Verfügung stellen. Zudem sollen Hersteller*innen von Haushaltsgeräten garantieren, dass ihre Geräte ohne spezialisierte Software genutzt werden können. Letztlich sollen Firmen sich bis 2030 verpflichten, 100 Prozent der entsorgten Geräte zu recyceln.

Du hast aber auch an den Forderungen zu sozialer Nachhaltigkeit und Digitalisierung mitgewirkt. Worüber habt ihr in diesem Themenfeld am meisten diskutiert?

Wir haben viel über informationelle Selbstbestimmung und Demokratie in digitalen Medien diskutiert, da soziale Medien in unser aller Leben mittlerweile sehr präsent sind und wir spätestens nach dem Fall Cambridge Analytica hier nicht mehr wegschauen dürfen. Neuerdings drosselt Instagram bekanntermaßen politische Inhalte und meint damit Inhalte, die Gesetze, Wahlen oder ‚soziale Themen‘ beinhalten. Heißt das, dass es weniger von meinen Follower*innen mitbekommen würden, wenn ich etwa über Rassismus und Sexismus im Berufsleben poste? Warum sollen überhaupt einzelne Unternehmen entscheiden, was politisch ist und was nicht? Schon jetzt melden FLINTA*-Konten, dass ihre Reichweite deutlich eingeschränkt wird, wenn sie ‚Politisches‘ teilen, selbst wenn es nur ihre Perspektive oder Lebenserfahrungen sind. Beim Versuch, die Welt unpolitisch zu machen, verstärkt man nur den Status quo. Deswegen fordern wir unter anderem, dass Empfehlungssysteme wie bei Instagram, einer zentralen Plattform mit mehr als zehntausend Nutzenden, transparent und verständlich darüber aufklären, welche Logik und welche Daten verwendet werden. Für Nutzende soll es außerdem so einfach wie möglich sein, die Personalisierung zurückzusetzen. Auch wichtig, um einseitige Bestimmung der Informationsflut wie im Falle Instagram zu meiden: Jeder Mensch muss Zugang zu einem Minimum an digitaler, vertrauenswürdiger Infrastruktur haben – diese darf nicht in den Händen weniger Akteur*innen liegen.

Du warst auch als Vertreterin des CGF auf dem Digital-Gipfel der Bundesregierung im Herbst 2023 in Jena. Wie hast du das Event als vergleichsweise junge Teilnehmerin erlebt?

Es war für die Menschen dort unerwartet, dass junge Menschen auch dabei waren und Forderungen präsentierten. Für mich war es jedoch verbesserungswürdig, dass nur wenige Vertreter*innen der Zivilgesellschaft anwesend waren und wir die einzigen jungen Menschen waren, die Inhalte präsentieren konnten. Die Podiumsdiskussion sowie die vorgestellten Positionen kamen sehr gut an und wir erhielten erfreulicherweise Anfragen zur Zusammenarbeit und zu weiteren Gesprächen.

Die Online-Workshops, das gemeinsame Event in Berlin und der Digital-Gipfel in Jena haben euch Teilnehmer*innen ziemlich zusammengeschweißt und ihr steckt aktuell weiterhin viel ehrenamtliches Engagement in das CGF, damit eure Forderungen gehört werden. Was sind eure nächsten Schritte, um eure Forderungen weiter zu verbreiten?

Nach dem Digitalgipfel wurden wir von der Open Search Foundation zur Tagung „Orientierung in der digitalen Welt“ eingeladen, um unsere Forderungen zu präsentieren. Wir treffen uns auch etwa einmal im Monat online, um weiter an unseren Positionen und Forderungen zu arbeiten und einen weiteren Rahmen zu finden, um sie vorzustellen. Außerdem waren Vertreter*innen des CGF auf der re:publica 24, wo sie interaktiv mit den Besucher*innen unsere Forderungen diskutierten.

Zum Schluss: Was würdest du dir wünschen, damit mehr junge Stimmen die Digitalpolitik in Deutschland mitgestalten können?

Partizipative Formate wie das CGF sind eine super Gelegenheit, junge Stimmen in die Digitalpolitik zu holen. Nicht nur sollen mehr von solchen Formaten gefördert werden, sondern auch die allgemeine Haltung der Gesellschaft gegenüber jungen Menschen soll sich ändern: Weg von Vorurteilen von oben herab und hin zu Diskussionen auf Augenhöhe!

Interview: Nadine Winter

Fotot von Aurelia Kusumastuti auf dem letzten Digitalgipfel, im Rahmen des CGF
Aurelia Kusumastuti ist eine von vielen Vertreter*innen des Common Grounds Forum. (© Mike Auerbach)