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Blogbeitrag

Informatikunterricht in Deutschland – ein Flickenteppich mit Löchern

In den „Perspektiven der Informatik in Deutschland“ fordert der Wissenschaftsrat 2020 die schnelle und flächendeckende Einführung informatischer Bildung in den Schulen. Er konstatiert eine unterschiedliche, zumeist unbefriedigende Situation des Informatikunterrichts in Deutschland und beklagt: „Ein verlässlicher Überblick über die aktuelle Situation in Deutschland existiert nicht.“ (S. 40). Diese Lücke ist jetzt mit einer detaillierten Studie von Richard Schwarz (Uni Rostock) geschlossen worden, die die Situation mit Stand August 2020 abbildet. Die Ergebnisse der Studie bestätigen die insgesamt unzureichende Situation, zeigen jedoch auch Beispiele für erfreuliche Entwicklungen auf.

Informatische Bildung ist Teil der Allgemeinbildung – für alle Schülerinnen und Schüler. Damit können nicht nur die Schülerinnen und Schüler an einigen oder an allen Gymnasien eines Bundeslands gemeint sein, sondern alle Schülerinnen und Schüler in allen weiterführenden Schulformen des dreigliedrigen deutschen Bildungssystems. Die Arbeit von Richard Schwarz enthält – jeweils nach einer Übersicht über das Schulsystem in den 16 Bundesländern – eine ausführliche Beschreibung der informatischen Bildung ab Jahrgangsstufe 5 in den einzelnen Schulformen und geht in diesem Punkt über die 2017 veröffentliche CECE-Studie „Informatics Education in Europe: Are We All in the Same Boat?“ hinaus, in der eine solche Unterscheidung nicht vorgenommen wurde. Von besonderem Interesse war die Frage, in welchem Maß die Länder die „GI-Empfehlungen für ein Gesamtkonzept zur informatischen Bildung an allgemeinbildenden Schulen“ aus dem Jahr 2000 umgesetzt und ein verbindliches Fach in allen Jahrgangsstufen ab Klasse 5 eingeführt haben.

Für die Erhebung der Daten wurde ein mehrstufiges Verfahren gewählt. Die Daten resultieren einerseits aus einer umfangreichen Analyse bildungspolitischer Dokumente wie Schulgesetze und Stundentafeln, um den formalen Rahmen für die informatische Bildung vor dem Hintergrund des Schulsystems in den Ländern beschreiben zu können. Um anderseits den inhaltlichen Wert der Angebote beurteilen zu können, wurde geprüft, ob, in welchem Umfang und mit welcher Verbindlichkeit es curriculare Vorgaben (Rahmenpläne, Bildungspläne, etc.) für die informatische Bildung gibt. Die nach Aktenlage erstellten vorläufigen Beschreibungen wurden anschließend jeweils durch eine Befragung mehrerer Expertinnen und Experten in den jeweiligen Bundesländern verifiziert und als „Beschreibung der Situation der informatischen Bildung in den Bundesländern“ veröffentlicht.

Zum Informatikunterricht im Sekundarbereich I ergibt sich ein sehr differenziertes Bild. Dies betrifft die Verbindlichkeit, die jeweilige Schulart und vor allem die Organisationsform eines Fachunterrichts Informatik. Neben einem durchgängigen Pflichtunterricht in wenigen Bundesländern, für den die Inhalte curricular definiert sind, existieren unterschiedlichste Angebote im Wahlpflicht- bzw. im Wahlbereich (nach curricularen Vorgaben oder auch in freier Wahl der Schulen), oder es kommt ein solcher Unterricht überhaupt nicht zustande. Das kann einzelne Schularten, gymnasiale Zweige bzw. Schwerpunkte oder alle Schularten betreffen, oder der Informatikunterricht kann in einer, in mehreren oder in allen Jahrgangsstufen stattfinden. Informatische Inhalte können zudem als eigenständiges Fach, im Rahmen eines interdisziplinären Fachs oder in Form fächerübergreifenden Unterrichts vermittelt werden. In zwei Bundesländern – in Bremen und Hessen – existiert keinerlei Angebot für informatische Bildung im Sekundarbereich I. In neun Bundesländern wird Informatik ausschließlich nur im Wahlpflicht- und Wahlbereich angeboten. Lediglich in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Baden-Württemberg, Bayern und im Saarland gibt es verbindlichen Informatikunterricht in der Sekundarstufe I. Hier sind jedoch z. T. enorme Unterschiede in der Breite des Angebots bezogen auf die Jahrgänge und die betroffenen Schulformen auszumachen. Mecklenburg-Vorpommern ist seit 2019 das einzige Bundesland, in dem verbindlicher Informatikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler durchgängig in den Jahrgangsstufen 5 bis 10 stattfindet. Sachsen hat als erstes Bundesland 1992 ein Pflichtfach Informatik eingeführt und dies seit 2017 für alle Schularten verbindlich in den Klassenstufen 7–10 ausgeweitet.

Anders ist die Situation in derSekundarstufe II. Dies ist durch stärkere KMK-Vorgaben als für die Sekundarstufe I begründet. Informatik kann in allen Bundesländern auf grundlegendem Anforderungsniveau belegt und als Prüfungsfach gewählt werden. In den meisten Fällen (mit Ausnahme von Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt) ist Informatik als Fach auf erhöhtem Anforderungsniveau wählbar. Im Rahmen einiger länderspezifischer Regelungen ist Informatik in Niedersachsen Sachsen und Thüringen hinsichtlich der Belegungsverpflichtungen in der Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe sowie als Abiturprüfungsfach den naturwissenschaftlichen Fächern gleichgestellt.

In der Studie sind bereits Hinweise enthalten, welche Beschlüsse es in den Ländern für die zukünftige Gestaltung der informatischen Bildung und insbesondere des Pflichtfaches Informatik gibt. Die GI wird die Entwicklung der informatischen Bildung in einem Informatikmonitor veröffentlichen und ständig aktualisieren. Und wer sich im Detail über den Informatikmonitor informieren möchte, kann dies am Montag, dem 15. März ab 18:00 Uhr live in einem GI-Webtalk tun: https://gi.de/veranstaltung/gi-webtalk-informatikbildung-in-deutschland-stand-und-aktuelle-entwicklung.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Richard Schwarz und Lutz Hellmig (beide Uni Rostock) sowie Steffen Friedrich (TU Dresden). Vielen Dank.

Getty Images/iStockphoto