Zum Hauptinhalt springen
Blogbeitrag

Hybrid ist das neue 42

Douglas Adams lieferte mit „42“ die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Die Suche nach der Antwort dauerte so lange, dass die ursprüngliche Fragestellung in Vergessenheit geriet. Heutzutage ersetzt „Hybrid“ zunehmend Adams‘ Antwort auf diese Frage. Dabei stellt sich „Hybrid“ viel zu oft als Hybris heraus.

Frei nach dem dritten Newtonschen Axiom: Sobald sich eine Bewegung in eine Richtung ergibt, entsteht automatisch eine Bewegung in die Gegenrichtung. Konservative halten an bestehenden Strukturen fest und zeigen sich gerne als veränderungsunwillig. Progressive versuchen dann, diese Strukturen aufzubrechen und zeigen sich als äußerst veränderungswillig. Je stärker die progressiven Kräfte wirken, desto stärker wirken auch die konservativen Kräfte. Das Resultat: ein starkes Spannungsfeld, in dem sich alle aufhalten, die weder dem vollständig konservativen noch dem vollständig progressiven Lager zuzuordnen sind. Je stärker und weiter sich das Feld aufspannt, desto wahrscheinlicher kollabiert es und bringt einen Kompromiss hervor. Meistens erhält dieser Kompromiss das Attribut „hybrid“. Diese gutgemeinten Kompromisse sollen sämtliche Vorteile beider Extreme kombinieren – und mitunter gelingt ihnen das auch. Viel zu oft stellen sich diese Kompromisse aber als Hybris heraus, sind weder effizient noch effektiv oder gar sinnvoll. Denn sie haben die eigentliche Fragestellung außer Acht gelassen.

Lange Zeit litt die Software-Entwicklung unter einem penibel zahlenorientierten Projektmanagement. Es verwandelte Menschen in Key-Performance-Indikatoren, in austauschbare Ressourcen, zwang sie in ein starres, repressives Korsett. Das gefiel nicht allen. Die sich aus dem Unmut ergebende progressive Gegenkraft mündete im Manifesto for Agile Software Development. Plötzlich stand die Welt der Software-Entwicklung auf dem Kopf, lieferten sich Konservative und Progressive heftige Debatten, hielten jeweils ihre Sichtweise für die einzige Wahrheit. Versuche der Annäherung scheiterten. Die Konservativen wollten ihre Zahlen behalten, die Progressiven ihre Freiheit bewahren. Die Wogen haben sich geglättet, mehr und mehr Stimmen sprechen nun von Hybridem Projektmanagement, denn weder die Konservativen noch die Progressiven konnten beweisen, dass ihr Vorgehen und ihre Sichtweise tatsächlich die Besten sind. Ob Hybrides Projektmanagement es schafft, lässt sich derzeit nicht beantworten. Es versucht zu oft, in das chaotische agile Vorgehen das „zahlenlästige“ klassische Management zu integrieren. Es kommt also ganz auf die Fragestellung an.

Klarer fällt die Antwort bei Automobilität aus. Dass die Verbrennung fossiler Treibstoffe unsinnig ist, war schon lange eindeutig. Die für unsere Umwelt negativen Einflüsse sind klar erkennbar und gesetzliche Regelungen führten zu eindeutigen, einheitlichen Messwerten. Der Weg in Richtung Elektromobilität galt als der einzig Wahre. Nur ließ er sich nicht von jetzt auf gleich einschlagen. Es folgte, was folgen musste: Hybridmotoren. Die Kombination aus Verbrennungs- und Elektromotor sollte den Übergang regeln, das beste beider Welter kombinieren. Es gab sogar signifikante Förderungen für alle, die zumindest einen Hybridantrieb für ihr neues Fahrzeug wählten. Mittlerweile ist klar: Hybridmotoren sind eine Hybris. Sie arbeiten weit weniger effizient als gedacht.

Nach zwei Jahren Corona-Pandemie hat nun auch die Arbeitswelt das Attribut „hybrid“ erhalten. Galt vor Corona Mobile Work in vielen Bereich noch als undenkbar, wollen nach Corona nur noch wenige Angestellte auf die vielen Vorzüge der Arbeit aus dem heimischen Büro verzichten. Längst sind viele aus der Stadt wieder zurück aufs Land gezogen. Längst hat sich gezeigt, dass Pendeln zu unnötigem Energieaufwand und signifikantem Zeitverlust führt. Längst hat sich gezeigt, dass sich Berufliches und Privates mannigfaltig kombinieren lässt, wenn sich die Chance ergibt. So werden die Stimmen nach Hybrid Work also lauter. Was genau das ist? Kommt auf die Fragestellung an. Ab und an mal ins Büro fahren, Menschen treffen, die für viele Monate nur digital zu hören und zu sehen waren? Den Rest der Zeit dann aber gerne im Schlafanzug verbringend daheim – oder am See liegend – arbeiten?

Bei Projektmanagement, Automobilität und Arbeit endet die Hybridisierung längst nicht. Sie ist auch in der Software-Architektur wieder en vogue. Hier bildeten die Monolithen das konservative Lager. Hier bildeten die Polylithen das progressive Lager. Ganz oder gar nicht, lautete die Devise. Eine Annäherung schien undenkbar, weshalb Architekten und Entwickler zu Mauerspechten mutierten, die mit Hammer, Meißel und viel Willen die gehobelten, polierten Monolithen zu bröckligen, kieseligen, körnigen und schlussendlich staubigen Microservices zerschlugen, regelrecht mahlten. Als sich der Staub legte, zeigte sich, wie viel einfacher es ist, einen Monolithen in die Cloud zu heben und zu verwalten, als den aufgewirbelten Staub zu bändigen. Nun ist die Rede von modularen Monolithen, schwenkt das Pendel zum Begriff hybride Architekturen: ein bisschen handlicher, aber nicht zu klein. Modularisierung gilt jetzt als die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem Rest. Modularisierung. Schon 1971 lieferte Parnas mit Modularisierung diese Antwort – oder eine mögliche Antwort? Wenn nur die Frage eindeutiger, weniger schwammig wäre, dann ließe sich auch klären, ob die gefundene Antwort die richtige ist, ob die Konservativen, die Progressiven oder die Kompromissler Recht haben.

Diesen Beitrag hat unser Mitglied Mark Lubkowitz beigesteuert, der als Journalist und IT-Consultant tätig ist. Sein Fokus liegt dabei auf der Architektur und Entwicklung von webbasierten betrieblichen Informationssystemen. Zudem setzt er sich kritisch mit Technologien auseinander, recherchiert Entwicklungen und erarbeitet Strategien.

Bild von iirliinnaa aud Pixabay