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BlogbeitragIm Fokus

Geteilte Projektvision mittels Vision Videos - ein Medium für proaktiven Informationsaustausch

Das übergeordnete Ziel des Requirements Engineering Prozesses ist die Etablierung einer geteilten Projektvision in dem relevanten Systemkontext unter allen Beteiligten. Für dieses Ziel ist eine effektive Koordination und Kommunikation der Bedürfnisse aller erforderlich, sodass das Entwicklungsteam in der Lage ist eine Lösung zu implementieren, die die Interessensvertretung akzeptiert. 

Dieser Prozess wird Anforderungskommunikation genannt und beinhaltet die Entwicklung und Aushandlung eines gemeinsamen Verständnisses über die Ziele, Pläne, Status und Kontext eines Projektes unter allen Beteiligten. Zu diesem Zweck ist es erforderlich, dass alle Beteiligten ihre mentalen Modelle des zukünftigen Systems, d. h. ihre Visionen, offenlegen, diskutieren und aneinander ausrichten, indem sie ihre Ziele, Ideen, Bedürfnisse und Erwartungen explizit ausdrücken.

Ein mentales Modell ist eine konzeptuelle Idee einer Person, die das individuelle Verständnis dieser Person widerspiegelt wie ein System funktioniert. Durch einen solchen Austausch der mentalen Modelle kann ein gemeinsames Verständnis unter allen Beteiligten geschaffen werden, wodurch eine geteilte Projektvision entsteht. 

Bei der geteilten Projektvision handelt es sich um die Essenz der mentalen Modelle aller Interessensvertreterinnen und -vertreter von dem ultimativen System, das ihre Bedürfnisse erfüllt. Die geteilte Projektvision beschreibt den Umfang des zu entwickelnden Systems und ermöglicht damit der Interessensvertretung und dem Entwicklungsteam zu beurteilen und sich darauf zu einigen, was die relevanten Anforderungen sind und welche Bedeutung diese Anforderungen für das zukünftige System haben. Nur wenn die Interessensvertretung und das Entwicklungsteam die gleiche Projektvision verstehen, teilen und akzeptieren, können sie ihre Aktivitäten und Aktionen im Projekt so ausrichten, dass sie erfolgreich das zukünftige System entwickeln.

Interessensvertretung und ein Entwicklungsteam können leichter ein gemeinsames Verständnis und damit eine geteilte Projektvision erzielen, wenn sie Praktiken nutzen, die einen proaktiven Informationsaustausch unter ihnen unterstützen. Die aktuellen Praktiken des Requirements Engineerings beschreiben eine Vision jedoch hauptsächlich textuell. Dieses Darstellungsformat ist weniger geeignet für eine effektive Anforderungskommunikation mit einem proaktiven Informationsaustausch aufgrund von zwei wesentlichen Gründen. Zunächst erhöhen die der natürlichen Sprache zugrundeliegenden Einschränkungen wie Mehrdeutigkeit und Abstraktion die Wahrscheinlichkeit von unentdeckten Missverständnissen, die ein gemeinsames Verständnis erschweren. Des Weiteren können in einer textuellen Dokumentation nicht alle Informationen erfasst werden, die für die Interessensvertretung und das Entwicklungsteam relevant sind. Insbesondere mentale Modelle sind aufgrund ihrer nicht greifbaren Natur als stillschweigende Repräsentationen in den Köpfen der beteiligten Personen komplexe und schwer zu erfassende Konstrukte.

Aus diesen Gründen erfordert der Austausch von mentalen Modellen einen anderen Kommunikationsmechanismus als textuelle Dokumentation. Dieser Kommunikationsmechanismus muss sich für einen proaktiven Informationsaustausch eignen, sodass die Beteiligten ihre mentalen Modelle offenlegen, diskutieren und aneinander ausrichten, um ein gemeinsames Verständnis erzielen und damit eine geteilte Projektvision etablieren zu können.

Im Gegensatz zu textueller Dokumentation sind Videos ein vielversprechender Kommunikationsmechanismus für gemeinsames Verständnis, um eine geteilte Projektvision zu etablieren. Vision Videos sind in diesem Zusammenhang eine spezifische Art von Videos, deren Anwendung dem Erzielen eines gemeinsamen Verständnisses dient, sodass die Interessensvertretung und das Entwicklungsteam die gleiche Projektvision verstehen, teilen, und akzeptieren.

Ein Vision Video ist ein Video, das eine Vision oder Teile davon (adressiertes Problem, Kernidee der Lösung und Mehrwert der Lösung für das Problem) zeigt, um ein gemeinsames Verständnis unter allen Beteiligten zu erzielen, indem sie ihre mentalen Modelle des zukünftigen Systems offenlegen, diskutieren und aneinander ausrichten. Ein Vision Video zeigt die Vision eines zukünftigen Systems und legt damit das mentale Modell des Videoproduzenten offen, wodurch das mentale Modell externalisiert und damit greifbar gemacht wird. Diese explizite Darstellung bietet einen visuellen Referenzpunkt für aktive Diskussionen unter allen Beteiligten, um ihre mentalen Modelle aneinander auszurichten. Die Interessensvertretung und das Entwicklungsteam können mithilfe eines Vision Videos kritische Punkte in ihren mentalen Modellen identifizieren, diskutieren, verstehen und im besten Fall auflösen. Auf diese Weise hilft ein Vision Video bei der Entwicklung und Aushandlung von einem gemeinsamen Verständnis und damit bei der Etablierung einer geteilten Projektvision.

Vision Videos sind keine neue Praktik im Requirements Engineering. Eines der wohl bekanntesten Vision Videos ist der „Knowledge Navigator“ von Apple aus dem Jahr 1987. Des Weiteren ist seit 2017 jedes Forschungs- und Innovationsprojekt, das von der Europäischen Union durch Rahmenprogramme wie Horizon 2020 gefördert wird, dazu aufgerufen ein Vision Video zu produzieren, um die zukünftigen Auswirkungen des Projektes auf das Leben der europäischen Bürgerinnen und Bürger sowie der Gesellschaft als Ganzes aufzuzeigen. Die bisher von geförderten Projekten produzierten Vision Videos sind in einer Playlistdes YouTube Kanals „EU Science and Innovation“ abrufbar. Diese Playlist umfasst 376 Vision Videos.

Trotz der Vorteile von Vision Videos ist das Medium Video kein etablierter Kommunikationsmechanismus für ein gemeinsames Verständnis im Requirements Engineering. In einer Umfrage sind Software-Fachleute aus der Industrie und Forschung dazu befragt worden, was sie daran hindert Videos, als Kommunikationsmechanismus im Requirements Engineering einzusetzen. Die Ergebnisse der Umfrage untermauern zwei wesentliche Hindernisgründe, die die Produktion von Videos als behindern: (1) Software-Fachleute assoziieren die Produktion eines Videos mit einem hohen Aufwand und (2) Software-Fachleuten fehlen die Kenntnisse und Fähigkeiten, selber gute Videos zu produzieren.

Eine Vielzahl von wissenschaftliche Arbeiten hat bereits aufgezeigt, wie Vision Videos für eine effektive Anforderungskommunikation eingesetzt werden können. Jedoch fokussieren diese Arbeiten nur die Nutzung von Vision Videos und vernachlässigen dabei die Details, wie ein gutes Vision Video zu produzieren ist, damit es für den jeweiligen Ansatz geeignet ist. Bisher gibt es nur wenige Forschungsarbeiten, die sich mit der Herausforderung befassen, Software-Fachleute mit den notwendigen Kenntnissen und Fähigkeiten auszustatten, um selber gute Vision Videos zu produzieren. Aktuell werden intensive Bemühungen unternommen, um Software-Fachleute bei der Produktion von Vision Videos anzuleiten und zu unterstützen. Das Ziel dieser Arbeiten ist es, die Tätigkeit der Produktion von Vision Videos besser in das Requirements Engineering zu integrieren, indem den beiden wesentlichen Hindernisgründen entgegengewirkt wird. Jedoch werden erst die kommenden Jahre zeigen, ob diese intensiven Bemühungen zielführend sind und Software-Fachleute die bereitgestellte Unterstützung annehmen, um selber Vision Videos als ein Mittel zur Etablierung einer geteilten Projektvision im Requirements Engineering zu produzieren und einzusetzen.

Diesen Beitrag hat Oliver Karras (oliver.karras@inf.uni-hannover.de) verfasst, der sich als stellvertretender Sprecher der Fachgruppe Requirements Engineering in der Gesellschaft für Informatik engagiert.