Digitalisierung als Hörerfahrung
Digitalisierung als Hörerfahrung. Von der Möglichkeit und Schwierigkeit des Podcastings zu abstrakten Digitalthemen.
Wissenschafts-Podcasts sind längst im Alltagsleben angekommen. Eine kaum zu bewältigende Flut an Hörstücken zu allen denkbaren gesellschaftspolitischenFragestellungen und wissenschaftlichen Themen steht auf den gängigen Streaming-Diensten, Plattformen und Social-Media-Kanälen zum Abruf bereit. Diese sind an interessierte Laien genauso adressiert wie an Fachpublikum. Die unterschiedlichen Formate changieren zwischen der Thematisierung komplexer und oft abstrakter Zusammenhänge und dem Versuch anschaulicher Darstellung und verständlicher Wissensvermittlung.
Auch Informatikthemen – Digitalisierung, digitale Neuerungen, digitale Transformation – finden sich in der Podcasting-Welt vielfach und werden aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlicher thematischer Schwerpunktsetzung behandelt: Raumdigital: Die Digitalisierung in der Raumentwicklung, Auftrag: Aufbruch: die Digitalisierung der Bildung, Datenschutz und Digitalisierung: Datenschutzfragen, Die Datenräumer: Datentransfer in Datenräumen. Die Beispiele sind freilich nur ein Bruchteil des zur Verfügung stehenden Angebots.
Diese Podcasts sind überwiegend als Gesprächsformate angelegt, in denen ein Host ein oder zwei fachkundige Gäste einlädt und mit ihnen diskutiert. Seltener gehen Podcasts einen anderen Weg und folgen dem Prinzip eines Features, wie man es aus dem Radio kennt. Features verbinden dokumentarische und reportagige Elemente und funktionieren gelegentlich wie ein kleines Hörspiel: Ein Sprecher oder eine Sprecherin führt durch die „gebauten Beiträge“ und verknüpft O-Töne aus Interviews mit weiteren Inhalten. Ein gutes Beispiel dafür ist der Podcast Exploring Digital Spheres.
Zwischen klassischem Dialog und explorativem Feature
Auch wir vom Zentrum für verantwortungsbewusste Digitalisierung (ZEVEDI) an der TU Darmstadt haben unterschiedliche Podcast-Formate produziert. Darunter der recht klassische Gesprächspodcast – das Digitalgespräch –, der seit Mitte 2021 die ganze Breite von Digitalthemen erkundet. Oder der eher explorative Podcast ShareCast, der featureartig das Thema Datenteilen beleuchtet. Vor diesem Hintergrund wollen wir einige Reflexionen über die Herausforderungen und Potenziale anstellen, die das Thema Digitalisierung im Audio-Format mit sich bringt.
Im Digitalgespräch liegt der Fokus auf dem „Entpacken“ komplexer Themen, die im Raster journalistischer Arbeit häufig unsichtbar bleiben. Die Episoden folgen einem wiederkehrenden Aufbau und beleuchten gemeinsam mit einem Gast in ungefähr 45 Minuten ein Digitalthema. Wie dieses Format die „tieferliegenden“ Dynamiken der digitalen Transformation einfängt, zeigt sich an unterschiedlichen Beispielen: Hochleistungsrechner und ihre technischen Grundlagen (Folge 23), oder die digitale Forensik (Folge 45), also die Spurenlese z.B. auf vermeintlich zerstörten Festplatten.
Im ShareCast war der Ausgangspunkt folgender: Datenkompetenz (Data Literacy) ist ein abstrakter Begriff, der im öffentlichen Diskurs oft von Warnungen oder diffusen Vorstellungen über den „Wert“ von Daten überlagert wird. Zwischen vollständiger Zurückhaltung und freimütiger Weitergabe scheint es kaum Alternativen zu geben. Was aber ist mit dem kontrollierten Teilen von Daten durch neue Intermediäre wie z.B. Datentreuhänder? Wir haben versucht, diese Thematik für eine breitere Öffentlichkeit anschaulich aufzubereiten.
Wir sind zunächst von der lebensweltlichen Konkretion des Themas ausgegangen: Alle teilen Daten, jeden Tag, ob über Messengerdienste, Social-Media-Kanäle, große Plattformanbieter oder unsere Smartwatch mit Fitness- und Gesundheitsfunktionen. Von dort haben wir weitergebohrt und versucht, die technologischen Voraussetzungen solcher Dienste aufzuschlüsseln. Jede Folge konzentriert sich auf einen Schlüsselbegriff, wie Vertrauen oder Politik, oder auf eine Datendomäne, wie Gesundheitsdaten und Daten in der Wissenschaft.In ungefähr 20-minütigen Episoden kommen Forscher:innen und Praktiker:innen mit ihren Positionen und Einsichten zu Wort. Stimmen von Bürger:innen, die wir in Straßeninterviews aufgenommen haben, ergänzen das Bild.
Die Suche nach dem „Sweet Spot“ der Wissensvermittlung
An beiden Formaten lässt sich exemplarisch zeigen, welche Herausforderungen das Podcasten zu abstrakten Fragen rund um die Digitalisierung birgt. Bei Gesprächsformaten gelingt der Transfer zwischen abstrakten Themen und lebensweltlicher Konkretheit dann besonders gut, wenn die Protagonist:innen die Komplexitätsebenen wechseln können. Sicher beeinflussen auch die Intensität der Gesprächssituation und die Länge einer Folge die Hörerfahrung. Beim Feature-Podcast gilt es hingegen eher, eine möglichst vielfältige und abwechslungsreiche Hörerfahrung zu bieten. Das heißt konkret: Wie lassen sich abstrakte Themen aus einer lebensweltlichen Perspektive betrachten? Wie gelingt es, längere Interviews in nur wenigen O-Tönen zu kondensieren? Lässt sich ein erzählerischer, vielleicht auch unerwarteter Bogen schlagen? Im ShareCast sind wir deshalb nah rangegangen, haben etwa relativ kleine datentreuhänderische Projekte pars pro toto ausgewählt und sind so z.B. bei einem Datentreuhänder in der Forstwirtschaft gelandet – einschließlich Motorsägenatmo. Denn ja: Auch im Wald fallen digitale Daten an!
Eine zentrale Erfahrung, die wir gemacht haben: Informatisches mag irgendwie fancy sein, aber eine inhaltlich tiefergehende Darstellung ist nicht einfach. Es geht eigentlich immer darum, den „Sweet Spot“ zwischen der Vermittlung abstrakten Wissens und einer anschaulichen, im Umfang verträglichen Darstellung zu finden, die vom Alltag der Hörer:innen anhebt. Denn eines ist klar: Ein Podcast soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern muss auch gut zu hören sein.
Die Autoren: Till Seidemann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der TU Darmstadt und dort in den beiden Projekten DaTNet und ShareCast tätig. Zudem arbeitet er als Professor für Soziale Arbeit an der Internationalen Hochschule Würzburg. Konstantin Schönfelder arbeitet als Wissenschaftsredakteur am Zentrum verantwortungsbewusste Digitalisierung (ZEVEDI), dort unter anderem auch für ShareCast. Außerdem arbeitet er als freier Journalist zu kulturellen und gesellschaftspolitischen Themen, vor allem für den Hörfunk.
Der Text erschien zuerst in unserem Newsletter GI-Radar. Alle Ausgaben gibt es hier zum Nachlesen. Sie haben auch einen Vorschlag für ein Thema? Wir freuen uns über Ihre Nachricht an redaktion@gi-radar.de.
