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Blogbeitrag

Digitale Soziale Innovationen für obdachlose Mitmenschen

Weltweit leben circa 1,6 Milliarden Menschen in inadäquaten Lebensräumen (un.org). Dabei kann Obdachlosigkeit mit Armut, gesundheitlichen Problemen, fehlender Sicherheit und Gewalt oder auch Nachteilen bezüglich Bildung und Beruf einhergehen (researchgate.net). Es erfordert langfristig den politischen Willen, allen Menschen das Recht auf Wohnen zu ermöglichen. Kurz- und mittelfristig können Digitale Soziale Innovationen genutzt werden, um obdachlosen Mitmenschen in akuten Situationen zu helfen (researchgate.net). Hierzu gibt es weltweit eine Vielzahl von Beispielen, die bereits im Einsatz sind.

Die Form der Hilfe kann digital sehr unterschiedlich ausfallen. Sie erstreckt sich über viele unterschiedliche Bereiche: Informationen, Spenden, Verbindung zu Hilfsorganisationen, Unterstützung bei physischer und psychischer Gesundheit oder zum (Wieder-)Aufbau von sozialen Kontakten (researchgate.net).

Apps und Webseiten ermöglichen es Menschen beispielsweise, sich über Hilfsangebote zu informieren. Die Ausgestaltung solcher Angebote kann sehr unterschiedlich ausfallen. Die australische App AskLizzy ermöglicht die Suche nach Hilfsangeboten, die z.B. einen Schlafplatz, Essen oder Kleidung zur Verfügung stellen, durch eine klare Wegführung durch die Web-Anwendung (eusset.eu). Mokli, eine in Berlin entwickelte Web-Anwendung, ermöglicht es Nutzenden hingegen, sich frei die Hilfsangebote anzusehen. Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile, jedoch eint sie ein Problem: Die Aktualität der Informationen. Dabei können Meta-Informationen, etwa, wann Daten zuletzt überprüft worden sind, helfen.

Es gibt auch Apps zum Spenden an Obdachlose. Samaritan ist eine Lösung aus Seattle. Damit können Obdachlose, z.B. über Token, Spenden sammeln. Dabei werden potenzielle Spendende mit der Samaritan-App auf die Möglichkeit, an eine Person zu spenden, hingewiesen, sobald sie nah genug an ihr vorbei gehen. Dazu wird das Profil der Person in der App angezeigt. Bei der App OpenStreetPay lässt sich über die Informationspreisgabe hingegen selbst entscheiden. Dabei ist es für die Obdachlosen möglich, sowohl Menschen um eine Spende zu bitten als auch über einen Solidartopf eine Spende zu beziehen. Diese App befindet sich jedoch noch in der Entwicklung.

Bei der Entwicklung von solchen Digitalen Sozialen Innovationen sollten jedoch auch die Schattenseiten der Innovationen untersucht und nach gemeinsamen Werten aller direkten und indirekten Stakeholder gesucht werden (researchgate.net; tandfonline.com hinter Paywall). Denn auch, wenn das Bestreben da ist, Menschen zu helfen, können solche Innovationen negative Effekte haben. Ein Beispiel, das wir während unserer Suche nach Digitalen Sozialen Innovationen fanden, untermauert die Bedeutung von Ethik und Moral bei der App-Entwicklung. Mit einer App sollten App-Nutzende Bilder (ohne das vorherige Einholen der Zustimmung) von obdachlosen Mitmenschen machen und mit Standortangabe und entsprechenden Hashtags versehen. Die Einträge konnten von allen Nutzenden eingesehen werden. Auch wenn der erste Gedanke war, dass Menschen, die Hilfe brauchen könnten, damit hätten unterstützt werden können, wurde ihre Privatsphäre verletzt – und genutzte Hashtags wie „AgressiveBegging“ oder „#Threat“ führten zu ihrer Entmenschlichung und Objektivierung (sqwabb.wordpress.com). Die App ist mittlerweile nicht mehr aktiv.

Der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus fasst in seinem Werk „Die Pest“ in wenigen Worten zusammen, was auch bei der Entwicklung von Digitalen Sozialen Innovationen gilt: „Das Böse in der Welt rührt fast immer von der Unwissenheit her, und der gute Wille kann so viel Schaden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist“. Sollten Sie als Leserinnen und Leser den Wunsch haben, ebenfalls Menschen mit Technologien zu helfen, so ist es ratsam zu fragen, ob die Person, die die Hilfe empfangen soll, diese denn auch möchte oder sich dadurch beispielsweise in ihrer Privatsphäre oder Sicherheit bedroht fühlt (lancs.ac.uk).

Dieser Überblick wurde von Larissa Gebken verfasst. Vielen Dank!