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Blogbeitrag

Digitale Souveränität in Zeiten einer Pandemie

Wie ein Brennglas verdeutlicht uns die Corona-Krise 2020 die Zukunfts-Herausforderung für unsere Wirtschaft: Für viele Betriebe entscheidet die digitale Souveränität ihrer Mitarbeiter*innen maßgeblich darüber, wie hoch Produktivitätsverluste ausfallen, ob das Unternehmen dem internationalen Wettbewerb standhalten kann und ob es die Krise überstehen wird.

Ohne Vorwarnung werden Deutschlands Unternehmen im März 2020 gezwungen, sich mit Fragen digitaler Arbeit auseinanderzusetzen. Um die Maßnahmen der Regierung gegen das Corona-Virus zu unterstützen und ihre Belegschaft zu schützen, ordnen zahlreiche Unternehmen kurzfristig die Einrichtung von Homeoffice-Arbeitsplätze an. Doch während die Kommunikation via E-Mail für viele mittlerweile zum normalen Büroalltag gehört, zeigt sich im permanenten Homeoffice schnell, dass wir den digitalen Kompetenzen bisher zu wenig Bedeutung beimessen.

Reibungsverluste im Homeoffice

So sind digitale Tools der Arbeitsorganisation und Zusammenarbeit wie Slack oder Trello für viele noch Fremdworte. Stattdessen werden tausende E-Mails mit angehängten Textdateien versendet – Effizienz sieht anders aus. Und es stellen sich Fragen: Wie lassen sich die Kundendaten datenschutzkonform an die Kollegin zu Hause übermitteln? Und lässt sich die nervig-repetitive Aufgabe nicht mit wenigen Handgriffen automatisieren? Die Sprachlosigkeit, die diese Fragen selbst in den Chefetagen noch häufig hervorruft, verdeutlicht uns: In Deutschland besteht noch immer ein enormer Mangel an IT-Kompetenzen.

Eine Frage der IT-Sicherheit

Dabei ist digitale Souveränität auch eine Frage der IT-Sicherheit. Wenn Unwissen über die (Un)-Sicherheit unverschlüsselter Mailkommunikation herrscht, wenn der Umgang mit einem Passwortmanager nicht geübt ist und Firmengeheimnisse durch Metadaten nach draußen gelangen, dann wird deutlich, dass selbst eine gute IT-Abteilung wenig gegen fehlende Digitalkompetenz in der Breite ausrichten kann. Ob Signal, PGP oder MD5 – Digitale Souveränität, verstanden als Fähigkeit zum selbst­bestimmten Handeln und Entscheiden im digitalen Raum, erlaubt uns, Sicherheits­probleme zu erkennen und die richtigen Werkzeuge auszuwählen. Ihr Mangel bedeutet hingegen ein permanentes Sicherheitsrisiko.

Digitale Souveränität ermöglicht Innovation

Doch es gibt Hoffnungsschimmer: Ebenfalls im Zuge der Corona-Krise veranstaltete die Bundesregierung den Online-Hackathon „Wir vs. Virus“. Ehrenamtliche Programmierer*innen, Hacker und Haecksen waren ein Wochenende lang aufgerufen, die gefährliche Pandemie mit den Mitteln der Informatik zu bekämpfen. Im Rahmen des Wettbewerbs entstanden beispielsweise Apps, die lokale Gewerbetreibende in der Krise unterstützen oder selbstgebaute Beatmungsmaschinen für den heimischen 3D-Druck. Insgesamt beteiligten sich unglaubliche 28.000 Freiwillige an der gesellschaftlichen Hau-Ruck-Aktion. Das enorme Innovationspotenzial, das hier deutlich wird, könnte sich auch in deutschen Firmen und Organisationen wiederfinden. Denn digitale Souveränität bedeutet auch die Kompetenz, digitale Werkzeuge und Software-Bausteine in neuer Art und Weise zusammenfügen zu können.

Unser Bildungssystem ist gefragt

Um digitale Souveränität zu erreichen, müssen wir den Informatik-Unterricht in der Schule stärken und außerschulische Informatik-Bildungsangebote ausbauen. Mit dem Projekt Turing-Bus haben GI und Open Knowledge Foundation hier in den letzten Jahren gezeigt, wie sich Informatik-Grundlagen und ein selbstbestimmt-kritischer Umgang mit IT mit Spaß und Engagement vermitteln lassen. Lassen Sie uns hier ansetzen, und digitale Souveränität in unserem Bildungssystem verankern.

Dieser Beitrag wurde von Christine Regitz und Anja Schaar-Goldapp verfasst und erschien im kürzlich veröffentlichten Arbeitspapier Schlüsselaspekte digitaler Souveränität. Christine Regitz ist Sprecherin des Wirtschaftsbeirats der GI und bei SAP weltweit verantwortlich für das Programm „Women in Tech“ sowie Mitglied des Aufsichtsrats. Anja Schaar-Goldapp ist stellvertretende Sprecherin des GI-Wirtschaftsbeirats und Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens Schaar-Goldapp Consulting GmbH.

Christine Regitz, Sprecherin des GI-Wirtschaftsbeirats
© Kathrin Richter, Trendsetter - GI e.V.
Anja Schaar-Goldapp, stv. Sprecherin des GI-Wirtschaftsbeirats
© Rita Loschitz - GI e. V.