Digitale Selbstbestimmung sichern: Eine Grand Challenge für die Informatik
Die digitale Gesellschaft fordert neue Antworten auf den Schutz von Selbstbestimmung und Privatheit. Die GI benennt das Thema als eine der Grand Challenges 2025 und betont die Verantwortung der Informatik für eine demokratische Technikgestaltung.
Im Fokus dieser Ausgabe steht die individuelle und kollektive Selbstbestimmung in der Digitalen Gesellschaft. Wesentlich geht es hier um das Spannungsfeld zwischen Chancen und Gefährdung von demokratischen Werten wie Selbstbestimmung und Privatheit in der Datenökonomie und die Verantwortung der Informatik. Vor diesem Hintergrund hat die Gesellschaft für Informatik e.V. das Thema auf Vorschlag des Wissenschaftlichen Zentrums für Informationstechnik-Gestaltung (ITeG) der Universität Kassel als eine der fünf Grand Challenges 2025 identifiziert, die die Forschung in der Informatik und in ihrem Umfeld maßgeblich prägen werden.
Die Verbreitung digitaler Technologien in nahezu allen Lebensbereichen führt zu einer zunehmenden Vielzahl an Daten. Diese Masse an Daten und deren systematische Verwertung bringt Vorteile und Potenziale mit sich. So ermöglichen sie die Individualisierung unterschiedlicher digitaler Prozesse in der Aus- und Weiterbildung, der Unterhaltung oder dienen als Basis für moderne KI-basierte Assistenzsysteme wie ChatGPT, die Menschen auf vielseitige Weise unterstützen können.
Die Kehrseite ist jedoch die Gefährdung von Privatheit und Selbstbestimmung. Dies ist etwa der Fall, wenn digitale Lösungen ohne Erlaubnis personenspezifische Profile erstellen, Nutzende mit Empfehlungen und Nudges in ihrem Verhalten beeinflussen oder ihr Handeln sogar einschränken. Individuen und Gesellschaft dürfen auch nicht von einzelnen Techniken und Anbietern so abhängig sein, dass sie erpressbar werden und nicht mehr selbstbestimmt ihre – an ihren Werten orientierte – Entwicklung bestimmen können.
Gerade durch die Verbreitung und Nutzung von KI reicht es heute nicht mehr, auf die Folgen technologischer Entwicklung für Mensch und Gesellschaft nur zu reagieren. Um selbstbestimmt entscheiden zu können, braucht es neben Alternativen zur Auswahl auch Kompetenz und Wissen über diese, sowie ein Umfeld und technische Infrastrukturen, die die Wahl praktisch ermöglichen.
Zukunftsgerichtete Technikentwicklung muss folglich die Selbstbestimmung der Nutzenden und der Demokratie bewahren, ihre kritische Kompetenz stärken und gleichzeitig datengetriebene Technologien nutzen. Dafür dürfen nicht nur partikulare, sondern müssen alle Facetten individueller und gesellschaftlicher Interessen berücksichtigt werden. Um Selbstbestimmung zu erhalten und zu stärken, braucht es einen Weg zwischen unkontrolliertem Datenkapitalismus und datengestützter Kontrolle der gesamten Gesellschaft.
Um die Chancen und Risiken für Selbstbestimmung in der digitalen Gesellschaft zu erkennen und praktikable Vorschläge für eine freiheits- und demokratiefördernde Technikentwicklung zu erarbeiten, ist noch mehr Forschung zur gesellschaftlich wünschenswerten Technikgestaltung notwendig. An solchen Forschungen arbeitet das ITeG seit 20 Jahren (weiterlesen).
Diesen Beitrag hat das Wissenschaftliche Zentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel beigesteuert. Vielen Dank.
Der Text erschien zuerst in unserem Newsletter GI-Radar. Alle Ausgaben gibt es hier zum Nachlesen.
