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Themenschwerpunkt

Digitale Bildungspolitik nach Corona - Was lernen wir aus der Krise?

Noch ist die Pandemie nicht vorbei. Wir wissen nicht, wie sich Bildungsarbeit in allen Institutionen entlang der Bildungsbiographie (von der KiTa bis zur Weiterbildung) letztlich in der Krise darstellt und wie lange diese Krise anhält. Zentral, weil besonders bedeutsam für Millionen von Schülern, Eltern, Lehrkräften, und komplex und digital-innovativ ist sicherlich die Bildungsinstitution Schule. Die folgenden Überlegungen sollen sich deshalb hierauf konzentrieren und hierzu die drei wichtigsten Herausforderungen, deren Relevanz und weiterführende Ideen aus meiner Sicht ansprechen.

These 1: Digitale Bildung erweitert Lernwelten!

Es gibt keine analoge und keine digitale Schule. Es gibt nur eine Lernen und Bildung fördernde, sozial gerechte und soziales Zusammenleben vermittelnde und zu Leistung motivierende Schule. Wenn sie modern und erfolgreich ist, nimmt sie die neuen Möglichkeiten des digitalen Lernens auf. Das Erlernen und Verstehen neuer digitaler Methoden in Theorie und Praxis muss Unterrichtsgegenstand von der Informatik und den daraus abgeleiteten Technologien wie von den Anwendungen und der Medienkunde her sein. Digitales Lernen ist Mittel des individuellen und selbst gestalteten Lernens und dient als Ergänzung und Vertiefung im Sinne von erweiterten Lernwelten. Das digitale Lernen bietet gleichzeitig große Chancen als Lernmethode zur Beschulung in besonderen Lagen (Schulschließungen bei Pandemien, Katastrophen; Unterstützung bei Krankheiten; Beschulung in Insellagen etc.).

Das klassische gewachsene Leitbild von Schule hat sich in der Corona-Krise bestätigt. Im Bedürfnis der Kinder und Jugendlichen nach direktem sozialem Zusammensein und Gemeinschaft in der Schule und dem Wert der Gruppe. In der Bedeutung der unmittelbaren Begegnung von Pädagogen und Kindern bzw. Jugendlichen und dem beiderseitigen Bedürfnis nach einem pädagogischen Bezug (Hermann Nohl). In der Qualität von Schule als einem besonderen Lernort. Dies alles kann ein System von digitalisierter Internet-Schule nicht ersetzen. In der Corona-Krise hat sich gleichwohl der Bedarf an regelhafter Integration von Digitalisierung in das System Schule gezeigt. Es ist eine Innovation mit vielen Chancen. Wir müssen die Diskussion um die Scheinalternativen analog vs. digital deshalb entkrampfen und die Lernwelten adäquat zusammenführen.

These 2: Die Blitzdigitalisierung aus der Not heraus hat die fehlende Chancengleichheit im deutschen Schulsystem erneut manifestiert!

Die Digitalisierung aus der Pandemie-Not heraus hat sehr deutlich gemacht, an was wir uns schon so sehr gewöhnt haben, dass es uns fast als trivial erscheint. Es gibt nicht nur keine kleinen Lernvoraussetzungen in den Elternhäusern, sondern diese Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich und in einer viel zu großen Zahl der Elternhäuser von den materiellen, den räumlichen, den sozialen und den Bildungsvoraussetzungen her nicht förderlich, und zwar für das analoge wie das digitale Lernen. Die öffentliche Hand hat hier die Verpflichtung, nicht nur die Schulen selbst mit einer zukunftsfähigen digitalen Infrastruktur in jeder Hinsicht auszustatten, sondern auch die entsprechenden Lernmöglichkeiten für den häuslichen Bereich mit sicherzustellen. Das Prinzip der Lernmittelfreiheit muss die digitale Lernmittelfreiheit mit einschließen. Hier gibt es gravierende Defizite. Zugleich hat sich gezeigt, welche Bedeutung der Aufbau qualitativ guter Ganztagsschule hat, auch um die angemessene Lernräumlichkeiten, Möglichkeiten zum ruhigen Nacharbeiten, gemeinsamen Lernen in der Kleingruppe und zur Entspannung und Freizeitgestaltung für die Schülerinnen und Schüler zu schaffen.

Statt rückwärts gerichteter Kritik, weshalb es nicht früher zu Verfassungsänderungen, Unterstützungsprogrammen des Bundes etc. gekommen ist, müssen die Erkenntnisse über die gravierenden Defizite jetzt nach vorne gewendet werden. Die Schulen, die Kommunen und die Länder müssen die 5 Mrd. Euro Bundesmittel Mittel aus dem Digitalpakt I deutlich schneller als bisher in die Umsetzung bringen. Die Sperre von 20 % insgesamt bzw. 25 000 Euro Maximal-Betrag pro Schule für Endgeräte etc. sollte aufgehoben werden, wenn ein Schule-Schüler-Gesamtkonzept vorgelegt werden kann. Jedes Kind und jeder Jugendliche muss mit einem eigenen Gerät lernen können. Das kürzlich vom Bund finanzierte 500 Millionen-Zusatzprogramm ist kein Programm von 150 Euro pro Kind Zuschuss nach Bedürftigkeit, sondern nach Bedarf. Es muss sich an diesen Stellen von den Vorgaben des Koalitionsausschusses lösen. Seine Verteilung auf die Schulen muss sozialen Kriterien folgen. Niemand darf ausgeschlossen, zurück gelassen oder diskriminiert werden. Deshalb Klassensätze, Leihgeräte, Leasing-Modelle, Übernahme von Service-Kosten, schnelle Mindestausstattung für jede Schule.

Der Digitalpakt I muss schließlich finanziell verstetigt werden in einem Digitalpakt II etc. als einer gemeinsamen Aktion von Bund, Ländern und Kommunen. Das Ziel sollte eine echte  Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe sein. Die Einrichtung einer Zentralstelle für digitale Bildung ist zwischen dem Bund und den Ländern zu verhandeln. Datenschutzfragen, Cloud-Entwicklungen, Lernsoftware etc. sind länderübergreifend zu entwickeln und in einer Kombination von Angeboten auf verschiedenen Ebenen der Gesamtstruktur anzubieten. Und ganz wichtig: Mit dem Ausbau der Schulmodernisierung und der Schuldigitalisierung muss der Ausbau der Ganztagsschule synchron geben.

These 3: Auf die Lehrkräfte kommt es an!

Das Bild von Einsatz, Kompetenz, Arbeitsmöglichkeiten der Lehrkräfte in der Notlage der Schulen stellt sich sehr unterschiedlich und vielschichtig dar. „Engagiert, aber konzeptlos“ schreiben manche Beobachter hierzu. Zugegeben: Es ist das Bild aus der Entfernung und aus zweiter Hand von Berichten und ersten systematischen Analysen. Danach gibt es sehr viele sehr gute Beispiele, wie Lehrkräfte eine schülergerechte Verbindung in das heimische Lernoffice der Kinder und Jugendlichen aufbauen und halten konnten. Das gilt aber längst nicht für alle Lehrkräfte, weil offensichtlich die sächliche Ausstattung in den Schulen, bei den Lehrkräften im Homeoffice und auch bei den Schülern hierfür nicht ausreichte, die Vertrautheit und Kompetenz im Umgang mit den digitalen Technologien und Inhalten fehlte und einfach die zeitlichen Kapazitäten und Kräfte nicht da waren. Schließlich sind ja auch nicht alle Generationen von Lehrkräften mit den gleichen Lehrmöglichkeiten in der Ausbildung groß geworden und haben entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten nutzen können. Frei nach Hattie, dem Verfasser der großen Schulstudie, sind die Lehrkräfte aber in vieler Hinsicht entscheidend für die Förderung der Lernmotivation und Lernhaltung, die Lernerfolge und die Lernfreude der Kinder und Jugendlichen. Die Lehrkräfte bekommen auch eine besondere Bedeutung für die praktische Implementation neuer digitaler Konzepte in der Hardware und der Software, konzeptionell, praktisch, in der Vorbildfunktion für andere Lehrkräfte und für die Verbindung zu den Elternhäusern.

Eine Langfristperspektive liegt in der obligatorischen Lehrerausbildung in Theorie und Praxis und einer entsprechenden Ausstattung der Universitäten, Lehrerseminare und Weiterbildungseinrichtungen für die Lehrkräfte. Das muss auch bei den Bundes- und Landesprogrammen zur Qualitätsverbesserung der Lehrerbildung Priorität haben. Auch schulische Fortbildungen sind zu fördern. Kurzfristig sind alle Formen von Schnell-Kursen für alle Lehrkräfte zu unterstützen, die für sich einen Bedarf sehen: durch Kooperation mit Volkshochschulen und Computerclubs, durch Partnerschaftsprojekte 1 zu 1 mit digital kompetenten Lehramts-Studenten oder Schulkollegen, durch entsprechende digitale Lernprogramme. Für die Studierenden oder auch Fachkräfte aus anderen Berufen bis hin Freelancern im digitalen Bereich sollten solche Beratungs-, Einweisungs- und Begleitungsarbeiten finanzielle Vorteile bei den laufenden Unterstützungsprogrammen in  der Corona-Krise mit sich bringen. Die Schulen müssen ein Verstärkungsbudget für Honorarverträge mit geeignetem Fachpersonal bekommen. Parallel dazu muss über die Schulträger eine Infrastruktur an Service-Personal aufgebaut werden, um die Lehrkräfte im technischen Betrieb und in der Pflege der Technik zu entlasten. Hierzu sind die Bestimmungen aus dem Digitalpakt I notfalls zu flexibilisieren. Die Begleitforschung zur aktuellen Corona-Krise und zur Umsetzung des Digitalpakts I und die Bildungsforschung insgesamt sind zeitnah zu verstärken.

Dieser Beitrag wurde von Dr. Ernst Dieter Rossmann verfasst und erschien im kürzlich veröffentlichten Arbeitspapier Digitale Bildung nach Corona. Dr. Ernst Dieter Rossmann ist seit 1998 Mitglied des deutschen Bundestags und seit 2017 Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Darüber hinaus ist er Ehrenvorsitzender des Deutschen Volkshochschulverbandes sowie als Vorsitzender des Landesverbandes der Volkshochschulen Schleswig-Holstein. Zuvor arbeitete der Diplom Psychologe und promovierte Sportwissenschaftler unter anderem als Berufsschullehrer und Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg.