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Blogbeitrag

Die Wirtschaftlichkeit individueller digitaler Souveränität – Interview mit Dr. Marija Radić

Das Interview erschien erstmals im November 2021 in der Studie des Digital Autonomy Hubs „Mensch und Technik in Interaktion. Wie gelingt individuelle digitale Souveränität?“. Die vollständige Publikation ist hier abrufbar.


Laut unserer Umfrage haben nur 42 % der Befragten den Eindruck, dass es ausreichend datenschutzfreundliche Alternativen bei Anwendungen und Geräten gibt. Deckt sich das mit Ihrer Einschätzung oder sind uns die Alternativen einfach nicht präsent?

Dr. Marija Radić: Unsere bisherigen Forschungserkenntnisse zeigen, dass Bürger·innen sehr unterschiedliche Bedürfnisse im Hinblick auf den Schutz ihrer Daten haben. Es hat sich auch gezeigt, dass die Bedeutung und der Umgang mit dem Thema Datenschutz sich je nach Markt unterscheiden. Dennoch deckt sich die Statistik auch mit unserer Forschung: Aktuell ist Datenschutz nur für wenige Unternehmen ein Thema, das über die Einhaltung gesetzlicher Regularien hinausgeht. Wir bevorzugen daher den Begriff der Datensouveränität. Er markiert, dass es um mehr geht – nämlich darum, Anwender·innen darin zu befähigen, autonom Entscheidungen zum Umgang mit ihren Daten zu treffen. Dass die befragten Nutzer·innen keine datenschutzfreundlichen Alternativen wahrnehmen, liegt nicht zuletzt daran, dass Unternehmen Datensouveränität noch nicht als strategisches Thema erkannt haben.

Was bewegt Menschen dazu, datenschutzunfreundliche Geräte oder Anwendungen zu verwenden? Wo sehen Sie die größten Hürden für Selbstdatenschutz bei der Kauf- bzw. Installationsentscheidung?

Die Gründe hierfür sind vielfältig. So ist zum Beispiel auf Ebene der Nutzer·innen festzustellen, dass unzureichender Datenschutz in der Regel kein K.O.-Argument bei der Anbieterwahl ist – insbesondere dann nicht, wenn die angebotene Dienstleistung sehr gut oder mit niedrigen Kosten verbunden ist. Zudem zeigt sich, dass geltende Datenschutzbestimmungen nicht immer umfassend und transparent kommuniziert werden, es den Nutzer·innen aber auch häufig an Datenkompetenz fehlt, was die Auswahl datenschutzfreundlicher Angebote erschwert. Die Probleme liegen aber auch marktseitig. Denn häufig gibt es schlichtweg keinen alternativen Anbieter, der sowohl einen besseren Datenschutz als auch eine mindestens gleichwertige Leistung bietet. Unsere aktuellen Forschungen zeigen, dass das Spannungsfeld zwischen Datenökonomie und -souveränität sehr komplex ist, weil sowohl Marktwirtschaft als auch Regulatorik eine Rolle spielen. Im Positionspapier „Data Sovereignty and Data Economy — Two Repulsive Forces?“ haben wir mögliche Lösungsansätze dazu aufgezeigt.

Wie sieht das auf der Seite der Technologieanbieter aus? Welche Anreize haben Unternehmen, auf Datenschutz zu setzen? Lässt sich ein positiver Effekt feststellen, wenn sie es tun? Oder sind datenbasierte Geschäftsmodelle gar unvereinbar mit digitaler Souveränität?

Datenbasierte Geschäftsmodelle, die die digitale Souveränität der Anwender·innen berücksichtigen, eröffnen völlig neue Erlösquellen. Wenn Nutzer·innen sich autonom dafür entscheiden, Daten unter den von ihnen gesetzten Bedingungen zu teilen, dann haben Unternehmen infolgedessen auch die Befugnis, diese Daten in gegenseitigem Einvernehmen zu verwerten. Hier bietet sich also für Unternehmen das Potenzial, sich neue datenbasierte Wertschöpfungsketten mit Alleinstellungsmerkmal zu erschließen, ohne dafür Schlupflöcher suchen zu müssen. Aus unserer Sicht sind datenbasierte Geschäftsmodelle sehr gut mit digitaler Souveränität vereinbar, auch wenn es bei den Anbieter·innen ein Umdenken erfordert.

Im Zuge unserer Nutzerstudie haben wir auch die Bereitschaft abgefragt, Geld zu zahlen, um bei einer für wichtig gehaltenen oder oft genutzten Anwendung die volle Kontrolle über die eigenen Daten zu haben. Fast 60 % würden dafür Geld in die Hand nehmen, bei den 18- bis 30-Jährigen ist der Wert mit über 9 € durchschnittlich am höchsten. Wie würden Sie dieses Ergebnis einschätzen? Liegt darin Potenzial für den breiteren Einsatz solcher Zahlmodelle?

Verschiedene Studien zeigen, dass sich die Nutzer·innen digitaler Plattformen grundsätzlich in unterschiedliche Gruppen hinsichtlich ihrer Präferenzen zum Thema Privatheit einteilen lassen: von unbekümmerten über kontrollbewusste bis hin zu stark privatheitsorientierten Nutzer·innen. Legten Nutzer·innen von sozialen Netzwerken in der Vergangenheit noch verstärkt Wert auf die Popularität und die Abwesenheit von Beitritts- und Mitgliedsgebühren digitaler Plattformen, so zeigt sich, dass aufgrund aktueller Entwicklungen und der sich häufenden Berichterstattung über Datenlecks zunehmend Zahlungsbereitschaften für Privatheit entstehen. Für Betreiber·innen digitaler Plattformen eröffnen sich dadurch Chancen für Wettbewerbsvorteile durch ein „faires und transparentes Management von Privatheit“ in ihren jeweiligen Märkten.

Ihre Ergebnisse stimmen uns mit Blick auf die Zukunft sehr hoffnungsvoll, weil sie sehr eindrücklich zeigen, dass Datensouveränität für Bürger·innen einen Wert hat – und zwar insbesondere bei den Jüngeren. In Märkten, in denen viele vergleichbare Leistungen angeboten werden, kann Datensouveränität das entscheidende Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb sein und Zahlungsbereitschaft bei potenziellen Kund·innen generieren.

Im Projekt ViCon erforschen Sie Mensch-Technik-Dialoge für informierte Einwilligung in die Verarbeitung patientenbezogener Daten. Können Sie einen kurzen Einblick in das Projekt geben und auf die Frage eingehen, inwiefern Vertrauen bei der Datenweitergabe im Gesundheitsbereich eine Rolle spielt?

Daten spielen eine immer größer werdende Rolle für die Erbringung gesundheitsbezogener Dienstleistungen. Ihre Verarbeitung erfordert jedoch die Einwilligung der Patient·innen. Schon jetzt leisten diese z. B. bei einer stationären Aufnahme durchschnittlich zwischen acht und zehn Unterschriften ab. Offen ist, inwiefern Informiertheit und damit Souveränität bei den Patient·innen in Bezug auf Einwilligungen zur Verarbeitung patientenbezogener Daten nicht nur angenommen werden kann, sondern auch erzielt wird.

Im Projekt ViCon soll ein virtueller Consent-Assistent entwickelt werden, der Bürger·innen dabei unterstützt, informierte Einwilligungen in die Verarbeitung ihrer patientenbezogenen Daten zu geben. Vertrauen spielt dabei eine sehr wichtige Rolle, insbesondere wenn die Entscheidung sich in den virtuellen Raum ohne das Beisein des Gesundheitspersonals verlagert.  Ein Teilziel des Projekts ist es daher, Vertrauen im Kontext von eHealth zu messen und bei der Entwicklung des ViCon-Assistenten zu berücksichtigen. Dabei spielen Faktoren wie der Informationsgehalt, Merkmale der Organisation, gesellschaftlicher Einfluss, technologiebezogene Features sowie die Nutzerkontrolle eine sehr wichtige Rolle.


Dr. Marija Radić leitet die Abteilung „Unternehmensentwicklung im internationalen Wettbewerb“ und die Gruppe „Preis- und Dienstleistungsmanagement“ am Fraunhofer IMW. Im Rahmen dieser Tätigkeit forscht sie im Bereich der digitalen Dienstleistungs- und Geschäftsmodellentwicklung, der digitalen Gesundheitsversorgung und zur Nutzerakzeptanz beim Einsatz von Technik und datengetriebener Wertschöpfung.

Das Digital Autonomy Hub wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Forschungsprogramms „Miteinander durch Innovation“ gefördert und von Gesellschaft für Informatik e.V. und AlgorithmWatch umgesetzt. Mehr Informationen zum Hub finden Sie hier.

Dr. Marija Radić, Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie IMW © Fraunhofer IMW