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Blogbeitrag

Die Digitalisierung hat viele Zentren

Häufig liegen die Digitalisierungsstrategien anderer Länder außerhalb der Berichterstattung deutschsprachiger Medien. Umso interessanter ist es zu schauen, wie es um die Digitalisierung im asiatischen, oder afrikanischen Raum bestellt ist. Außerdem reflektiert Otto Petrovic in diesem Beitrag, wie Europa im Gegensatz dazu aufgestellt ist.

Die globale Digitalisierung hat viele Zentren. Oftmals staunen wir noch immer, wenn der Stanford-AI-Index zeigt, dass China und die USA mittlerweile gleichauf sind, wobei China sich deutlich dynamischer entwickelt. Oder dass Indien längst nicht mehr nur Offshore-Partner ist, sondern bei Zukunftstechnologien zur Weltspitze gehört – und jährlich 2,5 Millionen junge Menschen in MINT-Fächern ausbildet. All diese Fakten sind in den Jahresberichten der ITU, Weltbank und OECD nachzulesen. Aber welche Eindrücke gewinnt man, wenn man wie der Autor mit dem Rennrad 43 Länder mit 36 Landessprachen bereist, um ganz nahe bei der Bevölkerung die Veränderungen durch Digitalisierung zu verstehen?  

Alles ist anders, wenn man wirklich dort ist. Am Harbin Institute of Technology, einer der führenden technischen Universitäten der Welt, bringt ein humanoider Roboter das Frühstück. Wenige Kilometer davon entfernt stehen Bäuerinnen und Bauern mit ihren Gummistiefeln tief gebückt im Reisfeld und zupfen zehn Stunden am Tag an den Pflanzen. Gleich daneben rasen Züge mit 400 km/h durch die Landschaft. Das chinesische Hochgeschwindigkeitsnetz umfasste zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele im Jahr 2008 noch 672 Kilometer, heute erstreckt es sich über mehr als 50.000 Kilometer und wird voll digital gesteuert. Am heimischen Schreibtisch kämpft man hingegen in den statistischen Handbüchern mit den Tücken der aggregierten Größen.  

Beachten des soziokulturellen Kontexts ermöglicht ein Verstehen. An der Nordspitze Südkoreas, nahe der demilitarisierten Zone zu Nordkorea, liegt in Paju die „Display City“ von LG. Das Unternehmen besitzt bei großformatigen OLED-Bildschirmen einen Weltmarktanteil von 75 %. In einem vom Fortschritt weitgehend unberührten Dorf an der Südspitze des Landes lacht eine Einheimische bei der Frage, ob es sicher sei, das Quartier vor Sonnenaufgang zu verlassen. Sie zeigt die Unmengen an Überwachungskameras und meint, Südkorea sei ein sicheres Land. 

Seit seinem Launch im Jänner 2025 sorgt das chinesische LLM „DeepSeek“ für Verstörung. Es wurde fast ausschließlich von seinem privaten Eigentümer Liang Wenfeng und dessen Hedgefonds finanziert, was einen forschungsorientierten Ansatz ohne Druck externer Investoren ermöglichte. Durch die konsequent auf Effizienz ausgelegten technologischen Innovationen konnte es innerhalb von zwei Jahren mit einem Bruchteil der Kosten, die US-amerikanische LLMs verursachten, entwickelt und trainiert werden. Es ist zum Teil Open Source und verfolgt eine Open-Weight-Policy. Dadurch ist es wesentlich transparenter und offener als US-Systeme und ermöglicht das lokale Hosting. Im Mai 2026 wurde bekannt, dass V4 ausschließlich mit Huawei-Chips trainiert wurde und keine Abhängigkeit mehr von Nvidia-Hardware besteht. 

Das scheinbar Widersprüchliche rund um DeepSeek kann man viel besser verstehen, wenn man Chinas sozioökonomischen Kontext beachtet. Er ist von drei Faktoren geprägt, die oft unvereinbar scheinen: Zunächst vom autochthonen Konfuzianismus, der das Wohl der Gemeinschaft über die Interessen des Einzelnen stellt. Hierzu kommen zwei aus Europa importierte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen. Der Kommunismus spiegelt sich in der autoritären Einparteienregierung wider und der Kapitalismus darin, dass die Staatsquote, der Anteil des Staates am Bruttoinlandsprodukt, und die Steuer- und Abgabenquote deutlich geringer sind als in Europa. Auch zu berücksichtigen ist, dass sich in den letzten vierzig Jahren das Realeinkommen pro Kopf alle zehn Jahre verdoppelte.

Entwicklungspfade verlaufen sehr unterschiedlich. Die junge Generation im Himalaja-Königreich Bhutan ist die erste, die mehrheitlich eine Schulbildung genießt. Viele der Eltern arbeiten noch immer den ganzen Tag auf dem Feld. Bis zum Jahr 1999 waren das Fernsehen und die Mobilkommunikation im ganzen Land verboten. Heute begegnet man kaum in einem anderen Land so vielen Menschen, die ununterbrochen auf ihr Mobiltelefon schauen. TV-Geräte sieht man hier und da noch, allerdings fast immer abgeschaltet. Diese Technologie wurde im Sinne des Leapfrogging einfach übersprungen. Vor drei Jahren wurde die Bhutan National Digital Identity vorgestellt. Das weltweit erste, flächendeckende nationale Identitätssystem, das vollständig auf einer Self-Sovereign Identity (SSI) basiert. Persönliche Informationen werden nicht in einer zentralen Datenbank gespeichert, sondern auf Basis der Ethereum-Blockchain am eigenen Smartphone. Das Projekt wird von der königlichen Familie im Rahmen von „Digital Drukyul“ (Digitales Bhutan) vorangetrieben. Der erst achtjährige Kronprinz Jigme Namgyel Wangchuck wurde symbolisch als erster Bürger registriert, um das Vertrauen in die neue Technologie zu stärken. 

Besonders ausgeprägt ist Leapfrogging in afrikanischen Ländern. Kenia ist mit M-Pesa führend im Bereich des Mobile Payments, das klassische Finanzdienstleister überspringt. Eine starke Startup-Szene ist in Nigeria anzutreffen. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei 18 Jahren, während es in Europa mittlerweile über 40 Jahre beträgt. Ein Zusammenhang mit der Innovationsbereitschaft ist unübersehbar. In Ruanda wirkte die ausführliche Erklärung der Toilettenspülung im Zimmer zunächst ungewöhnlich. Noch bemerkenswerter war jedoch, dass der Gastgeber dabei zwei Smartphones mit Solarkollektoren bei sich hatte. Das Mobilfunknetz sei viel zuverlässiger als die lokale Stromversorgung. Es ist wohl gut, dass die Entwicklungen auch in der Digitalisierung sehr unterschiedlich verlaufen und keinesfalls als linearer Entwicklungspfad gesehen werden sollten. Würde Afrika so leben wie Europa, müsste Europa so leben wie Afrika. Mehr geben die Ressourcen des Raumschiffs Erde nicht her.

Abbau von Stereotypen ermöglicht Zusammenarbeit und Erfolg im Wettbewerb. Medienwissenschaftliche Analysen kommen zum Ergebnis, dass die Auslandsberichterstattung europäischer Medien, vor allem über China, häufig stereotypisch verzerrt und einseitig ist. Oft scheinen Aussagen noch vom simplen Blockdenken und dem Kampf der Systeme aus der Zeit des Kalten Krieges geprägt zu sein. Mittlerweile ändert sich das jedoch. Das Handelsblatt rief unlängst dazu auf, dass die deutsche Automobilindustrie aufhören müsse, die chinesische schlechtzureden, und stattdessen von ihr lernen solle. Und die Süddeutsche Zeitung meint in einem großen Beitrag zur China-Kompetenz, dass Deutschland sich stärker darum bemühen müsse, das Land besser zu verstehen. Hier sei auf die Tücken des Wortes „verstehen“ in der deutschen Sprache hingewiesen. Einmal meint es die eigene Fähigkeit, die Beweggründe von jemand anderem oder die Funktionsweise eines Systems nachvollziehen zu können. Dann aber wieder das Gutheißen vor dem eigenen soziokulturellen Hintergrund.

Betrachtet man die Schnittmenge aus den Entwicklungen der Wirtschaftsleistung pro Kopf, dem ICT-Development-Index der ITU und der Position im Demokratie-Index des britischen Economist, erkennt man bald, dass ein stereotypisches Denken in Blöcken besser der Vergangenheit angehören sollte. Erst recht zu dieser Einsicht kommt man als aufmerksamer Beobachter der aktuellen disruptiven geopolitischen Veränderungen. Hier scheint jedenfalls die Wirtschaft wesentlich mehr im Sinne der zielgerichteten Kooperationen bei gleichzeitigem Wettbewerb, der Coopetition, zu handeln, als es die mediale und politische Darstellung vermuten lässt. Apple bezieht 85 % seiner Bildschirme vom größten Mitbewerber Samsung. Das Handelsblatt berichtete unlängst, dass VW, Mercedes und BMW versuchen, ihren Abwärtstrend zu stoppen, indem sie in China, für China und mit China Autos bauen. Auch weil dies seitens des Landes aufgrund von Sicherheitsüberlegungen für den größten Automarkt der Welt gefordert wird. Als Kooperationspartner bleibt Europa vor allem dann interessant, wenn es starke Kernkompetenzen aufweist. Diese Coopetition stellt eine Alternative zu nationalem Isolationismus, gepaart mit Schlechtreden des anderen, dar. Er würde aus ökonomischer Sicht unweigerlich zu einem massiven Wohlstandsverlust führen.

Beides scheint notwendig: Erfolg im Wettbewerb und gezielte Zusammenarbeit, damit Europa in der Lage ist, seine demokratische Verfassung und seinen materiellen Wohlstand zu erhalten und vielleicht sogar auszubauen. Die Informatik kann hierbei einen wesentlichen Beitrag leisten.

Vielen Dank für diesen Beitrag an Otto Petrovic. Er ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Karl-Franzens-Universität Graz und arbeitet an internationalen Fragen der Digitalisierung. Er hatte Gastprofessuren u. a. in Harbin (China), Tokio (Japan), Seoul (Südkorea) und Tucson (USA) inne, leitete zehn große Forschungsprojekte der Europäischen Union, wurde von der Österreichischen Bundesregierung zum Mitglied der Telekom-Control-Kommission ernannt und arbeitete in Beiräten des Deutschen Ministeriums für Wirtschaft und Technologie. Im Jahr 2024 erhielt er den Ars-Docendi-Preis der Republik Österreich für exzellente Lehre.

Der Text erschien zuerst in unserem Newsletter GI-Radar. Alle Ausgaben gibt es hier zum Nachlesen. Sie haben auch einen Vorschlag für ein Thema? Wir freuen uns über Ihre Nachricht an redaktion@gi-radar.de.

Zwei chinesische Hochgeschwindigkeitszüge fahren der Kamera entgegen. Im Hintergrund sind Hochhäuser zu sehen.
Mit einem Schnellfahrstreckennetz von 50.000 Kilometern verbindet China seine Millionenstädte und das Inland miteinander. Die Schnellzüge der Hexi-Serie, die auf diesen Strecken fahren, werden als Harmonie-Serie übersetzt, da sie mit ausländischem Know How in China gebaut wurden. (©Su Zhenyuan 苏振源 | flickr)