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BlogbeitragPublikation

Der Marathon auf dem Drahtseil: Kompetenzen für eine digitale Souveränität

Um digitale Souveränität einschätzen und gestalten zu können, benötigen wir wissenschaftliche Methoden – nur wenn wir uns einig sind, worüber wir genau sprechen, können wir Maßnahmen entwickeln und deren Umsetzung sinnvoll evaluieren. 

In der anwendungsnahen Informatikforschung und beim Technologietransfer stellen sich hier verschiedene Fragen:

Wie kann ich mithilfe digitaler Technologien meine Prozesse effizient automatisieren ohne die Kontrolle über die einzelnen Abläufe zu verlieren?

Welche der hierfür nötigen Tools erstelle ich selbst und was lagere ich an Fachleute aus? Wie kann ich die nötige Nachvollziehbarkeit gewährleisten?

Wenn ich IT-Produkte von Drittanbietern einsetze, wie tief muss das Verständnis meiner eigenen Beschäftigten für deren Wirkweise noch sein? 

Für alle Institutionen in Deutschland und Europa stellt sich digitale Souveränität als Gratwanderung zwischen Fremdbestimmung und Abschottung dar: Wie kann ich mir Fortschritte Dritter zunutze machen, ohne davon zu abhängig zu werden? Welche konkreten Entwicklungs- und Herstellungskompetenzen benötigen wir, um in relevanten Technologiefeldern Vorreiter zu sein? Welche konkreten Prüf- und Veredelungskompetenzen benötigen wir, um Technologien Dritter selbstbestimmt einsetzen zu können?

Diese Fragen hat das FZI gemeinsam mit Accenture und Bitkom Research im Rahmen der durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie beauftragten und im Jahr 2017 veröffentlichten Studie „Kompetenzen für eine digitale Souveränität" adressiert (bmwi.de). Viele der Erkenntnisse sind auch heute noch aktuell. Der Themenkomplex „digitale Souveränität“ erlebt nun – drei Jahre später – eine Renaissance. Steigende Abhängigkeiten von IT-Lösungen führen dazu, dass der Ruf nach digitaler Souveränität lauter wird. Das nährt einerseits die Debatte, führt aber auch dazu, dass der Begriff droht, zum leeren Buzzword zu werden. Dies erschwert und verlangsamt den Diskurs wiederum.

Wissenschaft definiert und modelliert gern, und so ist es naheliegend, den abstrakten Begriff zunächst in verarbeitbare Module zu zerlegen. In den Karlsruher Thesen zur Digitalen Souveränität Europas (link.springer.com) wird ein erster Definitionsversuch unternommen: 

Infrastruktursouveränität: Technische Infrastrukturen können vertrauenswürdig herzgestellt oder ihre Vertrauenswürdigkeit geprüft und sie so betrieben werden, dass darauf angebotene Dienste vertrauenswürdig sein können.

Datensouveränität: Personen und Institutionen verfügen über die Fähigkeit, informiert und selbstbestimmt zu entscheiden, wie und von wem Informationen erhoben, verarbeitet und weitergegeben werden.

Entscheidungssouveränität: Ursprünge und Begründungen für Entscheidungen und Handlungsempfehlungen autonomer Systeme und Assistenten können nachvollzogen und diese ggf. durch menschliches Eingreifen beeinflusst werden.

Plattformsouveränität: Auch die Marktmacht großer Akteure wird in einer Plattformökonomie durch Regulierung und bewusste Kundenentscheidungen auf ein Maß beschränkt, in dem ein fairer Wettbewerb möglich bleibt.

Infrastruktursouveränität wird besonders im Kontext des Ausbaus der 5G-Mobilfunknetze diskutiert. Zur Steigerung der Datensouveränität soll das Projekt GAIA-X einen essenziellen Beitrag leisten (bmwi.de). Plattformsouveränität ist Gegenstand der inzwischen etwas in die Jahre gekommenen (aber dennoch hochrelevanten) Debatte zur Macht sozialer Netzwerke und anderer mächtiger IT-Konzerne, die aufgrund ihres globalen Aktionsraums und ihrer Marktmacht schwer zu regulieren sind. 

Nun stellt sich also die Frage, wie Entscheidungssouveränität hergestellt werden kann. Und wieder hilft Strukturierung bei der Suche nach einer Antwort: (1) Worüber entscheiden wir? Was sind eigentlich die relevantesten Technologiefelder für digitale Souveränität? (2) Wie entscheiden wir? Welche gesellschaftlichen, technischen, ökonomischen, und politischen Zielvorgaben und Rahmenbedingungen gilt es zu beachten?

In der Studie „Kompetenzen für eine digitale Souveränität“ wurde also zunächst ein Kriterienkatalog erarbeitet, mit dem die Relevanz einzelner Technologien für eine digitale Souveränität bewertet werden kann. Die auf dieser Basis als entscheidend identifizierten Einzeltechnologien wurden dann zu sieben Technologiefeldern zusammengefasst. Jedes dieser Technologiefelder wurde hinsichtlich der oben gennannten und weiterer Dimensionen beleuchtet und entsprechende Handlungsempfehlungen abgeleitet.

Drei Jahre nach Veröffentlichung der Studie werden einige in der Studie angesprochenen Aktionsfelder bereits mit Hochdruck bearbeitet und die wichtige Zielsetzung der digitalen Souveränität wird von verschiedensten Akteuren intensiv beleuchtet. Nichtsdestotrotz gibt es neben dem oben geäußerten Wunsch nach Versachlichung und Konkretisierung der Debatte auch einige Hinweise an die handelnden Institutionen und Personen:

1. Nicht „Wir gegen die“ sondern „Wir gemeinsam“ – und zwar koordiniert: In vielen Diskussionen wird ein Spannungsfeld zwischen Europa, den USA und China aufgezeigt, das von Konkurrenz und Abgrenzung gekennzeichnet ist. Doch diese und viele andere Volkswirtschaften verbindet mehr als sie trennt. So sollten auch in der öffentlichen Kommunikation gemeinsame Wertvorstellungen von „like-minded nations“ in den Vordergrund gestellt werden.

2. Besonderheiten in Deutschland und Europa anerkennen und Stärken fördern: Unsere Wirtschaft ist strukturell anders als die in anderen Regionen der Welt. Die Heterogenität im Mittelstand ist Herausforderung und Chance zugleich und erfordert spezifische Maßnahmen. Wirtschafts- und Innovationspolitik hat daher den Auftrag, kleine und mittlere Unternehmen aktiv einzubeziehen.

3. Auf konkreten Nutzen konzentrieren statt ziellose Debatten zu führen: Um den Mittelstand für Digitalisierungsvorhaben zu begeistern, muss er Überzeugt werden. Dies geht am besten durch klare Beispiele: Was wird durch diese Innovation besser? Welche wirklichen Probleme lösen wir damit? 

4. Ehrgeizig und selbstbewusst eigene Wege gehen: Deutschland mag auf der internationalen Bühne nicht immer besonders cool oder innovativ wirken, aber wir sind in Vielem besser als wir selbst glauben. Wir müssen und dürfen uns nicht verstecken. Wir sollten also nicht nur versuchen, in Puncto Datensouveränität mit den großen Playern mitzuhalten, sondern direkt darüber nachdenken, was wir besser können als diese.

Der Schlüssel digitaler Souveränität ist die Entscheidungssouveränität. Neben gesellschaftlichen Veränderungen müssen wir auch zu jeder Zeit die großen technologischen Entwicklungen vorhersehen und mitgestalten. Hierfür brauchen wir einen gemeinsamen Plan, den Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft engagiert umsetzen. 

Diesen Beitrag hat Luise Kranich geschrieben. Eine gekürzte Fassung ist im GI-Arbeitspapier Schlüsselaspekte digitaler Souveränität erschienen. Luise Kranich leitet am FZI Forschungszentrum Informatik die Berliner Außenstelle und den Bereich „Innovation, Strategie und Transfer“. Mit ihrem Team forscht sie an technologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Fragen der Digitalisierung und wie diese sinnstiftend und unter Wahrung der digitalen Souveränität eingesetzt werden kann.