Skip to main content
Blogbeitrag

Christiane Floyd zur Preisverleihung der Klaus-Tschira-Medaille

Mit Christiane Floyd ehrten die Gesellschaft für Informatik (GI) und die Klaus Tschira Stiftung (KTS) am 01.10.2020 eine beeindruckende Wissenschaftlerin und Informatik-Pionierin, die erste und bahnbrechende Impulse für ein vielfältiges Bild der Informatik gesetzt hat. 1978 übernahm sie die erste Professur für Softwaretechnik in Deutschland und wurde damit zur ersten Informatikprofessorin im deutschsprachigen Raum. Ihre Rede im Rahmen der Auszeichnungszeremonie stellen wir hier in schriftlicher Form zu Verfügung.

"Lieber Kollege Federrath, sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte der Gesellschaft für Informatik für diese Ehrung herzlich danken, besonders den Kolleginnen und Kollegen, die an der Entscheidungsfindung beteiligt waren.

Für mich ist es schön, dass wir uns heute in Berlin treffen. Meine Arbeit hat hier um die Ecke am Ernst-Reuter-Platz ihren Anfang genommen. Hier habe ich mich auch mit Joseph Weizenbaum befreundet, nach dem dieses Institut benannt ist. Und da mir die Medaille von einem Hamburger Kollegen überreicht wurde, ist auch meine zweite Wirkungsstätte präsent. Das fühlt sich gut an.

Als ich 1978 an die TU Berlin kam, war ich sehr jung und zog allein mit zwei kleinen Kindern in eine mir fremde Stadt. Ich kam aus der Praxis und trat die erste Professur für Softwaretechnik in Deutschland an. Es war eine ungeheure Herausforderung und ich brauchte eine ganze Weile, bis ich den Boden unter meinen Füßen fand.

Software Engineering war gerade erst 10 Jahre alt. Die grundlegende Vorgehensweise war eine lineare Abfolge von Phasen im Wasserfallmodell. Die Anforderungen wurden als fest betrachtet. Vor der Programmierung sollte eine formale Spezifikation erstellt werden.

Ich hatte zwei Anliegen. Zum einen wollte ich praxistaugliche Methoden entwickeln. Zum anderen wollte ich, dass diese Methoden und die daraus resultierenden Systeme verantwortbar waren – nicht nur vor Auftraggebern, sondern auch vor denjenigen, die die Software benutzen oder von ihren Auswirkungen betroffen sind.

Diese beiden Anliegen sowie meine Erfahrung in Projekten führten mich dazu, die Grundannahmen meines Faches in Frage zu stellen und wissenschaftliches Neuland dort zu betreten. Dieser Weg zu gehen, war nicht bequem und erforderte einigen Mut. Deshalb bin ich allen zutiefst dankbar, die sich darauf eingelassen haben, ein Stück weit mit mir zu gehen. Sie haben mir durch ihre Inspiration weiter geholfen, mein Leben durch ihre Freundschaft bereichert und mich ermutigt.

Vor allem gebührt mein Dank meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Meine Einsichten und Ergebnisse sind im Rahmen der Forschungsgruppen Softwaretechnik an der TU Berlin bzw. an der Universität Hamburg entstanden. Indem Sie mich ehren, ehren Sie auch diejenigen, die mit mir zusammen gearbeitet haben. So unterschiedlich die beteiligten Personen waren: wir konnten nur gemeinsam unsere Ansätze in Forschung und Lehre entwickeln und in Projekten erproben.

Wir haben die technische Seite der Softwareentwicklung hoch geachtet, aber die Software im Einsatzkontext betrachtet. Wir haben Verständnisgrundlagen und Methoden entwickelt, um mit Benutzern und Benutzerinnen zusammen zu arbeiten und ihre Arbeits- und Kommunikationsprozesse zu erschließen. Wir haben Partizipation methodisch unterstützt. Wir haben auf Prototyping, Feedback und versionsorientierte Softwareentwicklung gesetzt.

Als Gründungsvorsitzende des FIfF hatte ich die Gelegenheit, Verantwortung in der Informatik im Großen zu thematisieren. Ich bin dankbar dafür, dass ich dieses Amt ausfüllen durfte und voll Bewunderung für die hohe fachliche Kompetenz, die das FIfF heute in die Diskussion über verschiedenste Themen der Digitalisierung einbringt.

Mein Engagement in Äthiopien ist durch die Betreuung von zwei Promotionen entstanden und hat mich dazu geführt, mich näher mit dem zu beschäftigen, was die UNO „ICT for Development“ nennt. In besonderer Weise bin ich meinen Kollegen an der Universität Linz zu Dank verpflichtet, die durch ihr großes Engagement das Projekt »Technology-Enabled Maternal and Child healthCare« ermöglicht haben.

»Meiner Zeit voraus zu sein«, wie es in der Laudatio heißt, war nicht immer leicht. Rückblickend empfinde ich eine tiefe Freude darüber, dass ich nichts von dem, woran ich geglaubt habe, zurücknehmen muss. Auch wenn meine Ansätze heute als historisch gelten, kann ich alles aufrecht erhalten, wofür ich von Anfang an eingestanden bin.

Wenn ich ein Rollenvorbild sein soll, will ich Folgendes an die Jüngeren weitergeben: Seien Sie wahrhaftig, folgen Sie Ihrem Herzen und bleiben Sie Ihren eigenen Werten treu."

Weitere Informationen zur Klaus-Tschira-Medaille finden Sie unter diesem LINK. Das Videointerview zu diesem Anlass können Sie unter dem LINK nachsehen.

Hannes Federrath, GI-Präsident, und Christiane Floyd auf der Preisverleihung der Klaus-Tschira-Medaille am 01.10.2020 im Rahmen der #INFORMATIK2020. Copyright: Gesellschaft für Informatik e.V.