Skip to main content
Blogbeitrag

Aus der Geschichte der GI: Eine Erzählung zur Gründung

Erzählungen firmieren heute unter dem Namen "Narrative". Bei Wikipedia erfahren wir, "dass ein Narrativ eine sinnstiftende Erzählung ist, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird." Und das genau ist unser Ziel. Denn wenn wir erzählen, wie die Umwelt zur Zeit der Gründung der GI aussah, können wir ermessen, wie unsere Umwelt heute aussieht. Das macht Sinn.

Wichtig ist herauszustellen, dass ich als Darmstädter TH-Professor bei der Gründung nur eine periphere Erscheinung war. Hauptfigur war der Darmstädter Kollege Robert Piloty, der den Vorsitz im „Überregionalen Forschungsprogramm Informatik (ÜRF)“ übernommen hatte. Der Darmstädter Sitz im ÜRF-Gremium war also freigeworden.

Am 16.09.1969 tagte der ÜRF-Ausschuss in Bonn um 9:00 Uhr im Bundesministerium für Wissenschaftliche Forschung unter dem Vorsitz von Robert Piloty. Sitzungsende war 16:15 Uhr. Das weiß man heute noch so genau, weil gegen 17:00 Uhr der Fernschnellzug „Rembrandt“ vom Bonner HBF gen Süden fuhr, und den wollten viele Teilnehmer erreichen. Das war sehr sinnvoll, endlose Sitzungen waren durch dieses Zeitlimit ausgeschlossen. Fast alle Teilnehmer reisten mit dem Zuge an. Und für die Münchener war der „Rembrandt“ von besonderer Wichtigkeit; denn es war der letzte, um München noch am selben Tag wieder zu erreichen. Man konnte feststellen, dass die Teilnehmer mit der längsten Anreisezeit immer am besten vorbereitet waren. Was sollte man im Zug auch anderes machen als Aktenlesen?

Brillant vorbereitet waren die Münchener. Die wussten alles und brauchten nicht mehr in die Akten zu schauen. Voran der Nestor unseres Faches. F. L. Bauer (1924–2015), der auch in der Gründungsphase am 16.09.1969 die zentrale Rolle übernahm. Was kann alles bei Vereinsgründungen passieren? F.L. Bauer ahnte das. Hatte er doch am Abend des 15.09.1969 in der Münchener Universitätsbuchhandlung an der Gabelsbergerstraße ein Büchlein erstanden mit dem Titel „Wie gründet man einen Verein?“. Und dieses Büchlein war die Grundlage unserer Vereinsgründung. Denn die Juristen vom Ministerium hatten keine Einwendungen; wurden doch alle Gründungserfordernisse erfüllt. Mit einem Büchlein als Grundlage aus der Münchener Universitätsbücherei in der Gabelsbergerstraße wurde die GI gegründet.

Was zeigt uns das: Es ging 1969 in der Papierwelt rudimentär zu: Lange Zugfahrten mit Aktenstudium, gute Vorbereitung der Teilnehmer, spontane Erledigung der Gründungsformalitäten. Politisch wurde das Ganze nicht. Die politischen 68-er tobten auf den Straßen; wären sie anwesend gewesen, gäbe es die GI heute noch nicht. Es würde wahrscheinlich immer noch über „Drittelparität“ in der GI diskutiert.

Prof. em. Hartmut Wedekind