Offener Brief gegen EU-Pläne zur Schwächung wirksamer Verschlüsselung
IT-Sicherheits- und Krypotgrafieforschende wenden sich heute in einem offenen Brief gegen einen Gesetzesentwurf der EU-Kommission.
In einem offenen Brief sprechen sich mehr 300 Wissenschaftler*innen aus 32 Ländern gegen die Schwächung der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung durch die Pläne der Europäischen Kommission für sogenannte Chatkontrollen aus. Der heute veröffentlichte Aufruf richtet sich an die Mitglieder des Europäischen Parlaments und die Mitgliedsstaaten des Rats der Europäischen Union zu dem von der EU-Kommission vorgelegten Gesetzentwurf gegen die Verbreitung von Kindesmissbrauchsdarstellungen (Child Sexual Abuse Material, kurz: CSAM).
Der Gesetzesvorschlag der Europäischen Kommission zur Unterbindung der Verbreitung von CSAM im Internet setzt auf eine Verpflichtung der Anbietenden von Apps und Online-Diensten. Nachrichten, Bilder, E-Mails, Sprachnachrichten und andere Aktivitäten der Nutzer*innen sollen gescannt werden. Durch sogenanntes Client Side Scanning (CSS) kann die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung auf den Endgeräten umgangen werden.
Die Unterzeichnenden des offenen Briefs stellen klar, dass sexueller Missbrauch und sexuelle Ausbeutung von Kindern schwerste Verbrechen sind, denen mit allen legalen Mitteln der Strafverfolgung nachgegangen werden muss. Demnach liegt es in der Verantwortung der Strafverfolgungsbehörden wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um diese Verbrechen zu verhindern und schnell zu reagieren, wenn sie doch passieren.
Allerdings existierten keine wirksamen Scanning-Technologien, die für das Ziel des Gesetzesentwurfs geeignet sind. Aufgrund erheblicher Mängel bei derzeit existierenden und in Planung befindlichen Scanning-Technologien ist die automatisierte Suche nach kriminellem Material zum Scheitern verurteilt. Insbesondere die verpflichtende Installation auf Endgeräten füht zu Nebenwirkungen im globalen Kontext, die das Internet und die digitale Gesellschaft für alle weniger sicher machen könnten.
Der Brief wurde von prominenten Wissenschaftler*innen der Cybersicherheitund Kryptographie wie dem US-amerikanischen Kryptografie- und IT-Sicherheitsexperte Bruce Schneier, dem Informatiker Ross Anderson von der Universität Cambridge oder der Pionierin der Post-Quantenkryptografie Tanja Lange unterzeiuchnet. Aus Deutschland haben bisher u.a. Christian Wressnegger vom Karlsruhe Institute of Technology (KIT) und Anja Lehmann vom Hasso-Plattner-Institut (HPI) den Brief unterzeichnet. Der offene Brief kann auch weiterhin unterzeichnet werden.
Die Gesellschaft für Informatik hatte sich im vergangenen Jahr bereits u.a. in einem anderem offenen Brief von 25 Organisationen und einer Stellungnahme gegen die Pläne ausgesprochen. So hält die GI die Pläne der EU-Kommission für grundrechtswidrig.
