InterviewInformatik und Ausbildung

Zum Ziel der verschiedenen Informatikwettbewerbe – aus der Geschichte der GI

3 Fragen an Dr. Wolfgang Pohl, Geschäftsführer der Bundesweiten Informatikwettbewerbe. Dieses Interview stammt aus der Festschrift zum 50. Geburtstag der Gesellschaft für Informatik, die im Herbst 2019 veröffentlicht wurde.

Aus dem Bundeswettbewerb Informatik hat sich ein ganzer Strauß an verschiedenen Wettbewerben entwickelt. Wie kam es dazu?
Als ich 1999 als Geschäftsführer beim Bundeswettbewerb eingestiegen bin, waren die Teilnahmezahlen in leichter Abwärtsbewegung. Die Programmierbegeisterung aus der Ära der Heimcomputer hatte sich anscheinend gelegt, und die wenig zufriedenstellende Entwicklung des Informatikunterrichts in der Schule trug nicht dazu bei, junge Menschen für Informatik zu begeistern, geschweige denn für eine Teilnahme am Bundeswettbewerb Informatik. Der Wettbewerb mit seinem fachlichen Anspruch schien wie eine Insel zu sein, die selbst für Schülerinnen und Schüler mit Interesse an Informatik schwierig zu erreichen war.

Anfang 2002 hat die Geschäftsstelle deshalb, auf der Grundlage von Überlegungen im Wettbewerbsbeirat, ein Konzept entwickelt. Es sah Maßnahmen vor, mit denen wir selbst für Wettbewerbsnachwuchs sorgen wollten: ein weiterer Wettbewerb für Jüngere, ein Online-Programmierwettbewerb (nach Art der Informatik-Olympiade), Informatik-Camps für Jugendliche und ein Portal mit Anregungen und Lernmaterial für junge Informatik-Talente. Es sollte ein „One Stop Shop“ für den jungen Informatiknachwuchs werden. Das Konzept wurde begrüßt, aber Mittel konnten nicht bereitgestellt werden. Wir haben uns davon aber nicht entmutigen lassen und mit viel Ausdauer die damals gesetzten Ziele weiterverfolgt.

Entscheidend für die weitere Entwicklung war dann das Informatikjahr 2006. Mit Unterstützung insbesondere des damaligen GI-Präsidenten Matthias Jarke konnte die BWINF-Geschäftsstelle Fördermittel für ihre Projektidee „Einstieg Informatik“ einwerben. Wir haben damals gezeigt, wie Ideen der Informatik der breiten Öffentlichkeit und insbesondere Kindern bis ins Grundschulalter vermittelt werden können. Gegen Ende des Informatikjahres konnten wir mit ein wenig Glück durchsetzen, im Rahmen unseres Projekts spontan einen neuen Online-Wettbewerb auszuprobieren. Nachdem dieser Probelauf des Informatik-Biber bei Weitem mehr Teilnahmen verzeichnen konnte als der Bundeswettbewerb im gleichen Jahr, war der Bann gebrochen: Die GI hat den Biber sofort unterstützt, und zwei Jahre später haben kluge und mutige Menschen im BMBF entschieden, den Informatik-Biber in die Förderung aufzunehmen. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte – auch wenn es danach noch einige Klippen zu umschiffen gab. Dabei hatten wir aber immer Rückenwind seitens der Träger und aus dem BMBF. Jetzt steht BWINF für „Bundesweite Informatikwettbewerbe“, und seit 2017 schlägt der Jugendwettbewerb Informatik die Brücke zwischen Biber und Bundeswettbewerb.

 

Wie funktioniert der BWINF-Strauß, und wer soll heute damit erreicht werden?
Unsere Wettbewerbe „versorgen“ Schülerinnen und Schüler ab Klasse 3 und bauen fachlich und teils auch organisatorisch aufeinander auf. Der Biber sorgt für eine interessante, häufig auch erste Begegnung mit Informatik. Es werden Fragen gestellt, die ohne Vorkenntnisse beantwortet werden können, aber immer ein Informatik-Thema ansprechen. Kinder lieben die Knobel-Aufgaben im Informatik-Biber und lassen sich so leicht „infizieren“. Aber auch die kompakten algorithmischen Aufgaben des Jugendwettbewerbs Informatik (JwInf) stoßen auf große Resonanz, und so fügt dieser jüngste BWINF-Wettbewerb der Biber-Begeisterung die Prise an Programmierkenntnissen hinzu, die der Bundeswettbewerb Informatik (BwInf) letztlich einfordert. Die Schlussrunde des JwInf und die erste Runde des BwInf fallen dann zusammen, und so können die mutigsten JwInf-ler zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und den Schritt in den „großen“ Bundeswettbewerb wagen. Bei diesem Schritt versuchen wir zu helfen und bieten einen Online-Kurs für einen Einstieg in Python an und weisen auf weitere Online-Lernangebote hin, an deren deutschsprachigen Versionen wir teilweise mitgearbeitet haben. Und die Teilnahme am Bundeswettbewerb lohnt sich: Über viele Jahre hinweg haben wir immer mehr Partner gewinnen können, die Informatik-Workshops für unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer anbieten. Schon vor meiner Zeit gab es das Jugendforum Informatik in Baden-Württemberg, dann kam das Hasso-Plattner-Institut dazu, und mittlerweile engagieren sich viele Hochschulen und Unternehmen auf diese Weise. Die Workshops tragen die Idee der Endrunde, für die Interessierten und Begabten eine Gelegenheit zur Begegnung zu schaffen, in eine größere Breite: Jedes Jahr nehmen über 200 Jugendliche, die die erste Wettbewerbsrunde erfolgreich absolviert haben, die Chancen wahr, die ihnen die Workshops bieten.

Wir adressieren mittlerweile also Schülerinnen und Schüler (fast) jeden Alters und auf jeder Stufe der Entwicklung von Informatik-Kompetenz, sozusagen – locker formuliert – von ahnungslos bis hochbegabt. Aber beinahe genauso wichtig die die Kinder und Jugendlichen sind uns die Lehrkräfte, denen wir mit den Wettbewerben und ihren Aufgaben Anregungen und Stoff für den Unterricht sowie Möglichkeiten zu Neigungserkennung und Talentförderung zur Verfügung stellen.

 

Was wünschen Sie sich für die BWINF-Zukunft?

Die Durchführung von Schülerwettbewerben ist ja kein Selbstzweck. Letztlich geht es darum, die Entwicklung junger Menschen zu fördern: zum einen die Entwicklung von Kompetenzen in einem bestimmten Fach wie der Informatik, zum anderen die persönliche Entwicklung. Dazu leistet die Teilnahme an einem Wettbewerb einen wichtigen Beitrag. Aber die meisten Veranstalter von Schülerwettbewerben haben erkannt – wie wir in 2002 –, dass die Förderung besser gelingt, wenn Wettbewerbe durch begleitende Angebote ergänzt werden. Für die Informatik, in der die Schulbildung wegen des Mangels an eigens ausgebildeten Lehrkräften und der meist nachrangigen Stellung des Schulfachs verbesserungswürdig ist, gilt das in besonderem Maße.

In diesem Sinne gibt es noch deutliche Lücken im Sortiment des BWINF „One Stop Shop“. Das im Konzept von 2002 bereits vorgesehene Informatik-Lernportal für Jugendliche existiert nur in groben Ansätzen; mein seit Jahren gehegter Wunsch ist, das von BWINF sozusagen nebenher, mit Unterstützung des Fakultätentags Informatik betriebene Portal einstieg-informatik.de entsprechend auszubauen. Ein besonderes Anliegen ist mir auch die Förderung unserer Teilnehmerinnen. In den Einstiegswettbewerben sind die Mädchenanteile erfreulich hoch, aber beim Bundeswettbewerb wird es besonders in der Leistungsspitze dünn. Erfahrungen zeigen, dass Informatik-Camps mit rein weiblicher Beteiligung helfen würden, deutlich mehr Teilnehmerinnen als bisher davon zu überzeugen, was sie als Informatikerinnen leisten können. Solche Camps würden wir gerne veranstalten – oder Partner finden, die das tun.

A propos Partner: Durch unsere Träger – GI, Fraunhofer IUK-Verbund und Max-Planck-Institut für Informatik – sind wir in Wissenschaft und Forschung bestens verankert. Schön wäre, wenn wir auch in der (IT-)Wirtschaft noch mehr Partner fänden. Vereinzelt gibt es gute Kooperationen, und auch einige der ganz Großen wie Google und SAP unterstützen uns regelmäßig. Aber es gibt die schon genannten Lücken, und für die Endrunden des Bundeswettbewerbs suchen wir jedes Jahr einen neuen Ausrichter. Es gibt also für Unternehmen und Verbände viele Möglichkeiten, mit uns zusammenzuarbeiten. Es muss nicht immer eine eigene, neue Initiative zur Nachwuchsförderung sein; die guten alten Bundesweiten Informatikwettbewerbe mit ihrem hervorragenden Ruf bei Schülern und Lehrern sind auch eine sehr gute, vielleicht sogar die bessere Option.

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Weitere Informationen:

bwinf.de

Social Media:
twitter.com/_BWINF

Kontakt:
Bundesweite Informatikwettbewerbe
Katja Sauerborn sauerborn@bwinf.de

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Entdecken Sie weitere Geschichten der Informatik in der Gesellschaft in der Online-Festschrift 50 Jahre GI.