IADBlogbeitrag

Thema im Fokus: Informatik in der Schule kommt in NRW

Informatik kommt in die Schule – für alle Schülerinnen und Schüler – für alle Schulformen ab der 1. Klasse der Grundschule. »Je früher – desto besser« – um gesellschaftlich-politischen Fehlvorstellungen zur Informatik breit zu begegnen, muss Informatik Bestandteil der frühen Allgemeinbildung werden. Dazu hat die GI im Jahr 2019 Empfehlungen verabschiedet (gi.de). Es stellt sich nun die Frage, wie mit diesen Empfehlungen auf der politisch-administrativen Ebene umgegangen wird – immerhin gibt es im hexadezimalen Bildungssystem 16 Bundesländer, die Gestaltungshoheit beanspruchen.

Im Folgenden wird der Blick auf das Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) gerichtet, damit deutlich an einem von 16 Bundesländern herausgearbeitet werden kann, welche konkreten Elemente die administrative Seite in das Pflichtenheft für die Umsetzung in der Grundschule aufnimmt. 

Informatik kommt in die Grundschule – in der Fläche? »Alle Schülerinnen und Schüler sollen bestmöglich auf die Anforderungen einer zunehmend von Informatiksystemen geprägten Lebens- und Arbeitswelt vorbereitet werden. Hierzu ist neben der Vermittlung von Medienkompetenzen und Fähigkeiten zum Anwenden und Bedienen digitaler Systeme besonders das Verständnis der zugrundeliegenden informatischen Konzepte von großer Bedeutung, um den Nutzen sowie die Wirkungsweise solcher Systeme bewerten zu können. Deshalb soll schon in der Grundschule […] eine erste altersgerechte Begegnung mit informatischen Inhalten erfolgen, an die dann die weiterführende Schule anknüpfen kann. Das Projekt „Informatik an Grundschulen“ startete im Jahr 2015 insbesondere mit dem Ziel, Konzepte zur informatischen Bildung […] an Grundschulen zu erproben. […] Die im Projektkontext entwickelten Handreichungen und Unterrichtsmaterialien sind über die Projektseite http://IaG.nrw.de abrufbar« (Quelle: landtag.nrw.de, S. 2). 

Das liest sich doch ganz gut – was fehlt denn in der Darstellung des nordrhein-westfälischen Kultusministeriums?

In dem zitierten Textstück werden drei Dimensionen dargestellt: 1. Anwenden, 2. Bedienen und 3. Bewerten. Informatikkundige jedoch wissen, dass der Informatik die kreative Dimension des Gestaltens innewohnt. Diese wird hier völlig ausgespart und daran wird deutlich, dass diesem Aspekt offensichtlich kein Raum in der Grundschule gegeben werden soll.

Dies widerspricht grundlegenden Erfordernissen der informatischen Bildung und den Erkenntnissen der Didaktik der Informatik. Erst die Möglichkeit, selbst aktiv informatische Modellierung durchzuführen und zu erproben, ob und wie eigene Ideen tatsächlich umgesetzt werden können, ermöglichen und stärken die informatische Selbstkompetenz.  

Ziehen wir die Empfehlungen der GI heran zu den Informatikkompetenzen, die die Schülerinnen und Schüler am Ende der vierjährigen Grundschulzeit entwickelt haben sollten (dl.gi.de):

»Das diesen Empfehlungen der GI zugrundeliegende Kompetenzmodell und die damit verbundene Verzahnung von Prozessen und Inhalten zu Kompetenzerwartungen aus dem Bereich der Informatik konnte schon frühzeitig bei der Entwicklung der Unterrichtsmodule im Projektkontext von „Informatik an Grundschulen“ berücksichtigt werden. Denn einige Akteure aus dem Projekt waren gleichzeitig an der Erarbeitung der Empfehlungen der GI zu Kompetenzen informatischer Bildung im Primarbereich beteiligt. In dieser Weise konnten auch Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Projekt direkt in den Arbeitsprozess zur Entwicklung der Empfehlungen einfließen. Vor diesem Hintergrund geben die von der GI verabschiedeten Empfehlungen aus curricularer Perspektive wichtige Impulse zur Stärkung der informatischen Grundbildung in den Fächern der Grundschule« (Quelle: landtag.nrw.de, S. 3). 

So weit – so richtig. Allerdings wird verschwiegen, dass keiner der sechs nordrhein-westfälischen an der Entwicklung der Kompetenzen Beteiligten in die Entwicklung der neuen Kernlehrpläne eingebunden wurde und das, obwohl zwei dieser Personen in dem Feld mit Promotionsarbeiten unterwegs sind. Ein Schelm, wer … 

Informatik kommt in alle weiterführenden Schulen des größten Bundeslandes – ab Klasse 5/6. Immer und immer wieder haben die GI und befreundete Organisationen darauf hingewiesen, dass es notwendig ist, Informatik als verpflichtendes Schulfach in den weiterführenden Schulen in die Stundentafeln aufzunehmen. Aktuell noch in der Verbändebeteiligung, schlägt das Kultusministerium NRW vor, dass in allen weiterführenden Schulen in den Jahrgängen 5 und 6 mit in Summe 2 Unterrichtsstunden das Schulfach Informatik etabliert wird. So kommt Informatik erstmalig in NRW in alle Stundentafeln aller weiterführenden Schulen. Die Umsetzung soll ab dem Schuljahr 2021/2022 erfolgen, wenn es nach den vorliegenden Plänen geht (landtag.nrw.de). Parallel findet die Entwicklung der Kernlehrpläne statt. 

Damit gibt es für 7 von 16 Bundesländern entweder ein eingeführtes Pflichtfach Informatik (Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern (sogar als Leitfach), Bayern, Baden-Württemberg) oder den Plan, Informatik als Pflichtfach zu verankern: Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz (zunächst mit 21 Schulen). 

Schnittstelle: Grundschule – weiterführende Schule. Es stellt sich die Frage, auf welche tatsächlichen Informatikkompetenzen aus der Grundschule zu Beginn der weiterführenden Schule gesetzt werden kann. 

In dem Modellvorhaben »Informatikunterricht in der Erprobungsstufe des Gymnasiums« in den Bezirken Düsseldorf und Köln wurden Schülerinnen und Schüler befragt. Dabei wurde deutlich, dass vor allem die Schülerinnen, die angaben, Informatik in der Grundschule (durch Teilnahme am Projekt Informatik an Grundschulen) kennengelernt zu haben, eine hohe Selbstkompetenz in Informatik entwickeln (dl.gi.de).

Daher kommt der Grundschule eine sehr bedeutsame Funktion zu: Informatik muss als Fach in der Grundschule eingeführt werden – nur so haben wir die Chance, dass informatische Bildung durch qualifizierte Lehrkräfte unterrichtlich umgesetzt wird und nur so können wir dem Gendergap in Informatik nachhaltig begegnen. 

Diesen Beitrag hat Ludger Humbert zur Verfügung gestellt. Vielen Dank! Herr Humbert war federführend an der Entwicklung der GI-Empfehlungen für Kompetenzen informatischer Bildung im Primarbereich beteiligt. Im kommenden Jahr organisiert er die vom Fachausschuss Informatische Bildung an Schulen (FA IBS: https://fa-ibs.gi.de) ausgerichtete 19. GI-Fachtagung »Informatik und Schule (INFOS)« unter dem Motto »Lehrer*innenbildung« in Wuppertal.