Blogbeitrag

Thema im Fokus: Fünf Thesen zur Zukunft der (Gesellschaft für) Informatik

2019, nach 50 Jahren GI: Ein Ausblick in die Zukunft der Informatik in der Gesellschaft von Hannes Federrath, Präsident der Gesellschaft für Informatik.

Die Begriffe Informatik und Digitalisierung sind in der öffentlichen Diskussion heute omnipräsent. Wenn Buzz-Words der Digitalisierung wie „Internet of Things“, „Künstliche Intelligenz“ oder „Blockchain“ durch den öffentlichen Raum geistern, dann herrscht auf vielen Seiten Unwissenheit über die konkreten technologischen Möglichkeiten und ihre Grenzen. Jenseits der Marketingblasen stehen hinter diesen Begriffen handfeste Konzepte und Technologien. Deshalb sind wir als InformatikerInnen mehr denn je dazu aufgefordert, uns in diese Diskussionen einzubringen und ihr den nötigen fachlichen Tiefgang zu verschaffen.

Am 16. September 1969 fand in Bonn am Rande einer Sitzung im damaligen Forschungsministerium die Gründungssitzung der Gesellschaft für Informatik statt. 25 Gründungssitzungsteilnehmer wählten den ersten Vorstand. Mitte Juni 2019 hat die TU Dresden gemeinsam mit Darmstadt, Karlsruhe, München und Saarbrücken das 50-jährige Bestehen der Informatik gefeiert. An diesen Standorten wurden 1969 bundesweit die ersten universitären Informatikstudiengänge etabliert. Anlässlich des Festaktes in Dresden habe ich fünf Thesen zur Zukunft der Informatik, die eng miteinander verknüpft sind, definiert:

These 1: Die Informatik als prägende Disziplin des 21. Jahrhunderts muss ihre Verantwortung noch stärker wahrnehmen!

Ohne Informatik gäbe es keine Mondlandung, kein Internet, keine Smartphones und keine autonomen Fahrzeuge, aber auch keinen Dieselskandal, kein Cambridge Analytica und keine autonomen Waffensysteme. Es ist klar, dass die EntwicklerInnen der informatischen Systeme eine besondere Verantwortung haben. Ethische Betrachtungen stehen daher von Anfang an auf unserer Agenda. Bereits 1984 hat die Gesellschaft für Informatik ethische Leitlinien für InformatikerInnen veröffentlicht, die im letzten Jahr grundlegend überarbeitet und an die aktuellen Herausforderungen angepasst wurden. Wir müssen aber darauf achten, dass ethische Leitlinien nicht zum Feigenblatt verkommen, insbesondere in der Debatte um die gesellschaftlichen Implikationen von „Künstlicher Intelligenz“, ihre Einsatzbereiche und Grenzen.

Jede Technologie ist dafür geeignet, dem Menschen zu dienen. Unsere Wertvorstellungen müssen bei der Entwicklung der Technologien inhärent implementiert werden. Gleichzeitig müssen wir als InformatikerInnen klar Stellung beziehen, wenn unsere Technologien aus unserer Sicht falsch oder missbräuchlich entwickelt oder eingesetzt werden. Deshalb wollen und werden wir uns als GI auch in Zukunft stärker am gesellschaftlichen und politischen Diskurs beteiligen.

These 2: Die Informatik ist keine Insel, Offenheit und Interdisziplinarität das A und das O für unsere Disziplin. 

Nur in der Zusammenarbeit mit anderen Fachbereichen und in der konkreten Anwendung erlangt die Informatik ihre Bedeutung und ermöglicht es uns, diese Systeme zum Guten mitzugestalten. Deshalb müssen wir raus aus dem Informatik-Kämmerlein und den Programmier-Stuben und enger mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:

Gute Gesetze, die die Digitalisierung regeln, entstehen nur im Zusammenspiel mit Juristen und unter Beteiligung von InformatikerInnen, die über das nötige rechtswissenschaftliche Know-how verfügen. Ebenso brauchen wir Juristen, die ein Verständnis für Informatik haben.

Die gesellschaftlichen Implikationen digitaler Technologien können nur gemeinsam mit den Sozial- und Geisteswissenschaften ganzheitlich betrachtet werden. Die Lebenswissenschaften machen ihre größten Innovationssprünge dank informatischer Konzepte. Und den führenden Innovationstreibern – ob in Wirtschaft oder Wissenschaft – ist längst klar, dass die Informatik nicht bloß ein Werkzeug, sondern Kern der neuen Wertschöpfung ist.

Und dennoch: Eine starke Kerninformatik ist die Voraussetzung für effiziente, skalierbare, sichere, zuverlässige und anpassbare Informatiksysteme. Ohne sie kann die Digitalisierung nicht gelingen.

These 3: Wir brauchen eine neue Wahrnehmung der Informatik!

Lange wurde diese vom Bild des nerdigen, pizzaessenden Einsiedlers geprägt. Heute gestalten diese vermeintlichen „Nerds“ die Welt entscheidend mit. So wie Bill Gates den Wandel vom Garagenbastler mit großer Brille zum eloquenten, kosmopolitischen Weltverbesserer hinbekommen hat, so muss sich auch die Informatik und mit ihr das Bild, das sie nach außen transportiert, wandeln.

Die vielfältigen Informatik- und Coding-Initiativen wie der Turing-Bus oder der Informatik-Biber, die unzähligen Maker-Spaces und Fab-Labs zeigen: Informatik macht Spaß, bietet enorme Gestaltungsmöglichkeiten, ist cool und divers. Am letzten Punkt müssen wir nicht nur als Disziplin, sondern insbesondere auch als Fachgesellschaft noch viel intensiver arbeiten.

Doch Diversität ist kein Selbstzweck: Unterschiedliche persönliche Hintergründe, Geschlechter, Bildungsbiografien bereichern Organisationen. Der Anteil der Studienanfängerinnen in der Informatik liegt derzeit bei knapp 25 Prozent. In informatischen Ausbildungsberufen waren 2017 lediglich neun Prozent Frauen. Der Frauenanteil unter den IT-Beschäftigten belief sich 2016 auf 16 Prozent, während Frauen über alle Berufe 46 Prozent ausmachen. Nur 11 Prozent der Mitglieder in der GI sind Frauen. Da müssen wir alle aktiver werden! Und das führt uns zugleich zur nächsten These:

These 4: Wir brauchen mehr Informatik in der Schule!

Das Fach Informatik sollte daher verpflichtend sein. Wir werden den SchülerInnen den Spaß an der Materie jedoch nur mit gut ausgebildeten InformatiklehrerInnen vermitteln können. Lediglich vier Bundesländer haben derzeit verpflichtenden Informatikunterricht in ihren Schulcurricula: Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und seit letztem Jahr auch Baden-Württemberg. Es ist offenbar noch viel zu tun. Lassen Sie uns als Fachgesellschaft gemeinsam dafür kämpfen, dass diese Zahl wächst!

Die Schweiz hat übrigens ein verpflichtendes Fach „Medien und Informatik“ eingeführt. Ein guter Beleg für mein Plädoyer: Mehr Interdisziplinarität, da unser Ziel nur im Brückenschlag mit den Mediendidaktikern möglich ist.

Das Dagstuhl-Dreieck, das maßgeblich aus unserem Fachbereich „Informatik und Ausbildung/ Didaktik der Informatik“ entstanden ist, bietet genau diesen Brückenschlag: Informatische Bildung, Medienbildung und die gesellschaftlich-kulturelle Auseinandersetzung mit der Digitalisierung müssen Hand in Hand gehen.

These 5: Wir brauchen eine neue Geschlossenheit innerhalb der Informatik, mehr Selbstbewusstsein und mehr Offenheit, um unsere Ziele zu erreichen.

Während sich andere Disziplinen wie z. B. Physik und Mathematik (natürlich auch aufgrund der längeren Tradition) sehr kontrovers innerhalb ihres Faches auseinandersetzen, treten sie nach außen an vielen Stellen geschlossener auf, als dies in der Informatik gelingt. Ob in Berufungsverfahren, bei der Begutachtung von Förderanträgen oder im Wettbewerb um Fördergelder: Öffentlich geführte Grabenkämpfe helfen uns als Disziplin nicht weiter. Da kann der Wissenschaftsbetrieb viel von der IT-Wirtschaft lernen, wo „Coopetition“ heute und die Dualität von Konkurrenz und Kooperation weit verbreitet sind.

Diese Geschlossenheit erfordert keine Abgrenzung gegenüber anderen oder gar eine Ausgrenzung, sondern vielmehr die Verstärkung von Kohäsionskräften innerhalb der eigenen Disziplin und an ihren Rändern. Hier sind explizit wir als Fach- gesellschaft gefordert.

Daher mein Fazit: Lassen Sie uns gemeinsam für ein positives Bild unserer Disziplin, für mehr Of- fenheit und Interdisziplinarität, für Verantwortung als Partner des gesellschaftlichen Wandels und für eine bessere informatische Bildung in der Breite arbeiten.

Dieser Text von Hannes Federrath stammt aus der Festschrift 50 Jahre GI.