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Thema im Fokus: EEG-Bänder geben Einblick in die Köpfe chinesischer Schüler.

Im Januar 2019 war bekannt geworden, dass in chinesischen Schulen künftig EEG-Stirnbänder eingesetzt werden sollen. Mit den Stirnbändern soll überwacht werden, ob die 10- bis 17-Jährigen dem Unterricht aufmerksam folgen. Nun hat das Wall Street Journal in einem Video erste Eindrücke veröffentlicht (Twitter).

Das aufgezeichnete EEG wird in Echtzeit ausgewertet. Die Konzentration der Schülerinnen und Schüler wird farblich kodiert. Leuchtet das Band rot, ist ein Schüler tief konzentriert, leuchtet es blau, ist er abgelenkt. Die Datenauswertung wird dabei nicht nur auf der Stirn dargestellt, sondern auch dem Lehrer am Laptop sowie den Eltern in Echtzeit auf ihrem Smartphone angezeigt. Dabei werden den Eltern nicht nur die Ergebnisse des eigenen Kindes angezeigt, sondern auch ein Vergleich mit anderen Kindern in der Klasse. Die in Boston ansässige Firma Brainco (Homepage) ist eine Ausgliederung des Harvard Innovation Lab und hat bereits 20.000 Exemplare der Bänder an China verkauft (Independent).

Russell Barkley, Professor an der Virginia Commonwealth Universität, kritisiert, dass die zugehörige klinische Studie nicht öffentlich zugänglich sei – und etwaige Leistungsverbesserungen somit möglicherweise lediglich auf den Placebo-Effekt zurückzuführen sein könnten (Independent). Des Weiteren ist anzumerken, dass das Stirnband lediglich 3 Elektroden verwendet, während reguläre EEGs bis zu 21 Elektroden haben. Daraus resultiert eine höhere Fehleranfälligkeit. Auch Nutzer sozialer Medien in China bringen ihren Unmut über diese in ihren Augen unethische Anwendung zum Ausdruck. Sie beschreiben Szenarien wie aus einem Horrorfilm (supchina.com).

Befürworter der EEG-Bänder argumentieren, dass die Technologie Lehrerinnen und Lehrern ein Werkzeug an die Hand gibt, um Jugendliche individueller und dadurch besser beim Lernen zu unterstützen. Auch ist das System eine vielversprechende Datenquelle für das Training maschineller Lernverfahren. Brainco-Gründer Bicheng Han rechnet mit den Daten von 1,2 Millionen Schülerinnen und Schülern. Diese möchte er dazu nutzen, um Feedbackschleifen von KI-Programmen zu verbessern (Heise). Dieses Vorhaben passt zu Chinas Bestreben, im Bereich der Künstlichen Intelligenz eine Führungsrolle zu übernehmen (futureoflife.org). 

Es bleibt allerdings fraglich, ob eine rein leistungsorientierte Förderung in Verbindung mit dem Erfolgsdruck, der durch die Bänder und den direkten Leistungsvergleich erzeugt wird, aus pädagogischer Sicht sinnvoll ist. Können sich Kinder unter diesen Bedingungen zu selbstbestimmten, kreativen Individuen entfalten? Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass Langeweile und Tagträumerei einen wichtigen Beitrag zum kreativen Denken liefern und wichtige Gelegenheiten sozialer, kognitiver und emotionaler Stimulation sind, die man sonst verpassen würde (Mueller & Dyer 1985 sowie Bench & Lench 2013). 

Es sind viele Fragen offen: Was geschieht mit besonders leistungsstarken Schülerinnen und Schülern, die sich bei dem für sie „einfachen“ Schulstoff gar nicht so sehr konzentrieren müssen? Ist die durch das System erzeugte Leistungstransparenz wünschenswert und mit Datenschutzgrundsätzen vereinbar? Wie kann garantiert werden, dass die Daten nur anonymisiert weiterverarbeitet werden und keine Rückschlüsse auf Einzelne möglich sind? Gibt es langfristige Konsequenzen, die besonders berücksichtigt werden müssen?

Da durch die Verwendung neuer Technologie immer wieder ethisch fragwürdige Situationen entstehen, würden wir uns freuen, gemeinsam einen Diskurs zu gestalten, der sich genau mit solchen Fragen beschäftigt. Verlinken Sie uns gerne mit dem Hashtag #RedaktionSozioinformatik.