Interview

Politik sollte mehr auf die Stimme der Informatik hören

Dass die Digitalisierung mittlerweile viele Bereiche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens durchdringt, ist eine Binsenweisheit. Damit steckt auch Informatik in immer größeren Teilen unseres Lebens. Die Politik ist gut beraten, auf die Expertise der Informatikerinnen und Informatiker in Deutschland zu hören. Darüber sprachen wir mit Christine Regitz, die seit knapp zwei Jahren dem GI-Vorstand angehört und für dieses Amt zwei weitere Jahre zur Verfügung steht.

Frau Regitz, warum ist die Stimme der GI heute wichtiger denn je?

Die Digitalisierung durchdringt schon jetzt alle Lebensbereiche. Wir, die GI, können dabei helfen, sie als Chance zu begreifen. Die Menschen nutzen das Internet – beruflich wie privat. Technologische Neuerungen sind stets schneller verfügbar, gleichzeitig verändern sich die Berufsbilder: Es wird immer wichtiger, digital und technologische Zusammenhänge zu verstehen – und zwar in allen Lebensphasen. Gleichzeitig brauchen wir neue und bessere Konzepte für Datenschutz und Sicherheit. Als Fachgesellschaft tragen wir dazu bei, dass unsere Gesellschaft den Sprung in die digitale Welt meistern kann. Das können wir erreichen, indem wir weiterhin flächendeckend und eng mit wichtigen Akteuren zusammenarbeiten.

Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Die Politik sollte noch mehr auf die Stimme der Informatik hören. Unser Wirken in den unterschiedlichen Informatikbereichen und daraus resultierenden Handlungsempfehlungen haben immer das Gesamtgesellschaftliche Wohl im Blick. Wir wollen schließlich die digitale kompetent sein und konkurrenzfähig bleiben. Wir wollen die digitale Mündigkeit stärken und die digitale Zukunft verantwortungsvoll, nachhaltig und transparent gestalten. Da gilt es politische Schnellschüsse wie zuletzt zum Ende der aktuellen Legislaturperiode zu vermeiden. Wir brauchen Konzepte und Grundlagen, die ganzheitliche und langfristige Perspektiven bieten.

Mit welche Themen haben Sie im letzten Jahr innerhalb der GI beschäftigt?

Das Thema der Bildung in einer digital vernetzten Welt – oder kurz digitale Bildung – spielt eine große Rolle: In der Schule, der Aus- und Weiterbildung aber auch in einzelnen Branchen. So hat uns beispielsweise im Pflegebereich die Frage beschäftigt, wie wir die Digitalisierung mit den Pflegebeschäftigten gestalten, welche digitalen Kompetenzen benötigt werden sie und wie wir Aus- und Weiterbildung gestalten können. Im Mai hat der GI-Beirat IT-Weiterbildung in einem Pflege- Fachsymposium mit Experten darüber diskutiert. Aus den Ergebnissen haben wir Handlungsempfehlungen für Politik und die Gesundheitsbranche abgeleitet.

Was sind aus Ihrer Sicht die bestimmenden Themen der kommenden Jahre?

Die Digitalisierung der Wirtschaft und die Entwicklung digitaler Kompetenzen bleibt ein zentrales Thema, so zum Beispiel im Handwerk. Auch die Plattform- und Datenökonomie wird unsere Arbeit bestimmen: Neue Geschäftsmodelle haben sich im Internet etabliert, die bisherige Branchenstrukturen verändert. Daten und ihre automatische Verarbeitung sind inzwischen wichtige Wettbewerbsfaktoren geworden. Wie wir mit den stetig wachsenden Datenmengen umgehen und welche Standards nötig werden: Auch dies sind Themen, denen wir fokussiert nachgehen werden.

Welche Themen wollen Sie persönlich in der GI weiter vorantreiben?

Die Informatik ist noch immer in erster Linie eine Männerdomäne: Technologien und Anwendungen entstehen überwiegend aus Männersicht, Frauen sind im Beruf unterrepräsentiert. Ihnen fehlt häufig der passende Zugang zum Thema. Deshalb unterstütze ich insbesondere unsere Fachgruppe „Frauen in der Informatik“. Wir setzen uns für ein modernes Frauenbild und eine familienfreundliche IT-Branche ein.

Als Sprecherin des GI-Wirtschaftsbeirates strebe ich weiterhin eine enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft an. Wir wollen für Unternehmen jeder Größe als kompetenter und verlässlicher Partner wahrgenommen werden. Natürlich besteht hier auch die Möglichkeit, neue Mitglieder zu gewinnen, die unsere Anliegen unterstützen.

Die Digitale Bildung – von Grundschule bis Hochschulstudium – ist ein weiteres wichtiges Anliegen, das ich vorantreiben möchte. Menschen jeden Alters brauchen zunehmend digitale Kompetenzen. Wir wollen, die Bildungsphase nicht verpassen, um diese schon jungen Menschen altersgerecht zu vermitteln. Bildungsinstitutionen, Schulen, Bildungsträger, Lehrzentren sowie Berufs-, Fach-, und Hochschulen sollten die digitale Bildungslücke konsequent schließen.

Frau Regitz, wir danken Ihnen für dieses Interview.

Zur Person: Christine Regitz

Christine Regitz ist seit 1994 mit unterschiedlichen Funktionen und Rollen in der Software-Entwicklung für SAP SE tätig. In der GI war sie lange Sprecherin der Fachgruppe „Frauen und Informatik“, leitete den Präsidiums-Arbeitskreises „Bild der Informatik“ und ist Sprecherin des Wirtschaftsbeirats und seit 2015 Vizepräsidentin.