BlogbeitragInformatik und Ausbildung

Neue Gestalter, Ingenieure und Materialwissenschaftler der Digitalisierung braucht das Land!

Digitalisierung ist kein Buzzword mehr, aber ohne Zweifel ein überladener Begriff. Zwei Bedeutungen sind von Relevanz (vgl. [4]): Erstens, die Wandlung analoger in digitale Daten und ihre Verarbeitung und zweitens, die Durchdringung aller Lebensbereichen mit Digitalisierungstechnologie. Informatik befasst sich primär mit Ersterem. Letzteres verändert unsere Gesellschaft auf nie dagewesene Weise. Wir brauchen daher dringend neue Berufsbilder samt Wissenschaftskulturen, damit dieser Prozess ein nachhaltiger Erfolg wird.

Im Bauwesen stellt niemand in Frage, dass qualifizierte Architekten, Bauingenieure und Materialwissenschaftler gebraucht werden, um anspruchsvolle Gebäude zu realisieren. Für die Digitalisierung gibt es zwar Rollenbilder, die in diese Richtung gehen (bspw. Produktmanager, Software-Architekten und Data Scientists). Sie sind aber keineswegs so etabliert, wie Bauarchitekten, Bauingenieure und Materialwissenschaftler. Auch existieren keine vergleichbaren Fachbereiche an Hochschulen oder Wissenschaftskulturen in diesen Bereichen.

Natürlich stellt sich sofort die Frage, ob solche Strukturen überhaupt notwendig sind. Die Antwort mag überraschend sein: Bisher nicht, aber jetzt schon!

Initiativen wie die GI-Vorstands-Task-Force „Data Science/Data Literacy“ [5] oder das Bitkom Digital-Design-Manifest [3] zeigen, dass wir in einer Umbruchphase sind. Die folgenden Entwicklungen der Digitalisierung sind Ursache für diesen Umbruch (vgl. [4]):

  1. Die Digitalisierung beschränkt sich nicht mehr auf die Verarbeitung von Daten. Seit der Jahrtausendwende haben sich die technischen Möglichkeiten vervielfacht und sie wachsen stetig weiter. Nur drei Beispiele: Smartphones bieten immer schnelleres Internet samt Rechenleistung für die Hosentasche, künstliche Intelligenz erschließt fortlaufend neue Anwendungen wie Sprachassistenten und Augmented Reality ermöglicht vollkommen neue Interaktionsformen.
  2. Digitalisierungstechnologie ist omnipräsent geworden: Bis vor wenigen Jahren waren Rechner an den Schreibtisch gefesselt. Heute sind Smartphones, Notebooks, Smartwatches und andere Geräte allgegenwärtig und nahezu überall und kostengünstig verfügbar.

Die neuen Möglichkeiten gepaart mit der Omnipräsenz der Technologie adressieren neue Zielgruppen und führen zu vollkommen neuen und innovativen Systemen, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen. Die Digitalisierung wird daher oft als nächste industrielle Revolution bezeichnet, die unsere Gesellschaft massiv verändern wird. Die neuen Herausforderungen dieser Entwicklung gehen weit über die Informatik hinaus. Es braucht daher neue Strukturen, die den gestalterischen und technischen Herausforderungen dieser Veränderungen gerecht werden (vgl. [4]).

Hier kann das Bauwesen als Vorbild dienen: Die Komplexität moderner Bauwerke hat ein dediziertes Architektur- und Bauingenieurwesen samt Materialwissenschaften unumgänglich gemacht (vgl. [2]). Nur so konnte das Bauwesen die richtigen Talente anlocken und ausbilden, um die heute bewunderten Höchstleistungen zu erbringen.

Analog zum Bauwesen benötigen wir die folgenden Strukturen für die Digitalisierung:

  • Digital Design als Gestaltungsprofession der Digitalisierung, vergleichbar mit dem Bauarchitekturwesen, befasst sich mit der Gestaltung von digitalen Lösungen. Gleichzeitig muss Digital Design ein eigenständiges Wissenschaftsfeld werden, dass sich wie die Architekturwissenschaft sowohl den eigenen Methoden als auch mit den Ergebnissen des eigenen Handels (bspw. den Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft durch Digitalisierung) widmet.
  • Digital Engineering als Ingenieursprofession der Digitalisierung, vergleichbar mit dem Bauingenieurwesen, befasst sich mit der Konstruktion und Realisierung digitaler Lösungen. Analog zu den Bauingenieurwissenschaften muss auch das Digital Engineering ein eigenständiges Wissenschaftsfeld werden und sich den Methoden zur Konstruktion und Realisierung digitaler Lösungen sowie der Erforschung und Weiterentwicklung des Digitalen als Material widmen.
  • Data Science als Materialwissenschaft der Daten ist vergleichbar mit den Materialwissenschaften des Bauwesen und befasst sich sowohl aus praktischer als auch wissenschaftlicher Perspektive mit Fragestellung rund um Daten als spezielles Material der Digitalisierung.

Aus Informatiksicht könnte man argumentieren, dass diese Aspekte doch bereits in der Informatik enthalten sind. Das stimmt auch in Teilen. Bereiche wie Human-Computer-Interaction befassen sich mit Aspekten des Digital Designs, Software Engineering und Software-Architektur befassen sich mit Aspekten des Digital Engineerings und Data Science hat ebenfalls wesentliche Überschneidungen mit der Informatik.

Diese Sicht führt jedoch zu einer Überfrachtung der Informatik mit Fragestellungen, die weit über den ursprünglichen Fokus der Informatik hinausgehen. Neue Berufsbilder und Wissenschaftsfelder können nur dann entstehen, wenn diese Felder eigenständig werden. Auch hier hilft die Analogie zum Bauwesen:

Informatik
verhält sich zu
Digital Design, Digital Engineering und Data Science,

wie

Mathematik, Physik und Chemie
zum
Architekturwesen, Bauingenieurwesen und den Materialwissenschaften.

Die Grundlagenwissenschaften sind unverzichtbar für das Bauwesen. Trotzdem haben sowohl die Grundlagenwissenschaften als auch das Bauwesen eigenständige Berufsbilder, Wissenschaftskulturen und Schwerpunkte entwickelt. Nur durch diese Eigenständigkeit können sich die verschiedenen Felder weiterentwickeln, produktiv miteinander zusammenarbeiten und sich gegenseitig ergänzen (vgl. [1]).

Damit die Digitalisierung erfolgreich wird, brauchen wir daher vergleichbare Strukturen, um neben der Kernwissenschaft „Informatik“ diese wichtigen Berufsbilder und Wissenschaftsfelder der Digitalisierung zu etablieren und zu kultivieren. Nur so können wir die richtigen Talente anlocken und ausbilden, die wir für eine erfolgreiche Digitalisierung dringend benötigen. Die Informatik muss diesen Veränderungsprozess begleiten und unterstützen, denn sie bildet einen wichtigen Teil des Fundaments für diese neuen Berufsbilder und Wissenschaftskulturen.

Quellen

[1] A.F. Chalmers: Wege der Wissenschaft. Springer, 1999.

[2] W. König, W. Kaiser: Geschichte des Ingenieurs - Ein Beruf in sechs Jahrtausenden. Hanser, 2006.

[3] K. Lauenroth, H. Bramsiepe, D. Gilbert, R. Hartwig, K. Lehn, U. Schubert: Das Digital-Design-Manifest, Bitkom, 2018. https://www.digital-design-manifest.de, abgerufen am 23.2.2019

[4] K. Lauenroth, K. Lehn, U. Schubert, M. Trapp: Rollenideal »Digital Design« - Erfolgreiche Digitalisierung und Digitale Transformation erfordern ein Umdenken in der Softwareentwicklung, Bitkom 2017. https://www.bitkom.org/sites/default/files/file/import/20171013-Rollenideal-Digital-Design.pdf, abgerufen am 23.2.2019

[5] Vorstands-Task Force „Data Science/Data Literacy“, https://gi.de/datascience/, abgerufen an 23.2.2019.

 

Über den Autor

Dr. Kim Lauenroth

Dr. Kim Lauenroth leitet bei der adesso AG das Competence Center für Requirements Engineering. Er ist erster Vorsitzender des IREB e.V., engagiert sich im Bitkom für die Etablierung von Digital Design als Gestaltungsprofession für die Digitalisierung und ist langjähriges GI-Mitglied. Den Kontakt zum Hochschul- und Wissenschaftsbetrieb hält er durch die Mitwirkung in Programmkomitees verschiedener Konferenzen (bspw. IEEE RE, ICSE SEIP und REFSQ) und einen langjährigen Lehrauftrag an der FH Dortmund.