Themenschwerpunkt

Menschliches Multitasking

Betrachtet man die Prävalenz von psychischen Erkrankungen, so fällt auf, dass diese eher zu- als abnehmen (aertzeblatt.de). Die (statistische) Zunahme von Stress und psychischen Krankheiten wird auch auf die bessere Erfassung und veränderte Diagnosegewohnheiten von Ärzten zurückzuführen sein (Psychosomatik Online).

Menschliches Multitasking

Unter den Risiken, die psychischen Erkrankungen begünstigen, finden sich immer wieder Punkte wie „stark gestiegener Medienkonsum (TV, Internet, Smartphones)“. Inzwischen gibt es Forschungsgruppen, die sich dem Thema „digitaler Stress“ widmen (FAU Erlangen). Darüber hinaus stellt man im gesellschaftlichen Diskurs immer wieder fest, dass „neue Medien“ schnell zur Verantwortung gezogen werden, wenn es um Arbeitsüberlastung durch Multitasking geht. Volkswagen, Europas größter Autohersteller, deaktivierte im Jahr 2011 nach Feierabend die Zustellung von E-Mails an Mitarbeiter, um Stress zu reduzieren (Zeit Online). Die Untersuchung dieser Themen ist angesichts der oben genannten Entwicklungen von besonderer Relevanz.

Es stellt sich die Frage, welche Rolle die Informatik und die „Digitalisierung“ im Kontext stressgeplagter Gesellschaften spielen. Anhänger der „Methode Spitzer“ (Spiegel Online) verbreiten dabei allzu gerne provokante Theorien, die sich gut verkaufen. Tatsächlich gibt es aber bislang keinen Beleg dafür, dass der Einsatz von informationstechnischen Systemen automatisch „cyberkrank“ macht (was Manfred Spitzer in einigen seiner Bücher behauptet).

Informatik kann vom Menschen gestaltet werden; sie kann Stress erzeugen, aber auch erheblich zur Stressreduktion beitragen. Das Feld Mensch-Computer-Interaktion beschäftigt sich intensiv mit dieser Aufgabe. So können IT-Systeme etwa nur diejenigen Informationen bereitstellen, die ein Nutzer des Systems in seiner derzeitigen Verfassung verarbeiten kann. Darüber hinaus kann Informatik auch zur Förderung der mentalen Gesundheit beitragen, etwa im Bereich „E-Health“ (aerztezeitung.de).

Es liegt an uns Informatikerinnen und Informatikern, den positiven Einfluss der Informatik darzustellen und das mentale Wohlergehen von Nutzerinnen und Nutzern informationstechnischer Systeme in den Mittelpunkt zu stellen. Informatik ist nicht das Problem einer gestressten Gesellschaft, sie kann aber sehr wohl ein Teil der Lösung sein.

Filmtipp zum Thema im Fokus: „Menschliches Multitasking: Immer vernetzt: Überfordern wir unser Gehirn?“ (ARTE bzw. YouTube).

Diesen Beitrag hat GI-Junior-Fellow Tim Philipp Schäfers verfasst. Vielen Dank! Ihre Themenvorschläge können Sie uns gerne per E-Mail an redaktion(at)gi-radar.de senden.