Fachartikel

Macht denselben Fehler nicht ein zweites Mal!

Bund und Länder wollen bald den Digitalpakt besiegeln. Ohne die parallele Einführung eines Pflichtfachs Informatik wird das wenig bringen – wie die Geschichte der Initiative "Schulen ans Netz" zeigt. Ein Beitrag von Rainer Busch.

DIE DIGITALISIERUNG IST längst kein Thema mehr nur für Eingeweihte. Sie hat Eingang in alltägliche Diskussionen gefunden, denn sie erfasst alle Bereiche unseres Lebens und der Welt, in der wir leben. Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Gesellschaft stehen vor radikalen Veränderungen. 

Das Wort "Digitalisierung" umschreibt, wie der Einsatz der Informationstechnik Elemente der realen Welt ersetzt. Dienstleistungen und Produktionsprozesse werden digitalisiert, vernetzt und synchronisiert. Es entsteht eine neue Welt. Auf die Gestaltung dieser komplexen Veränderungen müssen sich die Menschen durch Bildung vorbereiten. Die Frage ist nur: wie? 

Ich bin davon überzeugt: Die aktive Gestaltung einer digitalen Welt kann nur gelingen, indem Informatik als verpflichtendes Schulfach etabliert wird. Denn nur wenn Menschen über eine grundlegende informatische Bildung verfügen, werden sie in der Lage sein, die digitale Welt nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen mitzugestalten. Wer über Wissen und Fertigkeiten verfügt, wie man eine digitale Welt gestalten kann, wird die Digitalisierung nicht als Bedrohung empfinden. 

Informatische Bildung: Was ist das?

Vor etwa 140 Jahren wurde mit der Einführung der Schulfächer Mathematik, Physik und Chemie die Basis gelegt für das Verständnis und die Gestaltung einer neuen Welt. Formal analytisches Denken und formale Modellbildung waren die Kernziele der damaligen Bildungsreform. Mit diesem Verständnis von Allgemeinbildung (für alle) haben die genannten Schulfächer in einer neuen Breite und Tiefe die Grundlage für die berufliche und universitäre Bildung gelegt, wie wir sie heute kennen, insbesondere für die aufstrebenden Ingenieurwissenschaften. Kreativität, Innovationen und eine Schwemme von Patenten und Firmengründungen waren infolge dessen die Kennzeichen der aufsteigenden Wirtschaftsnation Deutschland. 

Im 21. Jahrhundert ist die Informatik zur Schlüsselkompetenz geworden in allen Gebieten der Wissenschaft, Wirtschaft und Technik. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes hängt dieses Mal ab von einer umfassenden Nutzung der Informationstechnik. Wie früher Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer die Voraussetzungen für den Wandel geschaffen haben, ist jetzt also die informatische Bildung fundamental als Allgemeinbildung für den Aufbau und die Gestaltung einer digitalen, neuen Welt erforderlich. 

Informatik als Schulfach kann hierzu Basisdienste leisten und grundlegende Kompetenzen vermitteln, damit die nachfolgende universitäre Bildung modernen Anforderungen genügen kann. Die schulische Realität ist jedoch weit entfernt von diesem Anspruch. Der Einsatz digitaler Medien im Bildungswesen fokussiert sich bislang fast ausschließlich auf das Surfen im Internet, auf Präsentationen mit "Powerpoint" und textliche Gestaltungen mit "Word".

Ein Schulfach Informatik würde weit mehr bieten als diese praktizierten Bagatellen. Die vielen, auf hohem Niveau bestehenden Einzelaktivitäten engagierter Lehrkräfte belegen das sehr überzeugend. Oberste Lernziele des Schulfaches Informatik wären die Analyse, der Entwurf und die Gestaltung eines Prozesses zur informationstechnischen Verarbeitung. Was folgt daraus für die Gestaltung der Lehrpläne?   

Erstens: Als Einstieg müssten die Begriffswelt und das Verständnis vermittelt werden, wie ein Computer, digitale Medien und Netzwerke aufgebaut sind und wie sie funktionieren. Nur mit diesen detaillierten Kenntnissen werden Schüler befähigt, die Angebotsvielfalt von Hardware, Software und Dienstleistungen zu analysieren und einzuschätzen. 

Zweitens: Eine wichtige Säule eines Schulfaches Informatik ist der Begriff des Algorithmus. Das Ziel, Prozesse zu digitalisieren, setzt eine systematische Analyse voraus, ob und wie praktische Probleme in eine informationstechnische Verarbeitung umsetzbar sind. Durch die Beschäftigung mit Algorithmen wird das logische Denken gefördert, und die Schüler lernen sehr gut, die logischen Kausalketten ("wenn – dann") eines Prozesses aufzubauen. Mit präzise formulierten Anweisungen können die Jugendlichen anschließend digitale Anwendungen in Form eines selbst entwickelten Programms schaffen und austesten. Programmieren ist also ein Teilgebiet der Informatik und sollte anders, als gelegentlich gefordert, kein eigenständiges Schulfach werden. 

Drittens: Zur Arbeit mit Algorithmen und Prozessen kommen weitere Kernelemente der Informatik hinzu: die Struktur und die Modellierung von Daten, ihre Organisation in Datenbanken sowie ihre Veränderungen in ablaufenden Prozessen.

Viertens: Eine hausinterne, lokale und globale Vernetzung ist eine unabdingbare Voraussetzung für ein vernetztes Arbeiten und Lernen, um insbesondere das Internet zu nutzen.  

Was von der aktuellen KMK-Strategie zu halten ist

Bereits 1995 wurden mit einer Machbarkeitsstudie "Schulen an das Netz" grundlegende Herausforderungen für ein zukunftsfähiges Bildungswesen formuliert. Ich war damals Urheber der Initiative und hauptverantwortlicher Studienautor. Unsere Untersuchung beschrieb – ausgehend von den erwarteten Bedingungen einer vernetzten Welt – die Kernpunkte einer informatischen Bildung und wies dem Schulfach Informatik bereits zu der damaligen Zeit eine Schlüsselrolle zu, um die erforderliche Grundlagenbildung zu erreichen.

Grundsätzlich ist es erfreulich, dass 2016 auch die Kultusministerkonferenz (KMK) ein Dokument veröffentlicht hat zur "Bildung in der digitalen Welt". Über 20 Jahre nach dem Start von "Schulen ans Netz" hat sich die KMK damit endlich zu ihrer Verantwortung bekannt, digitale Medien zum Thema der Bildungspolitik zu machen.

Schaut man sich dieses Dokument im Detail an, ist es von seinen Zielen und Inhalten allerdings enttäuschend. Vor allem weil darin jeglicher Hinweis auf ein Schulfach Informatik, auf eine informatische Bildung, fehlt. Dafür sind die Passagen zum Umgang mit Informationen umso umfangreicher ausgefallen, als bestünde die Bildung in einer digitalen Welt vor allem daraus. 

Hinzu kommt: Genau zu diesen Themen haben wir uns vor zwei Jahrzehnten ausführlich und mit fast identischer Stoßrichtung geäußert. Schon damals beschrieben wir den Einsatz des Internets zur gezielten Beschaffung, Verteilung und Speicherung von Informationen auf der Grundlage der Lernziele und Aufgaben einer informatische Bildung.

Die digitale Welt hat sich seither aber radikal verändert. Sich allein auf den Umgang mit Informationen zu fokussieren ist daher eine nicht mehr zeitgemäße, nicht begründbare Überbetonung und Überbewertung dieser Thematik. Demgegenüber befinden sich beispielsweise Fragestellungen von Künstlicher Intelligenz und Big Data offensichtlich außerhalb jeglicher Überlegung der KMK. Es drängt sich der Verdacht auf, die Kultusminister strebten mit ihrer "Bildung in der digitalen Welt" lediglich passive, nutzungsgesteuerte Konsumenten an. Ihre übertriebene Betonung, die Netzbenutzung als digitale Kompetenz einzustufen, ist abwegig. Sie hat eher den Charakter einer Bedienungskompetenz. Die KMK-Strategie liefert daher keinen wirklichen Beitrag, die digitale Welt aktiv zu gestalten. Sie hat keinen zukunftsweisenden Charakter und kann entsorgt werden.

Bund und Länder drohen auch deswegen einen Fehler von vor 20 Jahren zu wiederholen. Bei der nach der Machtbarkeitsstudie gestarteten Initiative "Schulen ans Netz" hatten sie die technische Ausstattung der Schulen mit Internetanschlüssen in den Vordergrund gestellt. Das Ergebnis war vorhersehbar: Mit der Bereitstellung allein von Technik verbessert und verändert sich Bildung nicht. Lernerfolge konnten so nicht gesteigert werden.

Mit den derzeitigen Plänen, im Rahmen des "Digitalpaktes" die Schulen flächendeckend mit Informationstechnik auszustatten, scheint der Politik derselbe Irrtum ein zweites Mal zu unterlaufen. Die Ausstattung mit Technik wird erneut wirkungslos und damit sinnlos bleiben, wenn es nicht gleichzeitig ein Konzept zur Einführung einer informatischen Bildung und zur IT-Qualifikation der Lehrenden gibt. Und die KMK-Strategie bietet dieses Konzept genau nicht. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn viele Eltern dem Einsatz der neuen Medien kritisch bis höchst ablehnend gegenüberstehen. 

Natürlich wäre es allein mit der Einführung eines Schulfaches Informatik nicht getan. Mit neuen Medien können und müssen in allen Fächern neuartige Unterrichtsinhalte sowie zeitgemäße pädagogisch-didaktische Konzepte entwickelt werden. Auch an den Hochschulen benötigt Deutschland einen massiven Schub, um nicht den internationalen Anschluss zu verpassen. Der wissenschaftliche und technische Fortschritt wird unaufhaltsam voranschreiten und nicht auf Änderungen im Bildungssystem warten.

Der verantwortungsvolle Umgang mit digitaler Technik ist ein gewichtiges, pädagogisches Bildungsziel. Jeder Einzelne, alle Bereiche der Gesellschaft werden von einem korrekten und kontrollierbaren Einsatz der Informationstechnik zunehmend abhängiger. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, müssen die Menschen nicht nur über entsprechende Nutzungskompetenzen verfügen. Mit einer informatischen Bildung sind alle Dimensionen des Menschen zu umfassen, insbesondere seine soziale, handlungsbezogene Verantwortung. Die Erziehung zu einem verantwortungsbewussten Umgang kann den Missbrauch eindämmen. 

Über den Autor:

Rainer Busch war Vorsitzender des Ausschusses »Forschung und Lehre in Informatik« der Europäischen Kommission in Brüssel sowie Vizepräsident der Gesellschaft für Informatik. Er leitete den Bundeswettbewerb Informatik und war Initiator von »Schulen ans Netz".

Dieser Beitrag ist als Erstveröffentlichung auch auf dem Blog von JAN-MARTIN WIARDA, Journalist für Bildung und Wissenschaft, zu finden.