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KI im Mittelstand: Der Motor wird der branchenübergreifende Transfer sein

Ob Produktion, Kundenbetreuung oder Marketing – bereits heute bieten Technologien Künstlicher Intelligenz (KI) auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) enormes Entwicklungspotenzial. Doch die Suche und Implementierung der passenden KI-Komponenten auch über Branchengrenzen hinweg stellt gerade KMU oft vor große Herausforderungen. Eine neue Apply-it-Yourself-Plattform namens AI2Ynet soll Abhilfe schaffen. Was bisher geplant ist, erklären Dr. Jan Sürmeli (wissenschaftlicher Leiter des Projektes) und Dr. Olga Levina vom FZI Forschungszentrum Informatik.

Nur ein Viertel der deutschen Unternehmen hat KI bereits in Geschäftsprozesse integriert – europaweit ist der Anteil mit 31 Prozent höher.[1] Raum für eine optimistische Zukunftsperspektive gibt es trotzdem: Denn 45 Prozent der gleichen Gruppe sieht KI als sehr wichtige oder sogar die wichtigste Priorität in ihrer Digitalstrategie.[2] Doch sind es noch vor allem die großen Unternehmen und IT-Konzerne, die vom aktuellen KI-Boom profitieren. Mit AI2Ynet, einer Plattform für KI-Technologien soll sich das ändern. Das Gemeinschaftsprojekt von FZI Forschungszentrum Informatik, das European Center for Information and Communication Technologies (EICT) und Gesellschaft für Informatik e.V. will gerade die für die deutsche Wirtschaft so wichtigen KMU an das Innovationsfeld KI heranführen.

Ein Blick auf den Mittelstand: KI bedeutet Risiko

Der Mittelstand ist in Deutschland eher schüchtern, wenn es um den Einsatz von KI geht.[3]  Die Gründe dafür sind vielfältig: Beim Thema KI fehlt es vielen Mittelständlern hauptsächlich an eigenen Entwicklungs- und Umsetzungskapazitäten, strategischen Technologiepartnern oder am Zugang zu den notwendigen Daten-Pools. Für KMU ist der direkte KI-Einstieg häufig mit hohem Aufwand und großem Risiko verbunden. Der Einsatz von KI birgt jedoch Potentiale in zahlreichen Unternehmensbereichen, die, wenn sie nicht ausgeschöpft werden, die Innovationsfähigkeit und Umsatzpotentiale der KMU reduzieren können.

Ein möglicher Lösungsansatz wäre es, eine Allianz aus mehreren KMU zu schaffen, die sich gegenseitig mit der jeweiligen Perspektive und Erfahrung bei der Implementierung der neuen Technologien überstützen.

KI-Innovationstransfer zwischen KMU ermöglichen

In diesem Zusammenhang arbeiten wir, das FZI Forschungszentrum Informatik, die Gesellschaft für Informatik (GI) und das European Center for Information and Communication Technologies (EICT) zurzeit an einer Lösung: die geplante Plattform AI2Ynet. Das Ziel des Projektes ist, eine branchen- und domänenübergreifende Plattform zur gemeinsamen Bereitstellung und Nutzung von KI-Algorithmen, Datenquellen und Schnittstellen als zentrale Anlaufstelle und vertrauenswürdige Vernetzungsmöglichkeit insbesondere von KMU zu entwickeln und aufzubauen. Der Transfer von KI – und schließlich von Innovation – ist die Kernmechanik, die wir mit der Plattform AI2Ynet als Motor für den Mittelstand durchsetzen wollen.

KI-Innovation? Ein tauschbares Gut

Ein Beispiel für eine praxisnahe KI ist die Suche nach Abkürzungen innerhalb von Geschäftsprozessen. Das Wissen darüber, welche Komponenten an welche Systeme angeschlossen werden müssen und welche Abläufe sich besonders für den Einsatz dieser Technologie sich eigenen, können auf der Plattform zur wertvollen Ware werden. In dieser Idee des Transfers von einen Erfahrungen auf andere Anwendungsgebiete liegen geschäftliche Entwicklungspotenziale für die unterschiedlichsten Unternehmen – und eben nicht nur für innovationsbedürftige KMU.

KI-Methoden und –Anwendungen können z.B. für die Optimierung einzelner Produkte, Dienstleistungen, Prozesse oder die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle verwendet werden. So entsteht eine KI-Innovation, die neben der Vermarktung der so entstandenen Produkte, ein Innovationstransfer als Verwertungsstrategie anbietet.

So nimmt sich das Projekt AI2Ynet ein zweifaches Ziel vor:

  1. Für KMU mit Innovationsbedarf: Diese auf einem frei zugänglichen Marktplatz an die Technologie heranführen – ihnen also den Zugang zu einem vielfältigen Angebot an KI-Gütern zu verschaffen. In einem zweiten Schritt sie durch Wissenstransfer bei der Innovation unterstützen.
  2. Für Vorreiter der KI: Diese befähigen, ihre Innovation ganz oder teilweise zu anderen KMU zu transferieren, um daraus weiteren Wert zu schöpfen.

Warum eine Ökosystem-übergreifende Plattform?

Wenn sich technologische Anforderungen und mögliche Lösungsansätze der einzelnen Ökosysteme trotz unterschiedlicher Anwendungsbereiche ähneln, kann durch einen verbesserten Austausch beiderseitiger Mehrwert generiert werden. Dem Innovationstransfer über Ökosystem-Grenzen hinweg stehen weniger Zielkonflikte im Wege: KMU fokussieren sich im Gegensatz zu Konzernen zumeist auf ein einzelnes Ökosystem und stehen selten in Konkurrenz mit KMU aus anderen Ökosystemen. Ökosysteme unterscheiden sich durch ihre jeweiligen soziokulturellen, technologischen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen. Dem großen Wertschöpfungspotenzial eines Ökosystem-übergreifenden Transfers steht daher auch ein hoher technisch-organisatorischer Aufwand entgegen. Neben den aus unterschiedlichen Rahmenbedingungen resultierenden Herausforderungen fehlt es häufig an technischen, organisatorischen und vertraglichen Standards für den Austausch digitaler Innovationen. Das durch strukturelle Unterschiede gegebene Ungleichgewicht zwischen KMU und global agierenden Konzernen soll durch dieses Projekt erheblich abgemildert werden, was zu einem „Level Playing Field“[4]beiträgt.

AI2Ynet – die Plattform  

Basis der Plattform ist ein Netzwerk von Unternehmen und anderen Institutionen, die am Ökosystem-übergreifenden KI-Innovationstransfer teilnehmen möchten. Ein zentraler Erfolgsfaktor eines solchen Marktplatzes für KI-Innovationen ist die erfolgreiche Vermittlung von Innovatoren und Innovationsempfängern durch eine zentrale Anlaufstelle. KI-Innovationen sind in den wenigsten Fällen direkt „plug-and-play“ übertragbar, sondern müssen in der Regel für den neuen Anwendungsfall aufbereitet und an die neuen Rahmenbedingungen angepasst werden. Zur Aufgabe des Marktplatzes gehört daher auch eine Vermittlung von Realisierungspartnern, die einen Transfer unterstützen können, und deren Expertise zum Beispiel durch Domänenwissen oder KI-Erfahrung geprägt ist.

Innerhalb des neu entstandenen Ökosystem „AI2Ynet“ können Unternehmen die folgenden Rollen annehmen:

  1. ANWENDER: Interessierte Anwender können in der Plattform nach Zielen (z.B. Optimierung bestimmter Prozesse, Entwicklung von Geschäftsmodellen), Methoden und Ergebnissen/Erfolgsfaktoren suchen und Vorschläge für mögliche konkrete Module, Anwendungen oder Dienstleistungen erhalten.
  2. INNOVATOREN: KI-Innovatoren können die von ihnen angebotenen Transferleistungen „inserieren“: Neben Testdaten, vortrainierten Modellen oder Algorithmen sind auch Erfahrungsberichte, Vorgehensmodelle, White Papers oder Beratungsleistungen wichtige KI-Enabler für KMU.
  3. REALISIERUNGSPARTNER: Realisierungspartner (Beratungen, Technologiepartner, aber auch spezifische Plattformen und Netzwerke wie IDS, Fiware etc.) können ihre Kenntnisse und Fähigkeiten auf der Plattform bewerben, um die Anwender bei der Integration der gefundenen Komponente zu unterstützen bzw. erst einmal die Potentiale einer KI-Anwendung im konkreten Fall abzuschätzen.

 

Über das Projekt

Mit dem Projekt „AI2Ynet“ bewerben sich das FZI Forschungszentrum Informatik, die Gesellschaft für Informatik e.V., das European Center for Information and Communication Technologies (EICT) und weitere Partner für den KI-Wettbewerb 2019 des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

In der Konzeptionsphase bis August können Sie die inhaltliche Ausrichtung der Plattform im Rahmen unserer Workshops aktiv gestalten. Verpassen Sie nicht den nächsten Termin in Ihre Nähe: Auf AI2Y.net bekommen Sie einen Überblick über die kommenden Veranstaltungen.


[1] Vgl. https://www.ey.com/de/de/newsroom/news-releases/ey-20190517-kuenstliche-intelligenz-hat-fuer-deutsche-unternehmen-hohe-prioritaet

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Vgl. auch https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Digitale-Welt/weissbuch-digitale-plattformen.html, S. 42.

 

Über die Autoren

Dr. Jan Sürmeli forscht am FZI Forschungszentrum Informatik an dezentral organisierten Plattformen, digitaler Souveränität und sicherer digitaler Identitäten. Dort leitet er das Projekt AI2Ynet im Innovationswettbewerb „Künstliche Intelligenz als Treiber volkswirtschaftlich relevanter Ökosysteme“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Er ist Autor zahlreicher Beiträge (u.a. in Information Systems, Theoretical Computer Science, Wirtschaftsinformatik & Management, Automobiltechnische Zeitschrift) und begutachtete solche (u.a. für Information Systems, Software Tools for Technology Transfer, Service-Oriented Systems Engineering).

Dr. Olga Levina beschäftigt sich am FZI Forschungszentrum Informatik mit der Entwicklung und Governance von digitalen Plattformen in den Kontexten der Energie und Mobilität. Aktuell forscht sie zudem an Fragestellungen der Ethik im Rahmen der Digitalisierung. Sie ist Autorin und Gutachterin von zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen in internationalen Zeitschriften (Computers in Human Behavior, BISE, u.a.) und Konferenzbänden (ECIS, AMCIS, u.a.).