Interview

Interview mit Prof. Dr. Ulrike Lucke

Die Gesellschaft für Informatik hat ihre Ursprünge in der Wissenschaft. 1969 wurde sie mit Unterstützung des damaligen Bundesministeriums für wissenschaftliche Forschung gegründet. Auch heute sind die in der Wissenschaft tätigen Mitglieder stark in der GI vertreten. Wir sprachen mit Prof. Dr. Ulrike Lucke von der Universität Potsdam, die sich u.a. im erweiterten Vorstand in die GI einbringt und den Präsidiumsarbeitskreis „E-Science“ leitet, über ihr Engagement in der GI, die Zusammenarbeit im erweiterten Vorstand und die Rolle der GI in Wissenschaft und Forschung.

Liebe Frau Lucke, welche Rolle spielt die GI für Wissenschaft
und Forschung?

Die Gesellschaft für Informatik ist für mich die zentrale Plattform zum fachlichen Austausch auf nationaler Ebene. Ich habe den Weg in die GI über meine Forschungsaktivitäten im Bereich E-Learning gefunden, aber dann auch außerhalb dieser Fachgruppe den Mehrwert einer Fachgesellschaft in der Breite erkannt. Unsere Forschung findet nicht nur innerhalb unserer Heimateinrichtungen statt, sondern zumeist in Verbünden mit verteilter Expertise. Ich finde es daher wichtig und wertvoll, mich auch jenseits des eigenen Tellerrandes auszutauschen und zu vernetzen. Dadurch kann ich mich fachlich weiterentwickeln. Ein gutes Beispiel dafür ist der Präsidiumsarbeitskreis „E-Science“. Hier kann ich meinen Background zu Bildungstechnologien einbringen, um gemeinsam mit anderen den systematischen Einsatz digitaler Technologien auch in der Forschung zu befördern. Diese Transformation in allen Wissenschaftszweigen können wir mit unseren spezifischen Fachkompetenzen nicht nur begleiten, sondern sollten ihn auch ein Stück weit leiten. Die GI als glaubwürdiger und unabhängiger Vertreter der Informatik sollte in meinen Augen eine Schlüsselrolle bei der Weiterentwicklung von E-Science übernehmen.

 

Wo kann die GI sich hinsichtlich Wissenschaft und Forschung
noch stärker einbringen?

Wie gesagt, als Stimme der Informatik sind wir in der Politik – insbesondere in Fragen von Bildung und Forschung – schon sehr gefragt. An manchen Stellen können wir aber noch selbstbewusster auftreten oder unsere Sicht auf aktuelle Themen der Gesellschaft klarer artikulieren. Hier sind letztlich alle Mitglieder gefragt: Nutzen Sie die Fachgruppen, Arbeitskreise und Ausschüsse, um Positionen zu formulieren! Das muss natürlich in Abstimmung mit den anderen Expertinnen und Experten in Ihrem Gremium passieren. Zudem ist die GI auch eine ideale Basis, um sich institutionsübergreifend um Forschungsgelder zu bemühen. Dafür nutze ich die verschiedenen GI-Fachtagungen. Auch in der Geschäftsstelle arbeiten kompetente Ansprechpartner, die gerne bereit sind, diese Prozesse zu unterstützen.

 

Wie kann die GI Einfluss auf Wissenschaft und Forschung nehmen?
Die GI bildet eine Fachgesellschaft für Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese Themen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Deshalb sind wir gefragte Gesprächspartner für Politik, Medien und Wirtschaft: zunächst einmal die Organisation insgesamt, aber vor allem die einzelnen Expertinnen und Experten in den Gliederungen, die sich aktiv einbringen. So können wir das Bild unseres Faches in der Gesellschaft mitbestimmen. Indirekt gestalten wir damit auch dessen weitere Entwicklung mit, z.B. über kommende Förderprogramme. Ein gutes Beispiel dafür ist die Studie zur Regulierung algorithmischer Entscheidungssysteme, die Expertinnen und Experten aus der Fachgruppe „Rechtsinformatik“ derzeit für den Sachverständigenrat für Verbraucherfragen im Bundesjustizministerium erstellen. Auch unsere Beratungen der Monopolkommission zu preisalgorithmischen Entscheidungssystemen hinterlassen sichtbare Spuren. Im Technologieprogramm „Smart Data“ des Bundeswirtschaftsministeriums bringen wir Forschende verschiedener Disziplinen zusammen, um die Möglichkeiten und Grenzen von Big-Data-Technologien zu erörtern. Und mit unserer Data Literacy-Studie für den Stifterverband können wir sogar helfen, die Curricula anderer Fächer zum Umgang mit digitalen Technologien weiterzuentwickeln.

 

Wie sieht Ihre Arbeit im erweiterten Vorstand aus?
Der erweiterte Vorstand ist letztlich das Gremium, in dem die Arbeit des Präsidiums vorbereitet wird. Wir treffen uns vierteljährlich und besprechen die für die GI wichtigen Anliegen. Auch hier steht der Austausch im Vordergrund. So beschäftigen wir uns derzeit beispielsweise damit, wie wir die Services der GI für Ehrenamtliche verbessern können. Da ist in den letzten Jahren viel passiert; das sieht man an unserem Webauftritt und dem neuen Mitgliederbereich. Aber es gibt noch viel zu tun! Hier werden auch Projekte angestoßen wie beispielsweise der „Turing-Bus“. Zudem erarbeitet der erweiterte Vorstand Richtlinien für die GI-Arbeit, beruft die Geschäftsführung sowie unsere Fachvertretungen bei verwandten Vereinigungen und Fachgremien im In- und Ausland.