InterviewInformatik und Ausbildung

Interview mit Ira Diethelm: "Nicht jedes Internet-Buzzword muss Unterrichtsgegenstand werden"

Trotz der andauernden Diskussion um digitale Bildung und dem im Koalitionsvertrag nun festgeschriebenen Digitalpakt: Der Einsatz für mehr verpflichtende informatische Bildung bleibt ein Kernanliegen der Gesellschaft für Informatik. Zu Recht, findet Prof. Ira Diethelm von der Universität Oldenburg, stellvertretende Sprecherin der Fachgruppe “Didaktik der Informatik”.

Deep Fakes, Dark Data oder Quantum Computing: In den Medien prasseln ständig neue Buzzwords auf uns herab. Wie kann man Schülerinnen und Schüler in einem so behäbigen System wie dem der Bildung eigentlich auf eine schnelllebige Zeit wie diese vorbereiten?

Natürlich sollten in der Schule immer auch aktuelle Phänomene unserer digitalen und vernetzen Welt eine Rolle spielen. Trotzdem kann und muss nicht jedes Internet-Buzzword zum Unterrichtsgegenstand werden. Wichtiger ist es, Schülerinnen und Schülern das Rüstzeug an die Hand zu geben, sich selbst neue Inhalte zu erschließen. Neben der Förderung von Persönlichkeitseigenschaften wie Neugierde oder Kreativität sind informatische Grundkenntnisse dafür entscheidend. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns als zuständige Fachgesellschaft mit der Frage auseinandersetzen, welche informatischen Inhalte verpflichtend in den Unterricht gehören. Gerade sind wir als GI dabei Kompetenzen für die informatische Bildung im Primarbereich zu erarbeiten, vor 10 Jahren haben wir bereits Empfehlungen für die Sekundarstufe I veröffentlicht.
 

Warum sind Grundkenntnisse der Informatik in der heutigen Zeit so entscheidend?

Wenn heute ein Auto an Ihnen vorbeifährt, dann können Sie anhand grundlegender Prinzipien der Physik und Chemie, die Sie in der Schule gelernt haben, nachvollziehen, warum es das tut. Sie könnten sehr wahrscheinlich selbst keines bauen, aber die in der Schule vermittelten Grundlagen ermöglichen Ihnen ein Verständnis dafür, wie in einem Motor die chemische Energie eines Kraftstoffs durch Verbrennung in mechanische Arbeit umgewandelt wird und was das mit CO2 zu tun hat. Sie verstehen also das Funktionsprinzip und die Auswirkungen des Autos. In ein paar Jahren wird in dem Auto vielleicht kein Fahrer mehr sitzen, weil es dann autonom fährt. Ohne informatische Grundlagen werden Sie einen wesentlichen Aspekt dieses dann alltäglichen Phänomens nicht nachvollziehen können. Deswegen befinden wir uns gesellschaftlich an einem kritischen Punkt. Wenn Menschen die zunehmende Vernetzung, Automatisierung und Digitalisierung der Welt nicht mehr in ihren Grundzügen nachvollziehen können, entstehen Missverständnisse, Aberglaube und Ängste. Aber gerade in einer Zeit enormer technologiegetriebener Transformationen, die ganze Industrien und Arbeitsmärkte umwälzen und gleichzeitig auch einen kulturellen Wandel befördern, brauchen wir mündige Bürgerinnen und Bürger, die verstehen, was um sie herum passiert.

Sie sprechen sich, wie viele in der GI, für ein Pflichtfach Informatik aus. Warum können die notwendigen informatischen Grundkenntnisse nicht in andere Fächer integriert werden?

Das ist seit 30 Jahren ein weit verbreiteter, weil kostengünstiger Wunsch, die praktische Umsetzung gelingt aber nirgends. Großbritannien beispielsweise hat deshalb das Pflichtfach Computing ab der Grundschule eingeführt, das informatische Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt. Auch die Schweiz, Estland, Finnland und viele andere Länder haben in den letzten Jahren verpflichtenden Informatikunterricht eingeführt. Und es gibt gute Gründe dafür. Denn wie das Internet der Dinge funktioniert, was Big Data bedeutet oder welche Implikationen beides etwa für den Datenschutz hat, vermittelt man Schülerinnen und Schülern nicht nebenbei. Informatik ist die Bezugswissenschaft der Digitalisierung. Zu ihrem Verständnis braucht es somit tiefergehende informatische Kompetenzen, die etwa den Vorgaben der Kultusministerkonferenz zur Lehrerbildung im Fach Informatik entsprechen. Bei einem fächerintegrierten Ansatz müssten also alle Lehrkräfte den Informatikteil eines Lehramtsstudiums nachholen, zumal diese ja selbst in der Schule höchstwahrscheinlich nie eine Stunde Informatik hatten. Stellen Sie sich einen Spanisch-Lehrer vor, der selbst nur ein paar Brocken Urlaubs-Spanisch spricht. Wie soll man da ohne entsprechende Ausbildung in der Sache und deren Didaktik Qualität erzielen? Dass nur wenige Lehrkräfte willens oder in der Lage sind, diese Ausbildung nachzuholen, hat die Vergangenheit gezeigt. Auch organisatorisch und finanziell wäre eine so tiefgehende Weiterbildung in der Breite wohl kaum zu leisten. Hinzu kommt: Wer andere Fächer darum bittet, neue Lerninhalte aufzunehmen, muss auch eine Antwort auf die Frage geben können, welche alten dafür wegfallen sollen. Dieser Diskurs über die Fächergrenzen hinweg ist, gelinde gesagt,
nicht unproblematisch.

Und wo kommen die notwendigen Informatik-Lehrerinnen und -Lehrer her, die es für ein Pflichtfach braucht?

Natürlich wird es vorübergehend ohne die Nachqualifizierung von Lehrkräften nicht gehen. Denn auch in den Lehrberufen sind Informatikerinnen und Informatiker Mangelware. Deswegen kann die Übergangsphase zum Pflichtfach auch mal holprig verlaufen. Weil es zunächst an Lehrkräften mangelte, musste man in Baden-Württemberg beispielsweise die Umsetzung eines Pflichtfaches zunächst auf die Gymnasien begrenzen. Entscheidend wird sein, welche Rahmenbedingungen die Politik schafft und welche Aufwertung das Fach darüber erfährt. Denn warum sollte jemand Informatik auf Lehramt studieren, wenn sie in so vielen Bundesländern in der Schule kaum eine Rolle spielt? Wenn aber wie in Bayern gleichzeitig mit dem Beschluss zur Einführung des Faches ein umfangreiches Konzept zur Weiterqualifizierung der Lehrkräfte auf den Weg gebracht wird, kann es klappen.

Wie kann die GI dazu beitragen, dass sich das ändert?

Als größte Interessenvertretung von Informatikerinnen und Informatikern im deutschsprachigen Raum müssen wir uns in gesellschaftlich relevante Diskurse einbringen – egal ob Datenschutz, IT Sicherheit oder eben informatische Bildung. Es ist zwar manchmal müßig, in der Politik Gehör zu finden. Trotzdem ist es durchaus möglich, Erfolge zu erzielen. In Schleswig-Holstein haben die Regierungsparteien im Landtag beispielsweise jüngst einen Antrag eingebracht, der Informatik wie in vielen anderen Bundesländern auch offiziell als Mangelfach anerkennt. Dadurch wird es für Informatik-Lehrerinnen und -Lehrer zukünftig leichter, einen Platz an einer Schule zu bekommen. Darüber hinaus soll Informatik dort zukünftig wieder in der Profiloberstufe und als Abiturfach angeboten werden können. Dieser Antrag geht maßgeblich auf die engagierte Überzeugungsarbeit von GI-Mitgliedern vor Ort zurück und wäre ohne sie nicht auf die politische Agenda gekommen. Natürlich ist es in Schleswig-Holstein und vielen anderen Bundesländern noch ein langer Weg – die ersten Schritte weisen aber bereits in die richtige Richtung. Auch bei der Vernetzung von engagierten Lehrerinnen und Lehrern kann die GI unterstützen. In fast allen Bundesländern gibt es eigene GI-Fachgruppen für Informatik-Lehrkräfte. Dort treffen sich jedes Jahr die Mitglieder und andere Interessierte zu Fachtagungen, bilden sich fort und vernetzen sich vor Ort und über Mailinglisten. Gerade die Vernetzung und der Austausch mit anderen ist eine wichtige Unterstützung der Informatik-Lehrkräfte.