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Informatische Bildung in der Grundschule wagen - Ein Plädoyer

Ende Januar verabschiedete das GI-Präsidium die neuen Empfehlungen der Gesellschaft für Informatik (GI) „Kompetenzen für informatische Bildung im Primarbereich“. Damit sind alle Schulstufen des allgemeinbildenden Schulsystems durch Kompetenzempfehlungen für Informatik abgedeckt.

Kinder wachsen in einer Welt auf, die von den neuesten Errungenschaften der Informatik geprägt ist. Dazu zählen nicht nur Smartphones, sondern auch Spielzeugroboter mit programmierbaren Sensoren und Aktoren sowie Puppen, die „nach Hause“ telefonieren. Kinder kommen also schon früh mit informatischen Strukturen und Prozessen in Kontakt; nur ist für sie der Bezug zur Informatik nicht unmittelbar erkennbar. Diese Lücke kann schon im Primarbereich geschlossen werden. Ein grundlegendes Verständnis von Konzepten aus der Informatik fördert das logische und strukturierte Denken und hilft beim Verknüpfen von Informationen – Kompetenzen, die fachübergreifend wichtig sind.

Es gilt – verantwortungsvoll – informatische Bildung als Bestandteil einer allgemeinen Bildung zu etablieren, damit Kinder einen Zugang zur Informatik finden sowie Informatik bewusst erleben und mitgestalten können.

In den vom GI-Präsidium verabschiedeten GI-Empfehlungen sind die Anforderungen an informatische Bildung für den Primarbereich bis zum Ende der Grundschule (4. Klasse) beschrieben. Diese ergänzen die Empfehlungen der GI für die Sekundarstufe I (2008) und Sekundarstufe II (2016) zu einem durchgängigen Konzept für die informatische Bildung in Deutschland.

Die Empfehlungen erstrecken sich auf Kompetenzen in jeweils fünf Prozess- und Inhaltsbereichen. Die folgenden Prozessbereiche werden abgedeckt: Modellieren und Implementieren, Begründen und Bewerten, Strukturieren und Vernetzen, Kommunizieren und Kooperieren sowie Darstellen und Interpretieren. Die folgenden Inhaltsbereiche werden abgedeckt: Information und Daten, Algorithmen, Sprachen und Automaten, Informatiksysteme sowie Informatik, Mensch und Gesellschaft.

Das in allen Teilen als Empfehlungen vom Präsidium verabschiedete Konzept gilt es durch wirksame Maßnahmen ab der Schuleingangsphase der Grundschule umzusetzen. Dazu existieren bereits zahlreiche Vorschläge für eine altersgerechte Einbettung in den Primarbereich. Didaktisch gestaltete Fachkonzepte zur Erläuterung „informatischer Phänomene“ müssen allerdings noch weiterentwickelt, erprobt und für die Grundschulen bereitgestellt werden.

Das Feld der informatischen Bildung im Primarbereich weist drei Besonderheiten auf, die berücksichtigt werden müssen:

  • Erstens gilt in der Grundschule das Prinzip, dass eine Lehrerin bzw. ein Lehrer möglichst viele Unterrichtsstunden in derselben Lerngruppe – also im Klassenverband – arbeitet. Das heißt, Lehrende sind in mehreren Fächern ausgebildet, aber in der Regel nicht in Informatik. Das hat zur Konsequenz, dass für den Informatikunterricht besonders gut vorbereitete (und möglichst bereits erprobte) Materialien bereitzustellen sind.
  • Zweitens haben die Grundschulen bereits viele Kompetenzen auszubilden. Es ist gut nachvollziehbar, dass die Lehrenden zurückhaltend auf Änderungen reagieren. Zudem wird Informatik von den Lehrpersonen oft mit medialer Bildung gleichgesetzt. Erste Erfahrungen (Erprobungen und Seminare) zeigen jedoch ein „aufbaubares“ Interesse und Kreativität hinsichtlich der Umsetzung im Unterricht – auch ohne Informatiksysteme.
  • Drittens ist Informatik in der Grundschule in Deutschland bisher kein eigenes Fach. Die fachdidaktische und politische Diskussion zum Ort einer informatischen Bildung ist daher weiter zu führen.

Letztlich steht und fällt alles mit der Kompetenz der Lehrenden, denn die Lehrkräfte sind der Schlüssel zur Ermöglichung informatischer Bildung. Soll Informatik in der Grundschule stattfinden, gilt es verschiedene Wege zu finden, wie Lehrkräften qualifiziert Möglichkeiten eröffnet werden, sich für den Unterricht in Informatik fortzubilden und diesen in ihrer Schule umzusetzen. Erste Beispiele zur Umsetzung finden sich auf den Seiten der WWU Münster (Webseite). Um Lehrenden den Zugang zu den behandelten Informatikkonzepten zu erleichtern, werden die GI-Empfehlungen durch ein Glossar abgerundet (GI-Empfehlungen, Seite 19 ff.).

Es ist festzustellen, dass das Interesse für Informatik bei den Studierenden des Lehramts für die Grundschule sehr groß ist. Es ist daher dringend angezeigt, dafür zu sorgen, dass bereits Studierende verpflichtende Elemente der Informatik kennenlernen dürfen und damit ihre Selbstkompetenz auf einer fachlich validen Basis entwickeln können.

Informatik trägt wesentlich zur Allgemeinbildung in einer digitalisierten Gesellschaft bei und muss bereits in der Grundschule einen Ort finden, um Informatik für Kinder als kreativen Gestaltungsbereich des Problemlösens zugänglich zu machen – und einer Genderkluft entgegenzuwirken. Die GI kann und wird sich in diesen Prozess weiter aktiv einbringen, um Deutschland fit für eine informatisch geprägte Zukunft zu machen.

Der Artikel ist zuerst erschienen im GI-Radar 233 (22. Februar 2019).

 

Über die Autoren:

 

Prof. Dr. Ludger Humbert  ist Informatiker (Abschluss 1. Studium 1976), Informatiklehrer (Gesamtschule), Fachleiter für Informatik (ZfsL Hamm) und Informatikfachdidaktiker (Bergische Universität Wuppertal). Im Fachgebiet Didaktik der Informatik arbeitet er mit zur Zeit drei Wissenschaftler*innen sowie zwei beauftragten Grundschullehrkräften zusammen, die das Projekt Informatik an Grundschulen durchführen.

Prof. Dr. Marco Thomas  hat die Professur Didiaktitk der Informatik am Institut für Didaktik der Mathematik und Informatik am Fachbereich Mathematik und Informatik der Universität Münster inne. Er ist Gründungsmitglied der GI-Fachgruppe FIBBB, ehemaliger MNU-Landesbeisitzer für das Fach Informatik in Brandenburg und leitete von 1998 bis 2003 das Team der deutschen Mannschaft für Internationale und zentraleuropäische Olympiaden der Informatik.

Kathrin Haselmeier  ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Didaktik der Informatik an der Universität Wuppertal

Alexander Best  ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Didaktik der Mathematik und der Informatik (Arbeitsbereich Didaktik der Informatik, AG Prof. Thomas) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Rita Freudenberg  ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Simulation und Graphik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.