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Informatiker – die Bankster von morgen?

Warum mein Berufsstand langsam anfangen sollte, sich für die Außenwelt zu interessieren, die ihm Pizza und Cola zahlt, und warum ein hippokratischer Eid für die Informatik benötigt wird.

Es gab einmal eine Berufsgruppe gefragter Experten, die hohe Gehälter kassierte und komplexe Produkte baute, die die Außenwelt nicht mehr verstand (sie selbst oft auch nicht, aber die Produkte verkauften sich ja). Diesen Experten war das egal, denn sie hatten ihre komfortable Subkultur mit ihrem eigenen Spezialjargon. Sie lösten eine Menge Probleme, die für sie in ihrer kleinen Welt bedeutend waren, hatten aber das Ganze aus dem Blick verloren. So veränderten sie die Gesellschaft global und in massiver Art und Weise, und stürzten am Schluss sogar viele ihrer Mitmenschen in prekäre Verhältnisse.

Die Rede ist, sehr generalisierend, von einer Gruppe von Bankern, die mit der Finanz- und der Immobilienkrise nicht nur für enorme gesellschaftliche Verwerfungen gesorgt haben, sondern auch den aufrichtigen und wohlmeinenden Rest ihres Berufsstands mit einem gesellschaftlichen Stigma versehen haben, das heute noch nicht ganz wieder abgeschüttelt ist. Sehr plastisch sind noch Bilder von Demonstrationen an der Wall Street in Erinnerung, die unter anderem auch die sehr explizite wie unangenehme Aufforderung Jump, you fuckers! auf den Schildern trugen.

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich glaube, dass eine weitere Berufsgruppe gerade auf dem Weg ist, die gleichen Fehler zu machen. Es handelt sich um die Informatiker – meine eigene Profession.

Eine Bestandsaufnahme: Experten für Künstliche Intelligenz (KI) werden derzeit von den großen Internetkonzernen für sechsstellige Einstiegsgehälter eingekauft. Jahreseinkommen über 200.000 Dollar sind realistisch erreichbar. Auch der Bundestag hat die Wichtigkeit des Themas erkannt und eine Enquete-Kommission zur Künstlichen Intelligenz eingesetzt. Im Silicon Valley und andernorts kaufen sich die technikoptimistischen Individuen von ihrem Einkommen schicke Eigenheime, freuen sich ihres Daseins und gentrifizieren nebenbei ganze, vorher bezahlbare Wohngegenden. Außer den Experten versteht niemand, wie KI funktioniert, und ganz so genau wissen es die Experten eigentlich auch nicht – sie funktioniert eben, gute Daten vorausgesetzt. Auch Informatik-nahe Startups kümmern sich heute um die bedeutenden Fragen in ihrem Mikrokosmos, etwa um Smartphone-basierte Aufsammeldienste für Hundehaufen. Dass 20 Prozent der Weltbevölkerung nicht nur kein Internet, sondern auch oft noch keine zuverlässige Stromversorgung oder sauberes Trinkwasser haben, spielt bei der Selbstverliebtheit ihrer Lösungen keine Rolle. Und ob es ein gesellschaftlich wünschenswerter Fortschritt ist, dass es nun Jobs wie Uber-Fahrer, Amazon-Paketbote oder Suchmaschinenoptimierer gibt, bleibt zu bezweifeln. Überhaupt ist es bedenklich, dass brillante Talente, Kollegen meines Berufsstands, sich die hohe Kunst der Informatik aneignen, nur um danach Werbung möglichst effektiv, zielgruppengerecht und sublim an ihre Mitmenschen zu bringen. War es das wert?

Bis jetzt läuft auch noch alles sehr gut für die Informatiker – die Jobs sind sicher und das Einkommen üppig. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie in unserem Falle der große Knall aussehen würde. Auch hier würde ein kleiner Teil der Berufsgruppe dem Ansehen aller irreversiblen Schaden zufügen – das gilt es unbedingt zu verhindern!

Die Informatiker haben aber im Gegensatz zu den Bankern diese Chance noch. Ich glaube, es ist wichtig, eine Rückbesinnung auf die Wurzeln durchzuführen: Die Technik muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Sie darf auch nicht Selbstzweck sein. Das Primat der Politik, bzw. der Gesellschaft ist entscheidend. Und wir müssen an das Problem heran, dass die (vor allem US-dominierte) Wirtschaft mit Riesenschritten davon zieht, und selbst Universitäten gegenüber den mächtigen Konzernen ihre Deutungshoheit über das Fach verloren haben, etwa im Falle von Google: Was dieser Konzern anpackt, wird de facto Standard – auch und gerade im Falle von KI.

Wir Informatiker sind ja traditionell überwiegend nicht gewerkschaftlich organisiert – der wirtschaftliche Erfolg hat das nie zwingend nahegelegt. Wir sollten aber wenigstens bei gesellschaftlichen Fragestellungen weg vom Einzelkämpfertum, und hin zu einer Plattform, auf der eine Debatte innerhalb der Profession und mit den Leuten da draußen stattfinden kann.

So hat die Gesellschaft für Informatik vor kurzem eine auf die heutige Zeit angepasste Version ihrer ethischen Leitlinien veröffentlicht, die sich in ihren Wurzeln auf bedeutende Werke wie das deutsche Grundgesetz und die Charta der Grundrechte der Europäischen Union stützt. Ethische Leitlinien können sehr hilfreich sein, sie müssen aber gelebt und in einen gesellschaftlichen Diskurs eingebettet werden, und die Informatiker sollten sich mit ihnen dauerhaft, auch kritisch, auseinandersetzen. Ich persönlich finde auch, dass jeder Absolvent der Informatik oder eines verwandten Studiengangs heute bei seiner Ehrung nicht nur seine Urkunde als Bachelor, Master oder Doktor der Datenwissenschaft erhalten sollte – in der Mappe mit dem Diplom sollte eine Ausgabe der ethischen Leitlinien beigelegt sein. Andere Professionen machen so etwas traditionell schon seit Jahrhunderten: So gibt es bei Bauingenieuren den Ring, der dem Ingenieur später die Hand führen soll, es gibt den hippokratischen Eid der Mediziner, warum nicht also auch eine ähnliche Selbstverpflichtung in unserer Zunft?

Der Diskurs über die transformierende Kraft der Informatik hat in Deutschland übrigens, nun auch endlich begonnen – wenn auch schmerzhaft spät. Das kann man etwa beobachten an der Einsetzung der Enquete-Kommission für Künstliche Intelligenz, der Digitalstrategie, dem Digitalrat, der Digitalethik-Kommission, dem jährlichen Digitalgipfel und weiteren Initiativen. In vielen dieser Gremien sind bereits kompetente und auch kritisch denkende Informatiker vertreten, die die Diskussion mit korrekten Fakten unterfüttern – das macht Hoffnung.

All diese Teilinitiativen müssen aber auf ein gemeinsames Ganzes hinwirken, denn das passiert derzeit noch nicht. Es wäre schade, wenn die viele eingesetzte Energie und Brillanz der Beteiligten in einer Kakophonie verpuffen würde. Gemeinsam zu erarbeiten, was KI-Methoden für die deutsche Gesellschaft bringen, ist wichtig. Die Antworten, die wir generieren, werden andere sein als etwa bei
den Amerikanern. Das können und sollten wir schaffen – auf dass einmal niemand Transparente mit unseren Namen durch die Gegend trägt.

Der Beitrag ist in leicht veränderter Form bereits in der Süddeutschen Zeitung, im Redaktionsnetzwerk Deutschland und unter anderem in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, erschienen.

Zum Autor
Alexander von Gernler ist Leiter der Forschungs und Entwicklungsabteilung der genua GmbH. 2014 wurde er zum GI-Junior-Fellow ernannt. Seit 2017 ist er darüber hinaus Vizepräsident der Gesellschaft für Informatik e. V. (GI).