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Anwendungswissen für Informatiker entscheidend

Im Interview mit dem Magazin audimax IT erläutert Prof. Dr.-Ing. Peter Liggesmeyer, Präsident der Gesellschaft für Informatik e.V. und geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IESE, welche Trends er in der Softwareentwicklung in Deutschland sieht, welche Bedeutung Industrie 4.0 für den Standort hat, wie die Zukunft des Softwareentwicklermarktes aussieht und wie sich Informatikstudierende auf den Berufseinstieg vorbereiten können.

Welche Trends beobachten Sie im Bereich Softwareentwicklung in Deutschland?

Software ist mittlerweile allgegenwärtig. Heute arbeiten mehr als 90% aller hergestellten Mikroprozessoren nicht mehr in klassischen PCs, sondern sind in Alltagsgegenstände, Geräte und Maschinen integriert. Die von diesen Mikroprozessoren ausgeführten Programme, die die zahlreichen Funktionen eingebetteter Systeme realisieren, unterliegen sehr unterschiedlichen Anforderungen. Softwareentwicklung ist eine Querschnittsdisziplin, die über alle Bereiche hinweg Eigenschaften beeinflusst. Sie ändert Regeln und Wertschöpfungsmodelle. Es ist ausgesprochen wichtig für Informatiker die Schnittstellen zu anderen Disziplinen kompetent bedienen zu können und insbesondere eine ausreichende Expertise über den jeweiligen Anwendungsbereich zu besitzen. Systeme sind heute praktisch immer miteinander vernetzt, heterogen aufgebaut, offen zu ihrer Umgebung und oft auch dynamisch veränderlich. Daraus ergeben sich viele Herausforderungen, denen sich Informatiker in der Zukunft konsequent stellen müssen.

Welcher Trend wird uns noch längere Zeit begleiten und warum?

Das große Stichwort ist das Internet der Dinge und für den Standort Deutschland von zentraler Bedeutung: Industrie 4.0. Die Digitalisierung von Unternehmen wird sowohl vertikal von ERP-Systemen hinunter bis zum einzelnen Sensor einer Fertigungslinie als auch horizontal in der Vernetzung von Wertschöpfungsketten erfolgen. Die produzierenden Unternehmen in Deutschland, beispielsweise der Maschinen- und Anlagenbau oder die Automobilindustrie, haben erkannt, dass in der Digitalisierung eine enorme Chance liegt und deshalb werden von ihnen – aber auch von der Politik – enorme Anstrengungen unternommen, um in diesem Bereich weiterhin eine Spitzenposition einzunehmen. Das sind erstklassige Aussichten für Softwareentwickler.

Was wird uns im Softwareentwicklungsmarkt in den nächsten Jahren noch erwarten?

Eines der spannendsten Zukunftsfelder ist sicherlich die künstliche Intelligenz. Eigentlich geht es darum, dass Software entwickelt wird, die eine gewisse Lernfähigkeit besitzt: Das sogenannte Machine Learning umfasst dabei eine breite Palette von Algorithmen und Methoden, um die Leistungsfähigkeit von Software durch wachsende Datenmengen zu verbessern. Grundsätzlich geht es beim Machine Learning darum, aus den Daten bestimmte Entwicklungen abzulesen oder Systematiken wiederzuerkennen. Sobald die Software dann mit neuen Daten gefüttert wird, trifft sie passende Entscheidungen. Verbreitete Spielarten von Machine Learning sind beispielsweise künstliche neuronale Netze, Support Vector Machine und Deep Learning. Schwierig ist es aber, die korrekte Funktion von solchen Komponenten zu garantieren, was derzeit ihren Einsatz in kritischen Anwendungen behindert.

Wie können sich IT-Studenten bereits während des Studiums auf diese Entwicklungen vorbereiten?

Der wichtigste Tipp: Stay curious – bleibt neugierig. Ich rate meinen Studierenden immer, sich regelmäßig über aktuelle Trends zu informieren, die richtigen Fragen zu stellen und sich mit Experten auszutauschen. Sowohl innerhalb der Gesellschaft für Informatik als auch in meinem Fraunhofer-Institut bringen wir Studierende beispielsweise auf Fachveranstaltungen mit Experten zusammen, um gemeinsam aktuelle Themen zu diskutieren und wichtige Branchenkontakte herzustellen. Grundsätzlich ist Studierenden ein „Blick über den Tellerrand“ – d.h. auch in benachbarte Disziplinen - anzuraten.

Das Interview wurde im April 2017 geführt für das Magazin audimax IT.

Zu Person: Prof. Dr.-Ing. Peter Liggesmeyer

Prof. Dr.-Ing. Peter Liggesmeyer ist geschäftsführender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern und Inhaber des Lehrstuhls für Software Engineering: Dependability am Fachbereich Informatik der Technischen Universität Kaiserslautern. Seit 2014 ist er Präsident der Gesellschaft für Informatik e.V.