Meldung

Offener Brief zur Einführung des Pflichtfaches Informatik in Nordrhein-Westfalen

In einem offene Brief fordern die Präsidenten der Gesellschaft für Informatik e.V., des Bundesverbands Künstliche Intelligenz e.V., des Bundesverbands IT-Mittelstand e.V. sowie die Geschäftsführer des eco – Verband der Internetwirtschaft und von MINT Zukunft e.V. und der Vorsitzende des Beirats Junge Digitale Wirtschaft im BMWi die Einführung des Pflichtfaches Informatik in Nordrhein-Westfalen.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Laschet,

sehr geehrte Frau Ministerin Gebauer,

sehr geehrter Herr Minister Professor Pinkwart,

die fortschreitenden Prozesse der Automatisierung, Vernetzung und Digitalisierung transformieren unsere Welt tiefgreifend. Eine Tendenz, die unsere Gesellschaft schon heute vor große Herausforderungen stellt und die sich weiter beschleunigen wird. Dem gesellschaftlichen Bildungsauftrag entsprechend stehen wir alle in der Verantwortung dazu beizutragen, dass zukünftige Generationen an diesem veränderten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, kulturellen und politischen Leben teilhaben und es als mündige Bürgerinnen und Bürger mit gestalten können.

Unter www.informatiknrw.de fordern wir gemeinsam mit einem breiten Bündnis von Digitalexperten und -verbänden die Aufnahme von Informatik als Pflichtfach in die Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Gymnasien in Nordrhein-Westfalen. Bereits über 1.000 Einzelpersonen und Institutionen unterstützen diese Forderungen.

Morgen beschäftigt sich der Ausschuss für Schule und Bildung im nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf mit dem Entwurf der Vierten Verordnung zur Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Sekundarstufe I (APO-S I). Dieser sieht Informatik lediglich als Wahlfach im Gymnasium vor. Im Koalitionsvertrag hatte die Landesregierung angekündigt, den Informatikunterricht in allen Schulformen zu stärken und die Vermittlung von Fähigkeiten im Programmieren als elementaren Bestandteil im Bildungssystem verankern. Da das Unterrichtsfach Informatik in der neuen Stundentafel weiterhin reinen Wahlstatus hat, hätten die benötigten Informatikkompetenzen in den Kernlehrplänen von Pflichtfächern verankert werden müssen. Das ist jedoch nahezu nicht erfolgt. 

Die Stellungnahme [1] von Prof. Dr. Torsten Brinda, Sprecher des Fachbereichs „Didaktik der Informatik/Informatik und Ausbildung“ der Gesellschaft für Informatik, für die heutige Ausschusssitzung legt die diesbezüglichen Probleme des Konzepts der Sek. I ausführlich dar.

Eine verpasste Chance für die digitale Bildung in NRW

Als Interessensvertreter und Experten-Communities aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft im Bereich Digitalisierung sind wir der festen Überzeugung: Die von Ihnen vorgelegte Verordnung zur Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Sekundarstufe I wird diesem Anspruch nicht ausreichend gerecht! Trotz Ihrer Ankündigung, das Fach Informatik zu stärken, findet das bestenfalls in Ansätzen statt. Auch mit einem verbindlich anzubietenden Wahlpflichtfach Informatik an allen Gymnasien werden nicht alle Schülerinnen und Schüler erreicht. 

Andere Bundeländer machen es vor

Andere Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern haben bereits gezeigt: eine flächendeckende Einführung von Informatik als Pflichtfach ist mittelfristig umsetzbar. Das gilt auch für Nordrhein-Westfalen. Die Ausbildungsinfrastruktur ist hier besonders stark ausgebaut. Das Land verfügt über acht Universitäten, an denen Informatik-Fachdidaktik gelehrt wird – mehr als in allen anderen Bundesländern. Nutzen Sie diesen einmaligen Standortvorteil! Die Universitäten und Hochschulen verfügen auch über die Ressourcen, eine deutlich größere Zahl an Informatiklehrkräften auszubilden.

Eine einmalige Chance, die Digitale Bildung in NRW zu stärken

Durch die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren (G9) ergibt sich in Nordrhein-Westfalen derzeit die einmalige Gelegenheit, einen zukunftsweisenden Weg hin zu einer ganzheitlichen Digitalen Bildung zu beschreiten und Informatik als Pflichtfach flächendeckend in allen Schularten einzuführen. Die verlängerte Lernzeit ermöglicht die Einführung eines Pflichtfaches Informatik ohne Einschnitte in andere Schulfächer. Die Voraussetzungen dafür sind gut:

  • Bildungsstandards für ein Pflichtfach Informatik in der Sekundarstufe I wurden durch die Gesellschaft für Informatik bereits im Jahr 2008 formuliert und liegen vor.
  • In den Regierungsbezirken Düsseldorf und Köln findet an 80 Gymnasien aktuell ein Modellvorhaben mit verpflichtendem Informatikunterricht in der Orientierungsstufe (Klasse 5 und 6) statt, auf dessen Erfahrungen zurückgegriffen werden kann.
  • Das Pilotprojekt „Informatik an Grundschulen“ des Bildungsministeriums in Kooperation mit den Universitäten Wuppertal, Aachen und Paderborn lieferte bereits wertvolle Hinweise zur altersgerechten Vermittlung von Informatikkompetenzen in der Grundschule.
  • Erfahrene Lehrkräfte, die Informatik seit Jahren erfolgreich in der Oberstufe und im Differenzierungsbereich unterrichten, sind an den Gymnasien präsent.
  • Darüber hinaus könnten die in der Vergangenheit erfolgreichen Maßnahmen zur Weiterqualifizierung von Lehrkräften mit anderen Lehrbefähigungen (sogenannte Sprinterstudiengänge) von den Universitäten schnell wieder aufgenommen werden.

Wir appellieren an Sie, die einmalige Chance zu nutzen, das Fach Informatik in Nordrhein-Westfalen deutlich aufzuwerten und ein starkes, nachhaltiges Signal für eine bessere Bildung in der digitalen Welt zu setzen!

Es grüßen hochachtungsvoll,

Jörg Bienert, Präsident Bundesverband Künstliche Intelligenz e.V.

Prof. Dr. Hannes Federrath, Präsident Gesellschaft für Informatik e.V.

Harald Fisch, Geschäftsführer MINT Zukunft e.V.

Dr. Oliver Grün, Präsident Bundesverband IT-Mittelstand e.V.

Prof. Dr. Tobias Kollmann, Vorsitzender des Beirats Junge Digitale Wirtschaft im BMWi

Alexander Rabe, Geschäftsführer eco – Verband der Internetwirtschaft e.V.


[1] https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMST17-1499.pdf