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GI-Fellow Rüdiger Dierstein gestorben

Nach einem erfüllten Leben verstarb Rüdiger Dierstein, S.M. im Alter von 80 Jahren.

Rüdiger Dierstein hat sich mit seinen Beiträgen zur Verlässlichkeit von IT-Systemen bereits verdient gemacht als eine Sicherheitsszene nur rudimentär existierte. Dabei betrachtete Rüdiger Dierstein Sicherheit nicht nur allein technikbezogen, sondern stets von zwei einander ergänzenden Standpunkten aus - und diesen Begriff prägte er: Duale Sicherheit. Dem Ziel der technischen Verlässlichkeit stellte Rüdiger Dierstein das Ziel der - die gesellschaftlichen/menschlichen Auswirkungen berücksichtigenden - Beherrschbarkeit gegenüber. Die Aspekte Beherrschbarkeit und Verlässlichkeit sind seitdem fester Bestandteil jeder seriösen Betrachtung im Bereich IT-Sicherheit.

Schon früh schlug Rüdiger Dierstein auch die Brücke zwischen Datenschutz und IT-Sicherheit. Mit diesem Gedanken war er seiner Zeit ein Vierteljahrhundert voraus. Auch beschrieb er schon 1985 auf der 9. Datenschutzfachtagung wesentliche Aspekte des (damals neuen) Virus-Phänomens und wies in Deutschland erstmals auf die Risiken dieser neuen Entwicklung hin. Viele seiner Kollegen glaubten ihm damals nicht. Von vielen IT-Anwendern und -Herstellern, die diese neuen Risiken lieber geheim gehalten sehen wollten, wurde er harsch kritisiert, ja verspottet. Rüdiger Dierstein ließ sich aber weder von Spott noch von Anerkennung beeindrucken. Titel galten ihm weit weniger als Argumente, und hatte er - nach intensiven Diskussionen mit Kollegen - seine Meinung gebildet, vertrat er sie vehement und konsequent auch in der Öffentlichkeit.

Ursprünglich war Rüdiger Dierstein Lehrer, Ausbildung war ihm immer leidenschaftlich wichtig. Viele Jahre hat er den inhaltlichen Teil zur IT-Sicherheit bei den Datenschutzausbildungen der von ihm mitbegründeten Ulmer Akademie für Datenschutz und IT-Sicherheit (udis) bestritten. Noch bis 2008 hat er im hohen Alter von 78 Jahren Vorlesungen an der TU München gehalten. Für die Carl-Cranz-Gesellschaft e.V. hat er sogar bis in dieses Jahr hinein Seminare zum Thema „Sicherheit in Netzen – Probleme und Lösungen“ durchgeführt. Er war ein ausgezeichneter Redner, der es überzeugend verstand, seine Zuhörer zu begeistern und mitzureißen. Ein scharfsinnig bissiger Humor und ein schier unerschöpflicher Schatz literarischer Zitate (gern von Wilhelm Busch), halfen Rüdiger Dierstein dabei. So konnte er gerade auch unangenehme Wahrheiten in einer Weise formulieren, dass deren zuweilen dunkle und komplexe Hintergründe auf kompakte Weise deutlich und verstehbar wurden. Gleichzeitig hat er sich um die Organisation von Lehre speziell im Bereich Datenschutz und IT-Sicherheit gekümmert, indem er die Gesellschaft für Informatik regelmäßig zur Berücksichtigung dieses Themas in ihren Lehrempfehlungen anhielt. Seine Sichtweisen sind zudem in die Ausbildung von Datenschutzbeauftragten nach dem 'Ulmer Modell' eingeflossen.

Rüdiger Dierstein war ab 1980 Sprecher des damals neuen Fachbereichs 4 'Informationstechnik und technische Nutzung der Informatik' der GI. 1985 betreute er als Mitglied des Organisationskomitees die erste GI-Tagung 'Datenschutz und Datensicherung im Wandel der Informationstechnologien' - den Vorläufer der späteren VIS-Tagungen. Seinem idealistischen Einsatz ist es großenteils zu verdanken, dass sich die GI auch in der Öffentlichkeit als kompetente Fachgesellschaft für IT-Sicherheit positionieren konnte, etwa in vielen Diskussionen um das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und dessen Aktivitäten, z.B. im Bereich der IT-Sicherheitsevaluation und -Zertifizierung. Darüber hinaus lag ihm die Gründung des Fachausschusses Umweltinformatik im Fachbereich 4 sehr am Herzen. Rüdiger Dierstein war auch Gründungsmitglied und in frühen Jahren treibende Kraft der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherung (GDD), die er sich immer als engagierte - dem Datenschutz nicht nur dem Wort sondern auch dem Sinn nach verpflichtete - Vereinigung wünschte.

Die Dualität der Informationssicherheit, wie sie Rüdiger Dierstein bei der Betrachtung des Themas Sicherheit vordachte, prägte auch den 2002  von ihm mit gegründeten GI-Fachbereich 'Sicherheit, Schutz und Zuverlässigkeit' deutlich. Der einerseits aus mehreren GI-Gliederungen einschließlich der Fachgruppe VIS (Verlässliche IT-Systeme) und andererseits aus mehreren neu gegründeten Fachgruppen entstand und eine gesamtheitliche Sicht auf das Thema IT-Sicherheit ermöglicht. Seine Vorstellungen haben diesen Fachbereich nachhaltig geprägt. Auch im Arbeitskreis 'Begriffe der Informationssicherheit' hat er sich prägend engagiert - ebenso auch bei Initiativen zu Normung und Standardisierung.

Rüdiger Dierstein hat den Präsidiumsarbeitskreis 'Datenschutz und IT-Sicherheit' 1986 mit gegründet, von 1993 bis 2002 als Sprecher geformt und zielstrebig personell ausgebaut. Sein selbstloses Engagement bei der Durchsetzung der Ergebnisse des Arbeitskreises und der Förderung der Aktivitäten seiner Mitglieder, speziell der jüngeren, ist unvergessen: Wer sich für GI-Positionen einsetzte, fand bei Rüdiger Dierstein nicht nur immer ein offenes Ohr, sondern auch - wenn Diskussionen länger wurden - ein Gästebett in seinem Bauernhaus in Weßling. Und wenn es darauf ankam, auch den substantiellen Einsatz für finanzielle Unterstützung, für deren Realisierung Rüdiger Dierstein auch selbst erheblichen Verzicht übte. So hat Rüdiger Dierstein die Reaktionen der GI auf aktuelle Ereignisse im Bereich von Datenschutz und IT-Sicherheit nicht nur gestaltet, sondern auch nachhaltig begründet.

In Anerkennung seiner Lebensleistung wurde Rüdiger Dierstein im Jahre 2004 zum Fellow der  Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) ernannt. Diese Auszeichnung der Gesellschaft für Informatik erhalten Persönlichkeiten, die sich in herausragender Weise um die GI und die  Informatik verdient gemacht haben.

Mit Rüdiger Dierstein verliert die Informatik einen charismatischen Vordenker der dualen IT-Sicherheit und einen prägenden Kopf der Diskussionen um die Themen Datenschutz und IT-Sicherheit, der sich durch seine wissenschaftliche Arbeit und sein ehrenamtliches Engagement insbesondere als Motivator Jüngerer und als Katalysator für Kollegen hohe Anerkennung erworben hat. Rüdiger Dierstein hat sich um den Datenschutz und die IT-Sicherheit in Deutschland weit über die Grenzen der Gesellschaft für Informatik hinaus verdient  gemacht. 

Wir stehen in Ehrfurcht vor dieser Lebensleistung und trauern zusammen mit seiner Frau Ulli, auf deren Unterstützung Rüdiger Dierstein immer zählen konnte.

Stefan Jähnichen, Präsident der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI)
Hannes Federrath, Sprecher des Fachbereichs 'Sicherheit, Schutz und Zuverlässigkeit'
Hartmut Pohl, Sprecher des Päsidiumsarbeitskreises 'Datenschutz und IT-Sicherheit' und alle MitstreiterInnen